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Haaland beim BVB:Wie ein Violinist im Blasorchester

Traf bei seinem Comeback zunächst nicht das Tor: Dortmunds Erling Haaland.

(Foto: AFP)

Bei seinem Comeback trifft Erling Haaland zwar nicht, allein seine Anwesenheit verhilft den verunsicherten Dortmundern aber offenbar zum 2:0-Sieg über den VfL Wolfsburg.

Von Ulrich Hartmann

Am Sonntag jährte sich der Dienstantritt von Erling Haaland bei Borussia Dortmund. Am 3. Januar 2020 war im Trainingszentrum in Dortmund-Brackel nur überprüft worden, wie schnell sich unter Anstrengung in den Muskeln des Norwegers Milchsäure bildet (Fachbegriff: Laktattest). Am Sonntag nun, ein Jahr später, war man gespannt darauf, ob der 20-Jährige nach seiner Verletzungspause kurzfristig würde mithelfen können, eine Ergebnis-Misere zu beenden, die den Klub zuletzt mehrere Tabellenplätze gekostet hatte und ihren Trainer Lucien Favre den Job (Fachbegriff: Krise). Haaland hatte ausgerechnet in dieser Phase wegen eines Muskelfaserrisses sieben Pflichtspiele versäumt.

Obwohl Erling Haaland gegen den VfL Wolfsburg kein Tor schoss, half offenbar schon seine Anwesenheit, die in den Wochen zuvor verunsichert wirkenden Dortmunder zum Sieg zu motivieren. Der von Geduld geprägte 2:0 (0:0)-Erfolg durch ein Kopfballtor des Abwehrspielers Manuel Akanji (66.) und einen formvollendeten Konter von Jadon Sancho in der Nachspielzeit bedeutete nach drei Bundesliga-Heimniederlagen in Serie den ersten Sieg im eigenen Stadion und beförderte die Dortmunder in der Tabelle an Wolfsburg vorbei auf jenen vierten Platz, der zur Champions-League-Qualifikation mindestens benötigt wird. "Wir sind rundum zufrieden", schwelgte der Trainer Edin Terzic nach dem Spiel, "weil das eine ganz schwere Aufgabe war." Angesichts spielerisch auch schwacher Phasen lobte er Einsatz und Körpersprache seiner Spieler ganz besonders.

33 Tore in 32 Pflichtspielen hatte Haaland seit seinem Antritt in Dortmund vor einem Jahr erzielt, und allein in dieser Saison 17 Tore in 14 Pflichtspielen, bevor ihm Anfang Dezember eine Muskelfaser im Hüftbeuger riss. Seither gewann Dortmund zwar je eine Partie pro Wettbewerb in St. Petersburg, Bremen und Braunschweig, umso schmerzhafter für das angeschlagene Selbstwertgefühl schlugen aber die beiden Bundesliga-Niederlagen daheim gegen den VfB Stuttgart (1:5) und bei Union Berlin (1:2) zu Buche. Die Blamage gegen die Schwaben hatte Favre sogar den Job gekostet, so dass Haaland nun erstmals unter dem exklusiven Kommando des Übungsleiters Terzic agierte.

Der 38 Jahre alte Sauerländer nutzte bei seiner persönlichen Heimpremiere als Chefcoach die Ausheilung der Haalandschen Muskulatur, um den Norweger direkt in die Startelf zu berufen. Das erschien auch insofern angemessen, als der 16 Jahre junge Youssoufa Moukoko wegen Knieproblemen nicht mitwirken konnte. Doch Haaland bekam direkt ein bisschen zu spüren, dass dem BVB-Spiel in den vergangenen Wochen das Selbstvertrauen abhanden gekommen ist. Der Stürmer fühlte sich anfangs wie ein Violinist im Blasorchester - er bekam kaum einen Ball.

"In der ersten Halbzeit standen wir zu weit auseinander, um Druck auf den Ball zu bekommen", sagte Terzic nach dem Spiel. Darunter habe auch Haaland gelitten. Dessen erster Abschluss in der 28. Minute war ein harmloser Fernschuss. Fünf Minuten später erreichte ihn erstmals ein langer Ball aus der Tiefe, doch diese Chance vergab er. "Erling gewinnt uns Räume, Tiefe und Zeit", sagt Terzic über die grundsätzliche Relevanz des jungen Norwegers fürs Dortmunder Spiel, aber so gut wie keiner dieser drei Faktoren ergab sich in der ersten Halbzeit. Das lag aber auch daran, dass die Wolfsburger sehr hoch pressten. Sie hatten im ersten Abschnitt durch Xaver Schlager (5.), Yannick Gerhardt (6.) und Wout Weghorst (41.) sogar die besseren Chancen.

Erst kurz vor der Pause wurden die Borussen ein bisschen zwingender. Terzic betätigte sich am Spielfeldrand auffallend als extrovertierter Antreiber, rief viel hinein, beklatschte gelungene Balleroberungen, ballte bei Gelegenheit die Fäuste. Zum Haareraufen fand er in der 53. Minute jedoch die erste ganz große Chance für Haaland, dessen harten Abschluss nach einem Steilpass von Raphael Guerreiro der Wolfsburger Torwart Koen Casteels parierte. So langsam schoss sich Haaland warm.

Doch bevor die fruchtbare Phase dieser Erwärmung den Schlusspfiff nicht mehr erleben sollte, wollte der stets hilfsbereite Innenverteidiger Manuel Akanji lieber auf Nummer sicher gehen. In der 66. Minute köpfelte er eine Ecke von Jadon Sancho zur 1:0-Führung ein. Die Dortmunder schämen sich für Treffer nach ruhenden Bällen keineswegs, es war ihr neuntes Standard-Tor. Für Sancho war das 2:0 in der zweiten Minute der Nachspielzeit tatsächlich das erste Bundesliga-Saisontor. Noch ein Dortmunder, der sich vom Haaland-Comeback hat inspirieren lassen.

© SZ/cca
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