Gladbach in der Krise:Gesucht: Gier und Wucht von Haaland

23.09.2021, Mönchengladbach, GER, Fussball, Herren, BL, Saison 2021/2022, Borussia Moenchengladbach Training Hannes Wol

Hör mal, Hannes, wir müssen gieriger werden: Trainer Adi Hütter, rechts, hier mit Landsmann Wolf, führt derzeit viele Einzelgespräche.

(Foto: Dirk Paeffgen/imago)

Eingespielte Mannschaft, teurer Trainer - Gladbach wollte wieder oben angreifen. Doch nach fünf Spieltagen steht die Borussia auf dem drittletzten Platz. Sportdirektor Max Eberl richtet klare Worte an die Spieler.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Wer Max Eberl fragt, ob der eine oder andere Gladbacher Fußballer vielleicht traurig ist, dass er gerade bei der Borussia am Niederrhein spielt statt bei einem renommierten Champions-League-Klub auf der hell ausgeleuchteten europäischen Bühne, der erntet vom sonst so freundlichen Gladbacher Sportdirektor einen kleinen emotionalen Ausbruch. "Das ist genau mein Thema!", antwortet der 48-Jährige dann und sagt mit deutlicher Strenge: "Wenn einer traurig ist, dass er sich nicht auf der internationalen Bühne präsentieren kann, dann soll er dazu beitragen, dass das im nächsten Jahr wieder anders ist."

Es ist sieben Monate her, dass der vormalige Gladbach-Trainer Marco Rose seinen Wechsel zu Borussia Dortmund angekündigt hat und die Mannschaft anschließend alle Saisonziele sowie die Qualifikation für jeglichen Europapokal-Wettbewerb verspielte. Im Sommer gab es vielleicht auch deshalb kein einziges Angebot für einen der hochgehandelten Borussen. Und unter ihrem neuen Trainer, dem Österreicher Adi Hütter, haben sie sich jetzt auch noch auf dem drittletzten Tabellenplatz eingefunden, um am Samstagabend Borussia Dortmund zu empfangen - und ihren ehemaligen Trainer Rose.

Dass Gladbach, wie Eberl es nennt, "holprig" in die Saison gestartet ist, liege an einer ganzen "Melange von Themen": Trainerwechsel, Komplikationen in der Vorbereitung, Verletzungen; zuletzt fehlten die Nationalspieler Jonas Hofmann, Ramy Bensebaini, Stefan Lainer und Marcus Thuram. Aber auch daran, "dass die Leistungsträger, die spielen, momentan nicht ihr Topniveau erreichen". Die Summe dieser Probleme habe dazu geführt, "dass wir nicht die Leistung gebracht haben, die wir bringen können, und dass wir nicht zufrieden sind mit dem Saisonstart." Aber wer verantwortlich ist? Eberl gibt sich dann doch noch moderat und sagt: "Wir tragen alle gemeinsam die Verantwortung: der Sportdirektor, die Trainer, aber auch die Spieler."

"Ich habe nicht einen Spieler gehört, der gesagt hat: Ich will unbedingt weg"

Diese Spieler haben in den ersten Partien der noch jungen Bundesliga-Saison den Eindruck erweckt, als ob sie die verkorkste Rückrunde der vergangenen Spielzeit noch nicht ganz abgehakt hätten. Matthias Ginter oder Denis Zakaria hätten sich im Sommer vielleicht gut einen Wechsel vorstellen können, aber eben: Es gab kein Angebot. "Wir haben nie eine Anfrage abgelehnt, weil es nie etwas zu diskutieren gab", sagt Eberl. "Ich habe allerdings auch nicht einen Spieler gehört, der gesagt hat: Ich will unbedingt weg." Zwischenzeitlich, so Eberl, habe man in den Medien den Eindruck gewinnen können, die halbe Gladbacher Mannschaft sei auf dem Absprung. "Aber die Behauptung, dass Alassane Pléa verkauft werden soll, kam von außen, und für Denis Zakaria gab es eben nicht das Angebot, bei dem er gesagt hätte, er will das unbedingt machen."

