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Borussia Mönchengladbach -:Im dritten Wellental

Die Borussia erlebt bereits die dritte Formdelle dieser Saison. Nach der zehnten Auswärtsniederlage, dem 0:2 beim designierten Absteiger Hannover, wird auch Trainer Schubert in Frage gestellt.

Von Jörg Marwedel, Hannover/München

Lars Stindl mochte nach dem 0:2 seines Arbeitgebers Borussia Mönchengladbach bei Hannover 96 nichts mehr hören von den Sätzen, die er vor der Partie gesagt hatte. Der frühere 96-Kapitän hatte gestanden, dass er immer noch "mitleide" mit seinen früheren Kollegen, die auch nach diesem Sieg der allererste Kandidat für Liga zwei bleiben. Stattdessen befasste er sich nun ausschließlich mit der Misere seines neuen Teams und formulierte Urteile wie dieses: "Wir müssen jetzt nicht mehr von großen Zielen sprechen." Große Ziele hatten die Gladbacher vergangenes Jahr erreicht, als sie in der Champions League mitspielen durften. Nun darf man froh sein, wenn es überhaupt noch für die Europa League reichen würde.

Die Gladbacher haben ihr drittes Wellental in dieser Saison erreicht. Erst die sechs Pflichtspiel-Niederlagen zu Beginn, die zum Ausstieg des Trainers Lucien Favre geführt hatten; dann ein kleiner Knick, nachdem zuerst Favres Nachfolger André Schubert alles gewonnen und sie wieder auf einen Spitzenrang geschoben hatte. Und nun, nach der zehnten Auswärtsniederlage und mittlerweile 47 Gegentoren, ist die Frage erlaubt: Hat Schubert, der vor einer Woche schon ein 0:1 in Ingolstadt erklären musste, die Fähigkeit, das Team auch aus dieser erneuten sportlichen Krise zu befreien?

Hannover 96 v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga

Ein Torschütze, viele Zuschauer: Beim 2:0 des Hannoveraners Artur Sobiech halten gleich zwei Gladbacher Sicherheitsabstand.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Gnadenloses Fazit: "So geht Bundesliga nicht."

Nimmt man nur die Partie in Hannover zum Maßstab, müsste man Schuberts Aussage, nach der "die Jungs wollten", bezweifeln. Gegen jene Elf, die zuletzt siebenmal in Serie daheim verloren hatte mit einem Torverhältnis von 1:14, lief man sechs Kilometer weniger (119:113) und setzte 45 Mal seltener zum Spurt an (241:196). Nicht 96 schien der designierte Absteiger zu sein, sondern die Gäste aus dem Rheinland. Sogar bei der Ballannahme habe man Probleme gehabt, sagte Kapitän Martin Stranzl. Manager Max Eberl diagnostizierte: "So geht Bundesliga nicht."

In der Abwehr liefen die Borussia-Profis mehrmals dramatisch hinterher. Etwa beim 1:0 in der 49. Minute, als der 19-Jährige Flügelspieler Noah-Joel Sarenren-Bazee den Verteidigern Andreas Christensen und Oscar Wendt davonlief wie ein Hase zwei lahmenden Füchsen. Danach bediente er den 19-Jährigen Waldemar Anton, unter dessen Direktschuss Torwart Yann Sommer hindurch tauchte. Zwölf Minuten später bewegte sich dann die komplette Borussia-Defensive langsamer als Schildkröten. Da konnte sich Kenan Karaman ungestört drehen und an den Pfosten schießen, und Artur Sobiech bugsierte den Abpraller ohne weitere Belästigung zum 2:0 ins Tor.

Schema & Statistik

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Keeper Sommer, der das Versagen aus nächster Nähe beobachten konnte, zog ein düsteres Fazit: "Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht absacken." Nämlich in jenes Tabellen-Mittelfeld, wo sich allenfalls Aufsteiger wie Ingolstadt oder Darmstadt wohlfühlen. Auch der lange verletzte Kapitän Stranzl, der erstmals seit sieben Monaten wieder in der Startelf stand, war überfordert - und das, obwohl er noch zu den Besseren in einer lausigen Mannschaft zählte. Dass der bald 36-Jährige, der im Sommer seine Laufbahn beendet, seinem österreichischen Landsmann Martin Hinteregger vorgezogen wurde, könnte auch Schlüsse auf die Personalpolitik der Gladbacher zulassen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Borussia den von RB Salzburg ausgeliehenen Verteidiger für die vereinbarten sieben Millionen Euro Ablöse fest verpflichtet.

Liverpool buhlt um Mahmoud Dahoud

Auch sonst wird auf Manager Eberl einige Arbeit zukommen. Angeblich ist der FC Liverpool extrem an Mahmoud Dahoud interessiert, was den Youngster in Hannover offenbar stark vom Spiel ablenkte. Auch der "Aggressive Leader" Granit Xhaka, der in Hannover bereits das sechste Spiel wegen einer Sperre verpasste, ist umworben - anscheinend ist der FC Arsenal ein ernsthafter Bewerber, obwohl Eberl darauf beharrte, bisher gäbe es keine Angebote.

Bei Hannover 96 konnte Interimstrainer Daniel Stendel ("Ich habe Bock auf diesen Job") sein Team wie eine Woche zuvor beim 2:2 in Berlin "emotional mitnehmen", wie der verletzte Mittelfeldspieler Edgar Prib feststellte. Mit den bei 96 ausgebildeten Nachwuchsprofis Sarenren-Bazee und Anton kann man sich vorstellen, dass in der zweiten Liga ein neues Team heranwächst, das wieder zu höherem berufen ist. Das Publikum war jedenfalls sehr dankbar, dass sich das Team nicht mehr gehen ließ wie zuletzt unter Thomas Schaaf. Es feierte den vermeintlichen Absteiger.

© SZ vom 17.04.2016
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