Borussia Mönchengladbach:Der Trend verheißt Gefahr

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Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, hat es derzeit nicht leicht.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Gladbach gilt als Musterklub, doch 2021 ist ein Unglücksjahr für den Klub. Widrige Umstände zwangen Sportdirektor Eberl zum Improvisieren - nun steckt der Kader in einer Art Transferstau.

Kommentar von Philipp Selldorf

Borussia Mönchengladbach ist in der Chronik der Bundesliga als Großmeister des Sadismus verzeichnet. 12:0 gegen Dortmund (im Jahr 1978), 11:0 gegen Schalke (1967), 10:0 gegen Neunkirchen (1967) und gegen Braunschweig (1984), nicht mal die bekanntlich hemmungslosen Bayern haben ihre Gegner so oft zweistellig besiegt wie die niederrheinischen Borussen.

Dennoch ist es wahrscheinlich nicht der Rachegott des Fußballs gewesen, der ihnen jetzt dieses Spiel gegen Freiburg beschert hat. Dessen Szenenfolge rief im ganzen Land Alarm hervor: Überall informierten Fans andere Fans, dass im Borussia-Park gerade etwas Einzigartiges vor sich gehe. Viele kamen trotzdem zu spät, nach 37 Minuten war der Zauber vorbei, der Zwischenstand von 0:6 nahm den Endstand vorweg.

Bereits vor ein paar Wochen wurde eine Partie am nämlichen Ort mit dem Etikett "historisch" versehen, Ende Oktober brauchten die Gastgeber keine volle Stunde, um dem FC Bayern fünf Treffer zu verpassen. In der vorigen Woche gab es dann im ungleich wichtigeren Spiel gegen den Erbfeind Köln die höchste Niederlage seit 25 Jahren (1:4).

Der Gladbacher Kader steckt in einer Art Transferstau

Die Gegensätze lassen ahnen, dass etwas nicht stimmt in diesem Verein, und man braucht keinen Doktorhut der Hennes-Weisweiler-Akademie auf dem Kopf zu tragen, um zu erkennen, dass es nicht an der Klasse der Spieler liegt. In Abwehr, Mittelfeld und Angriff ist der Kader fast lückenlos hochwertig besetzt. Am Sonntag saßen unter anderen die (Ex-)Nationalspieler Kramer, Stindl und Neuhaus auf der Bank, der Trainer Adi Hütter hat Mühe, die Startplätze so zu vergeben, dass keine Unruhen ausbrechen.

Seit der sagenhaften Kehrtwende mit Lucien Favre vor zehn Jahren hat sich der VfL zum Musterklub entwickelt, der seine Hausaufgaben stets fristgerecht, fehlerfrei und in Schönschrift erledigt hat, weshalb er viele, auch besser bemittelte Konkurrenten hinter sich gelassen hat. Das Jahr 2021 aber ist ein Unglücksjahr für den Früh-Planer Max Eberl, widrige Umstände zwangen ihn zum Improvisieren.

Erst wechselte abrupt der Trainer Marco Rose die Seiten, dann funktionierte das Transfergeschäft nicht nach der bewährten Formel: Stars teuer verkaufen, die kommenden Stars günstig einkaufen, nach dieser Methode hat Eberl jahrelang für sportliches Wachstum gesorgt. Nun steckt der Kader in einer Art Transferstau: Spieler wie Ginter, Zakaria, Plea oder Thuram stehen zur Disposition, und auf einmal tut sich die Mannschaft schwer in ihrem Alltagsleben. Der Trend verheißt Gefahr. Als er vor den Schwierigkeiten in Frankfurt die Flucht ergriff, hat Hütter womöglich nicht geahnt, dass der Job im angeblich idyllischen Mönchengladbach keineswegs leichter ist.

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Alassane Plea (Borussia Moenchengladbach) nach dem 0:1 05.12.2021, Fussball GER, Saison 2021/2022, 1. Bundesliga, 14. S

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