DFB-Pokal in Hannover:Gladbach ist die Mogelpackung der Saison

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DFB-Pokal in Hannover: Einst ein echter Anführer und Könner, jetzt wie viele Kollegen im Formtief: Lars Stindl von Borussia Mönchengladbach.

Einst ein echter Anführer und Könner, jetzt wie viele Kollegen im Formtief: Lars Stindl von Borussia Mönchengladbach.

(Foto: Stuart Franklin/Getty)

Die Borussia präsentiert sich beim Pokal-Aus gegen Zweitligist Hannover erneut desolat. Besonders die anhaltende Ambitionslosigkeit des Teams von Trainer Adi Hütter gibt großen Anlass zur Sorge - Sportchef Eberl wirkt angefasst.

Von Ulrich Hartmann

"Ich bin sehr sauer", sagte Adi Hütter. Er sagte es ganz ruhig. Er hatte kein hochrotes Gesicht. Er benutzte keine Kraftausdrücke. Man merkt dem Trainer von Borussia Mönchengladbach eigentlich nie an, wie er sich gerade fühlt. Man muss ihm schon glauben, wenn er sagt, dass er sauer sei, und der Anlass dazu war auch durchaus gegeben.

Gladbach hatte das DFB-Pokal-Achtelfinale beim Zweitligisten Hannover 96 mit 0:3 verloren. Die Blamage fällt noch schlimmer aus, wenn man weiß, dass Gladbach dieses Spiel gut und gerne auch 0:6 hätte verlieren können. Es ist noch immer dieselbe Mannschaft, die vor 15 Monaten Inter Mailand und Real Madrid Punkte abgeluchst und zwei Mal Schachtjor Donezk düpiert hat. Dieselbe Mannschaft, die damals unter dem Trainer Marco Rose den Einzug ins Achtelfinale der Champions League mit überschwänglichen Tänzen zelebriert hatte. Dieselben Spieler.

Doch am Mittwochabend in Hannover wirkten diese Spieler blass, lethargisch und ambitionslos - schon wieder. Es sind dieselben matten Borussia-Fußballer, die von den vergangenen acht Pflichtspielen sechs verloren haben, die in der Bundesliga aktuell nur noch gegen den Abstieg kämpfen - und nun die sehr große Chance verstreichen ließen, in einem Pokalwettbewerb ohne verbliebene übermächtige Favoriten den ersten Titel seit 27 Jahren für diesen stolzen Verein zu gewinnen. Und das auch noch, nachdem sie selbst im Herbst die Bayern mit einem furiosen 5:0 aus dem Wettbewerb geworfen hatten. "Ich versteh's einfach nicht", sagte nach dem Spiel der Kapitän Lars Stindl. Auch ihm war die große Verzweiflung nur bedingt anzumerken. Man musste auch ihm schon glauben, dass ihm das Verständnis fehle.

Hannover ist überrascht, wie wenig Gegenwehr Gladbach leistet

Es gibt bei der Borussia zurzeit nur einen Mann, dem man die Verzweiflung geradezu körperlich anmerkt. Am Tag vor dem Pokalspiel hatte der Sportdirektor Max Eberl in der Pressekonferenz den Eindruck erweckt, als wolle er sich gleich vom Podium stürzen. Der sonst so redselige Bayer hatte sich nur ganz wenige Wörter herausgepresst, er nannte den Trainer Adi Hütter zwei Mal versehentlich "Dieter" und machte einen bedenklichen Eindruck.

Muss man sich also um Hütter Sorgen machen, wenn sein Vorgesetzter ihn Dieter nennt - wie der Vor-Vorgänger Hecking heißt? Ob er Angst um seinen Job habe, wurde Hütter nach der Blamage in Hannover gefragt. "Nein", hat er kurz, knapp und emotionslos geantwortet. Auch das musste man dem Österreicher, vor gerade mal einem halben Jahr für 7,5 Millionen Euro von Eintracht Frankfurt verpflichtet, mal so glauben.

"Wir haben uns in der Winterpause lange unterhalten und dachten eigentlich, wir hätten einen Schritt nach vorne gemacht", sagte Kapitän Stindl. Das erste Spiel nach diesem analytischen Gespräch gewannen die Gladbacher beim Corona-geschwächten FC Bayern 2:1, aber schon das zweite verloren sie gegen Bayer Leverkusen mit 1:2 - und nach dem 0:3 in Hannover steht die Borussia jetzt stimmungsmäßig wieder genau dort, wo sie nach den vier kapitalen Niederlagen am Ende des vergangenen Jahres gestanden hatte (1:4 in Köln, 0:6 gegen Freiburg, 1:4 in Leipzig, 2:3 gegen Frankfurt).

Das Problem ist, dass man gar nicht das Gefühl hat, dass ein neuer Trainer sofort einen markanten Umschwung herbeiführen könnte. Gladbach braucht eine erneuerte Mannschaft. Die dem Fortgang geweihten Schlüsselspieler Denis Zakaria (laut Bild-Zeitung stark umworben vom FC Bayern), Marcus Thuram, Alassane Pléa und Matthias Ginter (in Hannover wieder von Beginn an dabei) können dieser Mannschaft keinen emotionalen Input mehr geben. "Wir waren ziemlich überrascht, wie wenig Gegenwehr Mönchengladbach gezeigt hat", sagte der Hannoveraner Spieler Sebastian Kerk perplex. Beim Gegner stand zwar Gladbach drauf, es war aber kein Gladbach mehr drin. In der Lebensmittelindustrie wird jedes Jahr die "Mogelpackung des Jahres" entlarvt - in der Bundesliga ist das in dieser Saison Borussia Mönchengladbach.

Am Samstag empfangen die Gladbacher in der Bundesliga Union Berlin, eine Mannschaft, die den Begriff der "intrinsischen Motivation" so vorbildlich wie kaum eine andere demonstriert. Damit sich Fußballer in jedem Spiel optimal selbst motivieren können, bedarf es allerdings einer reinen Luft im Kader, und das scheint bei der Borussia derzeit nicht der Fall zu sein. Seit der vormalige Trainer Rose seinen Abschied zu Borussia Dortmund vor einem Jahr erst angekündigt und drei Monate später vollzogen hat, geht dieser Mannschaft immer mehr die Puste aus. Und der neue Trainer Hütter findet dagegen kein Mittel.

"Am Samstag müssen wir die richtigen elf Spieler aufstellen, die die Situation annehmen und ganz klar dagegen steuern", sagt Hütter. Man hört da deutlich heraus, dass das eine verzwickte Aufgabe wird in den Trainingseinheiten der zweiten Wochenhälfte. Ob Ginter spielt oder nicht, Neuhaus, Thuram oder Herrmann - die so häufig diskutierten Personalien scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen. Gladbach wird versuchen müssen, die Saison anständig zu beenden, die Klasse zu halten und im Sommer einen Neuanfang zu probieren.

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