„Gloria in Excelsis Deo“, sangen die frommen Ultras von Borussia Mönchengladbach nach dem 4:1-Sieg gegen Holstein Kiel. Weil sie durch einen Triumph im finalen Heimspiel des Kalenderjahres aber nicht gleich in tiefe Gottesfürchtigkeit verfielen, intonierten sie nur die adventliche Melodie und ersetzten die Textzeile durch ein vergleichsweise profanes „Schalalala, VfL Borussia“.
Von höheren Mächten berichtete auch Flügelstürmer Robin Hack, der mit dem 2:0 seinen ersten Saisontreffer beigesteuert hatte und hernach den „großartigen Spirit“ beschwor, der diese zuletzt jahrelang freudlos wirkende Gladbacher Mannschaft „in den letzten Wochen“ ergriffen habe. 15 Punkte allein aus den jüngsten acht Spielen haben die Borussen eingesammelt und dadurch bereits die untersten Sprossen der tabellarischen Himmelsleiter hinein in die Europapokalsphären erklommen. Ob man da nicht von Europa zu träumen beginne, wurde Hack gefragt – und antwortete so demütig, wie Vereine das von ihren Spielern gerne hören: „Da schauen wir jetzt noch nicht drauf.“
Die Historie spielt bei einem Verein wie Borussia Mönchengladbach, der nächstes Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, ja stets eine große Rolle. Als Gladbach zuvor letztmals gegen Holstein Kiel gespielt hatte, da standen in der Elf auf dem Bökelberg die Stürmer Jupp Heynckes und Herbert Laumen, im Mittelfeld spielte Günter Netzer und am Spielfeldrand dirigierte der Trainer Hennes Weisweiler. Am 5. Juni 1965 gewann Gladbach gegen Kiel 1:0 und sammelte diesen Sieg im Rahmen einer Aufstiegsrunde gerne ein, um drei Wochen später erstmals in die Bundesliga aufzusteigen. Gladbach gewann damals, im Sommer 1965, die Aufstiegsgruppe 1, die Gruppe 2 gewann Bayern München. Vor ein paar Wochen ist mit 59 Jahren Verspätung dann auch Holstein Kiel aufgestiegen.
Wenn man dann 59 Jahre auf einen neuerlichen Besuch wie jenen der Kieler warten muss, dann hat man es ja oft umso eiliger. 36 Sekunden benötigten die Gladbacher am Samstag, um 1:0 in Führung zu gehen. Franck Honorat flankte auf Tim Kleindienst, der traf per Kopf. Am Ende gewannen die Borussen 4:1 (3:1), weil auch noch Hack (26.) und zweimal Alassane Pléa (43., 79.) beim zwischenzeitlichen 1:2-Gegentreffer durch Armin Gigovic getroffen hatten. „Wir sind jetzt deutlich stabiler als noch vor ein paar Wochen“, lobpries Sportvorstand Roland Virkus und bezog sich auf die aktuelle Heimstärke der Gladbacher mit zwei souveränen 4:1-Siegen gegen Bremen und Kiel, einer 2:0-Pflichterfüllung gegen St. Pauli und einem respektablen 1:1 gegen die Champions-League-Mannschaft Borussia Dortmund.
Tim Kleindienst hat sein persönliches Saisonziel fast schon erreicht
Trainer Gerardo Seoane klingt derzeit ebenfalls deutlich froher als vor ein paar Wochen und sagte: „Ich freue ich, wie die Mannschaft ihre individuelle Qualität auf den Platz bringt.“ Just an dieser gewinnbringenden Summierung der einzelnen Teile hatte es oft gehapert, und als diesbezüglicher Schlüsselspieler wurde auch am Samstag mal wieder der im Sommer aus Heidenheim gekommene Mittelstürmer Kleindienst gefeiert. „Ich habe in meiner Trainerkarriere selten gesehen, dass ein Spieler so schnell eine Kabine so prägen kann“, schwelgte Seoane und fand: „Das ist schon beeindruckend.“
Kleindienst spielte am Samstag erstmals als Gladbach-Kapitän, weil Torwart Jonas Omlin nur noch Ersatzspieler ist und Julian Weigl gelbgesperrt fehlte. „Eine Ehre“ nannte der 29-Jährige das Tragen der Armbinde, erzielte nach 35 Sekunden mit dem 1:0 seinen neunten Saisontreffer und wurde kurz vor Schluss des vermeintlich zehnten wegen minimaler Abseitsstellung beraubt. Vor der Saison hatte Kleindienst das Ziel formuliert, „zweistellig“ zu treffen, nun steht er nach nicht einmal der Hälfte der Saison bereits kurz vor der Erfüllung dieses Ziels.

