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Borussia Mönchengladbach:In der Tiefe

Borussia Mönchengladbach - FC Bayern München

Beeindruckend, wie Manuel Neuer seine Pranken ausfährt. Der Gladbacher Jonas Hofmann überwand ihn trotzdem zweimal.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

Die Abwehr des FC Bayern erleichtert es den Borussen, ihr Konterspiel durchzusetzen. Besonders der zweimalige Torschütze Jonas Hofmann und Passgeber Lars Stindl gelingt es, beim 3:2-Erfolg überfallartig in die porösen Münchner Reihen einzutauchen.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

"Die Tiefe" ist ein Abenteuerfilm aus den Siebzigerjahren. Die Tiefe beginnt unterhalb der Meeresoberfläche und birgt ein verheißungsvolles Schiffswrack. Oberhalb der Meeresoberfläche lauern derweil irdische Gefahren. Beim Fußball beginnt die verheißungsvolle Tiefe hinter der gegnerischen Abwehrkette. Dorthin will man eintauchen, dann ergeben sich beste Torchancen. Steht die gegnerische Abwehrkette sehr hoch, also weit weg vom Tor, dann birgt die Tiefe viele Möglichkeiten. Steht die gegnerische Abwehrkette hingegen nah am Tor, dann ergibt sich wenig. Denn bei Ebbe ist schlecht tauchen. Die Fußballer von Borussia Mönchengladbach nutzten aus, dass Bayerns Defensive zurzeit eine Art Wrack ist.

Die Münchner Abwehr steht sehr hoch im Feld. Diesen Gefallen tat sie auch den Borussen. Dass die Gladbacher nach 26 Minuten bereits mit 0:2 in Rückstand lagen, hat die Sache im Nachhinein sogar noch vereinfacht, hat den Gladbachern aber auch jenen Mut der Verzweiflung beschert, den sie gebraucht haben, um die Gäste noch aggressiver zu bedrängen und Ballgewinne zu erzwingen, mit denen sie hinabtauchten in die Tiefe der Münchner Defensive.

Gladbachs herausragende Kampftaucher waren Jonas Hofmann und Lars Stindl. In der 35. Minute eroberte Hofmann mit Hilfe seines Teamkollegen Ramy Bensebaini einen Fehlpass des Münchners Benjamin Pavard. Hofmann spielte zu Florian Neuhaus, der zu Stindl. Gladbachs Kapitän schickte den durchsprintenden Hofmann in die Tiefe und ließ ihn mit dem 1:2 den ersten Schatz finden. Den zweiten fand Hofmann nur zehn Minuten später, noch kurz vor der Pause. Da eroberte Stindl einen Ball vom Münchner Joshua Kimmich und schickte erneut Hofmann in die Tiefe. Mit dem 2:2 war die Wende eingeleitet. Die Münchner japsten nach Luft - und erlitten in der 49. Minute den Kollaps.

Hofmann eroberte einen mauen Pass vom Münchner Niklas Süle, spielte Doppelpass mit Breel Embolo und bediente im Zentrum seinen Kollegen Florian Neuhaus, der vom Strafraumrand zum 3:2-Siegtor einschoss. "Florian Neuhaus wird einmal ein Spieler für Bayern München werden", sagte am Sonntag bei Sky der frühere Düsseldorfer Trainer Friedhelm Funkel, der Neuhaus 2017/18 bei der Fortuna trainierte. "Neuhaus gehört die Zukunft des deutschen Fußballs", sagte in derselben Sendung Lothar Matthäus. Neuhaus ist 23 Jahre alt, sein Vertrag gilt bis 2024.

Hofmann ist bereits 28 Jahre alt und Stindl sogar 32. Ihnen gehört vielleicht noch die nahe Zukunft, auf jeden Fall aber die Gegenwart. "Hoffi denkt sehr vertikal", sagt Gladbachs Trainer Marco Rose über Hofmann. In der Psychologie beschreibt "vertikales Denken" das rein Logische, streng Rationale. Das passt zwar auch auf Gladbachs Konterspiel, aber beim Fußball beschreibt "vertikales Denken" das Spiel in die Tiefe. "Wir wollten Hoffi mit Ball als Stürmer in die letzte Linie bringen", sagte Rose hinterher. Auftrag erfüllt.

In dieses Hochgefühl hinein darf aber nicht übersehen werden, dass Gladbachs Chancenverwertung in den vergangenen Wochen eher mau gewesen war. Deshalb beträgt ihr Rückstand auf die Champions-League-Plätze immer noch vier Punkte. Gegen hochstehende Gegner wie Leipzig (1:0) und Bayern (3:2) sowie in der Champions League gegen Inter Mailand, Real Madrid (je ein Mal 2:2) oder Schachtar Donezk (6:0 und 4:0) haben sie ihre Kampftaucherqualitäten ausgenutzt. Gegen tief stehende Gegner jedoch tun sie sich schwer. Gladbach muss noch lernen, auch bei Ebbe zu tauchen.

© SZ/hoe/tbr
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