Also sind alle dageblieben, was dem Klub sportlich eigentlich zum Vorteil hätte gereichen sollen. Trotzdem legte die eingespielte Mannschaft nach einer miserablen Rückrunde nun auch noch den schlechtesten Saisonstart seit sechs Jahren hin - seit im September 2015 Trainer Lucien Favre nach fünf Spieltagen ohne jeglichen Punkt von sich aus hinwarf.

Matthias Ginter (Borussia Moenchengladbach 28) GER, FC Augsburg vs. Borussia Moenchengladbach, 1.Bundesliga Fussball, 5

Matthias Ginter gehört normalerweise zu den absoluten Stützen bei Mönchengladbach - sein Vertrag läuft im Sommer aus.

(Foto: Roger Buerke /Eibner/imago)

Man braucht so etwas von Trainer Hütter nicht zu erwarten. Das würde er schon deshalb nicht tun, weil die Gladbacher für ihn 7,5 Millionen Euro an Eintracht Frankfurt überwiesen haben. Der Österreicher hat in Hessen gezeigt, dass er ein guter Trainer ist, und wer die Ballbesitz- und Passquoten der Gladbacher aus den ersten fünf Spielen sieht, der mag auch gar nicht so recht glauben, dass sie in der Tabelle jetzt Sechzehnter sind. Die zweitbeste Passquote der Liga haben sie mit 87 Prozent und mit 56 Prozent Ballbesitz mehr als 14 andere Teams - aber mit fünf Toren kommen sie auf die fünftwenigsten Treffer und angesichts von 89 Torschüssen auf die drittschlechteste Quote. Wo hapert es genau im letzten Drittel des Spielfeldes?

"Ich vermisse da momentan den absoluten, letzten Willen, das Tor machen zu wollen", sagt Eberl. "Ich vermisse da auch eine gewisse Einfachheit, die der Fußball manchmal braucht." Die Mannschaft sei spielerisch ambitioniert. "Wir wollen Fußball spielen und wollen auch im Strafraum noch Fußball spielen, aber manchmal ist es vonnöten, einem Gegner mit Fernschüssen zu imponieren oder mit einer gewissen Unberechenbarkeit." Das Gladbacher Spiel sei aber mit der Zeit berechenbar geworden.

Eberl hat selbst zwei wichtige Aufgaben vor der Brust

"Gier und Wucht und Gradlinigkeit", fordert Eberl für eine Borussia, die sich mit bewährtem Personal bislang noch zu wenig weiterentwickelt. Als Vorbild kommt da am Samstagabend BVB-Stürmer Erling Haaland, der in dieser Hinsicht momentan vermutlich eindrucksvollste Spieler der Bundesliga. Aber Eberl will es gar nicht auf den Norweger reduzieren. "Diese Gier merkst du Erling Haaland an, aber die merkst du auch Robert Lewandowski, Thomas Müller und Leon Goretzka an."

Gegen Dortmund will Eberl von der Mannschaft eigentlich bloß etwas ganz Einfaches sehen, nämlich "einfach nur das, was wir gegen Bayern München gezeigt haben". Das 1:1 war das erste und bislang beste Gladbacher Spiel in dieser Saison. Da haben sie zumindest die erforderliche Gier gezeigt. Könnten sie das wiederholen, sähe Eberl schon einen guten Schritt nach vorne.

Während er die Spieler genau beobachtet, hat der Sportdirektor aber selbst zwei wichtige Aufgaben vor der Brust. Die Verträge von Zakaria und Ginter laufen am Saisonende nämlich aus. Zwei so wertvolle Spieler wollte der Klub eigentlich nie ablösefrei gehen lassen, aber im Moment muss er wohl damit rechnen.

© SZ/sjo/mp/tbr
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