Borussia Mönchengladbach Erst treffen, dann unterschreiben

Die Gladbacher Max Kruse und Christoph Kramer wechseln im Sommer zur Konkurrenz um den direkten Einzug in die Champions-League. Bislang meistern sie das Dilemma mit Bravour.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Christoph Kramer könnte mal bei Max Kruse nachfragen, wie man vorübergehend die linke Gehirnhälfte deaktiviert. Borussia Mönchengladbachs Mittelfeldspieler Kramer müsste am kommenden Samstag den Verstand ausschalten. Er müsste alles Logisch-Analytische ausblenden, um mit reiner Emotion jene Mannschaft von Bayer Leverkusen besiegen zu helfen, mit der er in der kommenden Saison doch eigentlich in der Champions League spielen will.

Kruse ist solch ein psychologisches Kunststück vor acht Tagen gelungen. Da hat er Gladbach in der 90. Minute zum Sieg gegen jenen VfL Wolfsburg geschossen, mit dem er - die Anzeichen deuten auf einen Wechsel hin - bald die Champions League aufmischen will. Kruse und Kramer sind zwei Helden des derzeitigen Gladbacher Höhenflugs, was umso verwunderlicher ist, als sie die Borussia nach dieser herausragenden Saison verlassen werden, ihre künftigen Klubs zuvor aber noch aus dem Rennen schießen sollen.

Höhenflug klingt aufregend und dynamisch. Dabei mag Lucien Favre das Wort "Geduld". Es ist für den französischsprachigen Schweizer leicht auszusprechen und steht für eine im Fußball wichtige Charakterstärke. "Wir brauchten Geduld, wir hatten Geduld und wir wurden belohnt", sagte der Gladbacher Trainer nachdem seine Fußballer durch Traorés Treffer in der 85. Minute mit 2:1 bei Hertha BSC Berlin gewonnen hatten. Das 1:0 hatte Kruse geschossen, genau wie eine Woche zuvor, als er in der 90. Minute das 1:0 erzielte.

Frühe Führung: Max Kruse gelingt gegen Hertha das 1:0 (11.), am Ende gewinnt die Borussia 2:1 und löst Leverkusen auf Tabellenplatz drei ab.

(Foto: Fishing4)

Geduld kann eine Sache von Minuten sein - oder von Jahrzehnten. Gladbach ist Tabellendritter, hat jetzt 60 Punkte und steht damit so gut wie vor 31 Jahren. 1984 gab es die Drei-Punkte-Regel noch nicht, aber wenn man das umrechnet, dann hatte Gladbach seinerzeit drei Spieltage vor dem Saisonende auch 60 Punkte. Michael Frontzeck, Ewald Lienen, Frank Mill und Lothar Matthäus spielten damals noch. Trainer war Jupp Heynckes, der am kommenden Samstag passend zum wichtigsten Borussia-Spiel der jüngeren Vergangenheit seinen 70. Geburtstag feiert. Mitte der Achtziger unter Heynckes weckte Gladbach letztmals Erinnerungen an die großen Erfolge aus den siebziger Jahren. Danach ging es in Wellenbewegungen abwärts. Die Fans brauchten Geduld. Viel Geduld.

Die Gladbacher, die am Montag mit Verteidiger Roul Brouwers verlängert haben, können sich erstmals direkt für die Champions League qualifizieren. Vor drei Jahren musste sie als Tabellenvierter in die Qualifikation gegen Dynamo Kiew - und verloren. So etwas wollen sie sich diesmal ersparen, aber eine Art Qualifikationsspiel haben sie auch am Samstag. Am drittletzten Spieltag empfangen sie mit Leverkusen den um zwei Punkte schlechteren Konkurrenten im Kampf um den direkten Einzug in die Königsklasse. Und der VfL Wolfsburg ist auch nur noch zwei Punkte voraus. "Wahnsinn", sagte Kruse nach dem Sieg in Berlin mit Blick auf das Leverkusenspiel. "Wahnsinn", sagte auch Abwehrmann Tony Jantschke. Es kribbelt in Gladbach und in Leverkusen. Das beobachtet Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking mit gewisser Sorge. "Gladbach und Leverkusen treiben sich gerade gegenseitig hoch", sagt er - und darf sich allenfalls darüber freuen, dass am Samstag nicht beide gewinnen können.

Rückrundentabelle

1. ( 2.) B. Mönchengladbach 14 10 3 1 22:7 33

2. ( 1.) B. München 14 10 1 3 36:11 31

3. ( 3.) Bayer Leverkusen 14 9 3 2 31:12 30

4. ( 4.) VfL Wolfsburg 14 8 4 2 32:17 28

5. ( 5.) Borussia Dortmund 14 7 4 3 23:12 25

6. ( 6.) Werder Bremen 14 7 4 3 21:20 25

7. ( 7.) FSV Mainz 05 14 5 4 5 24:20 19

8. (12.) Schalke 04 14 4 6 4 13:15 18

9. ( 8.) 1. FC Köln 14 3 8 3 13:13 17

10. ( 9.) Hertha BSC 14 4 4 6 11:13 16

11. (11.) FC Augsburg 14 4 4 6 16:19 16

12. (10.) SC Freiburg 14 4 3 7 15:18 15

13. (13.) 1899 Hoffenheim 14 4 3 7 17:24 15

14. (15.) Hamburger SV 14 4 2 8 12:28 14

15. (14.) Eintracht Frankfurt 14 3 4 7 17:26 13

16. (17.) SC Paderborn 14 3 3 8 8:33 12

17. (16.) VfB Stuttgart 14 2 4 8 16:26 10

18. (18.) Hannover 96 14 0 6 8 14:27 6

Die Gladbacher haben von ihren zurückliegenden elf Bundesligaspielen keines verloren und sieben gewonnen. Sie sind jetzt die beste Mannschaft der Rückrunde und führen die diesbezügliche Tabelle vor München und Leverkusen an. Das 2:1 am Sonntag war für Trainer Favre der 100. Sieg als Bundesliga-Trainer (32 für Berlin, 68 für Gladbach), aber mehr noch würde ihm der 101. Sieg an diesem Samstag gefallen, denn im Falle eines Erfolgs gegen Leverkusen hätten die Gladbacher die direkte Champions-League-Qualifikation schon fast sicher. Es gibt nur ein Problem - und auch das hat mit jahrzehntelanger Geduld zu tun. In der Bundesliga haben die Gladbacher zuletzt vor 26 Jahren ein Heimspiel gegen Leverkusen gewonnen. Thomas Eichin, Christian Hochstätter und Stefan Effenberg haben beim 2:0-Sieg am 25. Februar 1989 für Gladbach gespielt.

Vielleicht werden Kruse und Kramer einst auch als Referenzen für den derzeitigen Gladbacher Höhenflug genannt. Kramer war zwei Jahre lang ausgeliehen und kehrt im Sommer zu Bayer Leverkusen zurück. Kruse hat mittlerweile eingestanden, beim VfL Wolfsburg bereits einen Medizincheck absolviert zu haben. Dieser Check ist üblicherweise der letzte Schritt, bevor ein Vertrag unterschrieben wird. Wolfsburg wartet auf Kruses Unterschrift. "Der Ball liegt jetzt bei ihm", sagt VfL-Trainer Hecking. Doch Kruse scheint dieser Tage nur Gedanken für Gladbach zu haben. "Das wird ein heißes Spiel", sagt er voller Vorfreude auf die Leverkusen-Partie. Dass man an seiner fußballerischen Integrität zweifeln könnte, ärgert ihn. "Wer mich kennt", sagt er, "der weiß, dass ich immer 100 Prozent gebe."