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Borussia Mönchengladbach:Ballon geplatzt

Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC

Dem Weltmeister vorgezogen: Der 19-jährige Michael Cuisance (r., gegen Marko Grujic) wurde nach einer guten halben Stunde für Jonas Hoffmann eingewechselt, Christoph Kramer blieb dagegen auf der Bank.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Nach zwölf Heimsiegen in Serie patzt Gadbach gegen Hertha. Das Gerede um den möglichen Meistertitel habe den Spielern den Kopf verdreht, räumt Trainer Hecking ein.

Die Euphorie war auf dem Höhepunkt, kurz bevor Borussia Mönchengladbach den herben Dämpfer erhielt. Die Gladbacher hatten zwölf Bundesliga-Heimspiele in Serie gewonnen, die Klublegenden Lothar Matthäus und Stefan Effenberg hatte Borussia bereits als Meisterkandidat ins Gespräch gebracht und Trainer Dieter Hecking hatte in einem Interview bejaht, er könne sich durchaus vorstellen, einmal Bundestrainer zu werden. Doch just in jenem Spiel, das mit dem 13. Heimsieg hintereinander einen Rekord in der 119-jährigen Vereinshistorie bedeutet hätte, platzte gegen Hertha BSC Berlin der Euphorie-Ballon am Niederrhein. "Wenn man immer höher gehoben wird, ist der Sturz besonders hart", sagte Hecking nach dem 0:3 gegen Berlin.

Nur 18 Gegentore hatte Gladbach zuvor in 20 Ligaspielen zugelassen und zehn Mal hatte Torwart Yann Sommer seinen Kasten sauber gehalten, doch nach vier Gegentoren im Hinspiel in Berlin (2:4) kam jetzt der Dreierpack obendrauf. Sie scheinen den Borussen nicht zu liegen - und nicht nur ihnen: Hertha ist der einzige Klub, der bislang gegen die drei Bundesliga-Topteams nicht einmal verloren hat: zwei Siege gegen Gladbach, ein Sieg gegen Bayern München und ein Remis gegen Borussia Dortmund - zwei Rückspiele stehen noch aus. "Besonders schön ist, gegen so eine starke Gladbacher Offensive zu Null zu spielen", sagte Torschütze Davie Selke.

Doch Gladbachs Offensive ist aktuell gar nicht mehr so effektiv. Irgendetwas stimmt nicht mit Borussias Angriffstrio: Alassane Plea schoss seit 4:58 Stunden kein Tor mehr, Thorgan Hazard seit 6:43 Stunden und Lars Stindl seit 10:27 Stunden. Zwei Torschüsse mehr als Berlin (12:10), fast drei Mal so viele erfolgreiche Pässe (560:205) und 69 Prozent Ballbesitz genügten den Gladbachern nicht, um gegen die Hertha nur ein Tor zu erzielen.

Ausgerechnet nach dieser Enttäuschung zeigten sich sowohl die Fans als auch Trainer Hecking und Sportdirektor Max Eberl milde. "Sie waren stets bemüht", witzelte Eberl über seine Spieler im Zeugnisjargon, um zu verdeutlichen, dass er seiner teils jungen Mannschaft die fehlende Konstanz nachsieht. Auch Hecking zielte auf den Faktor Unerfahrenheit: "Wenn man plötzlich zum Dortmund-Jäger ernannt wird, ist das für eine so junge Mannschaft wie unsere nicht einfach."

Es war aber Hecking, der den erfahrenen Christoph Kramer, Weltmeister von 2014, im Mittelfeld wieder auf der Bank belassen hatte und erst nach 81 Minuten einwechselte. Als Jonas Hofmann nach einer guten halben Stunde verletzt raus musste, brachte der Trainer weder Kramer, 27, noch Denis Zakaria, 22, sondern den 19-jährigen Michael Cuisance. Hecking hofft nach dieser deutlichen Niederlage auf "einen Lerneffekt". Diesen benötigen die Gladbacher unbedingt, um in Frankfurt, gegen Wolfsburg und gegen Bayern München nicht weiter Punkte zu verlieren im Kampf um den ersehnten Champions-League-Startplatz. Neun Punkte beträgt der Vorsprung auf den fünften Platz momentan. Dieses Polster ist den Gladbachern wichtiger als der immer noch überschaubare Acht-Punkte-Abstand nach oben, zu Tabellenführer Dortmund.

Trotzdem räumten Eberl und Hecking ein, dass das Gerede um den möglichen ersten Gladbacher Meistertitel nach 42 Jahren den Spielern den Kopf verdreht haben könnte. "Plötzlich denkt man vielleicht, man könne so etwas schaffen wie Leicester in England", sagte Eberl am Sonntag in einer Talkrunde beim Sender Sky. Hecking räumte ein: "Einige der jüngeren Spieler dachten womöglich, sie seien schon so weit." Dieses Missverständnis und Berlins cleveres Umschaltspiel hätten die Gladbacher, so Eberl, "überfordert - aber das finde ich nicht schlimm, das darf mal passieren". Man müsse bloß daraus lernen.

Die Höhe dieser ersten Bundesliga-Heimniederlage seit dem 18. Februar 2018 war aus dieser Perspektive fast schon förderlich: Sie tat den Borussen nämlich weh. Zuvor hat Gladbach in neun Liga-Heimspielen insgesamt nur drei Gegentore zugelassen - und nun drei in nur einer Partie. Salomon Kalou (30.), Ondrej Duda (56.) und Davie Selke (76.) schoben die Hertha mit ihren Toren selbst wieder in den oberen Tabellenbereich. Zwei Punkte sind es nur noch bis zu den Europa-League-Plätzen. Unter Klubs wie Wolfsburg, Hoffenheim und Bremen will sich Hertha-Trainer Pal Dardai durchsetzen: "Von diesen Mannschaften musst du die erste sein." Im nächsten Heimspiel gegen Werder Bremen können sie den nächsten Schritt tun.