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Borussia Dortmund und Sven Mislintat:Der Stachel im Fleisch des BVB

firo : 12.12.2020 Fußball: Fussball: 1.Bundesliga, Saison 2020/21 BVB, Borussia Dortmund - VfB Stuttgart firo : 12.12.20; Sven Mislintat

Nur zu Besuch: Sven Mislintat, Sportdirektor des VfB Stuttgart, beim Auswärtsspiel seiner Mannschaft in Dortmund, wo er einst selbst als Chefscout arbeitete.

(Foto: Ralf Ibing /firo Sportphoto/pool)

Dortmund kämpft mit der Unwucht im Kader. Nun trifft der Klub in Stuttgart auf seinen einstigen Chefscout Sven Mislintat. Könnte er für den nötigen Umbau zurückkehren?

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Wer hält so ein Auf und Ab eigentlich aus? Mats Hummels, Kapitän ohne Amt bei Borussia Dortmund, hat vor einer Woche noch ratlos die Parole gemurmelt: "Wir müssen jetzt eben von den letzten sieben Spielen sechs oder sieben gewinnen." Das war unmittelbar nach der 1:2-Last-Minute-Pleite gegen Eintracht Frankfurt, dem direkten Konkurrenten um einen Champions-League-Startplatz. Was Hummels da sagte, klang so, als würden sie beim Erzrivalen Schalke schnell noch mal eine Siegesserie zum Saisonende ausrufen. Nur dass die Dortmunder wenigstens am oberen Ende der Tabelle Trübsal blasen. Seit Dienstagabend aber, als Hummels' Truppe bei Manchester City, also gegen die derzeit formstärkste Mannschaft der Welt, über 90 Minuten auf Augenhöhe zu sein schien, sieht alles wieder anders aus. Obwohl auch dieses Spiel 1:2 verloren ging.

Und so geht es beim BVB schon über die gesamte Saison. Mal voll daneben, und dann wieder nahe dran an den eigenen hohen Ambitionen. An diesem Wochenende ist keine Champions League, sondern wieder ein gewöhnliches Bundesliga-Spiel, beim Aufsteiger VfB Stuttgart. Schon nach dem Glamourspiel in Manchester mahnte Hummels, dass man jetzt bitte mal in den Niederungen des Ligaalltags "mit genau so einer Leistung" aufwarten müsse. Und zwei Tage später legte BVB-Brücken-Trainer Edin Terzic nach: "Wir dürfen gegen Stuttgart ruhig auch ein bisschen Wut im Bauch haben."

Zur Erinnerung: Im Dezember siegte der VfB beim BVB mit 5:1

Aber was heißt das schon? Gewöhnliches Bundesliga-Spiel? Zur Erinnerung: Am 12. Dezember räumte der VfB die Borussen in deren eigenem Stadion-Tempel mit 5:1 ab. Am Tag darauf wurde BVB-Trainer Lucien Favre gefeuert und dessen Assistent Terzic zum Chefcoach befördert. Ob es seither wirklich besser geworden ist, darüber ist man sich in Dortmund noch nicht so ganz einig. Damals hatte Favre zwei Punkte Rückstand auf den begehrten vierten Platz, der soeben noch die Champions-League-Qualifikation bedeutet. Nun jedoch hat der BVB schon sieben Punkte Rückstand, auf Frankfurt, den Vierten. Ohne Siegesserie, wie von Hummels gefordert, geht da sowieso nichts mehr.

Der andere Grund, warum in Stuttgart ein besonderes Spiel stattfindet, liegt in einer Personalie: Sportdirektor ist dort Sven Mislintat, 48. Und wenn es einen Stachel im Fleisch der Borussen gäbe, dann wäre das Mislintat. Denn der arbeitete elf Jahre lang beim BVB, er war als Chefscout verantwortlich für viele spektakuläre Dortmunder Entdeckungen. Von Shinji Kagawa über Pierre-Emerick Aubameyang, Raphael Guerreiro, bis zu Ousmane Dembélé, an dessen turbulentem Weiterverkauf zum FC Barcelona der BVB allein über 100 Millionen Euro verdiente. Vor seinem Abschied holte Mislintat noch Jadon Sancho und Dan-Axel Zagadou. Da hatte er sich bereits mit dem damaligen Trainer Thomas Tuchel überworfen, er fühlte sich in Dortmund zu wenig wertgeschätzt, zudem vermisste er die Aufstiegschancen im Klub. Im Dezember 2017 wechselte Mislintat zum FC Arsenal nach London. Seit April 2019 ist er als Sportdirektor der Architekt der Stuttgarter Rasselbande.

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Als Chefscout holte Sven Mislintat einst einige Talente nach Dortmund.

(Foto: GEPA pictures/imago)

Mislintat lockte den weithin unbekannten Trainer Pellegrino Matarazzo zum damaligen Zweitligisten, anschließend fast ein Dutzend Spieler, die fast niemand auf dem Radar hatte: den Japaner Endo aus St. Truiden in Belgien, den Torjäger Kalajdzic aus dem österreichischen Mödling, den Abwehrchef Anton aus Hannover. Dazu die Toptalente Coulibaly (aus der Jugend von Paris Saint-Germain) und Klimowicz (aus Argentinien), außerdem den Leihspieler Mavropanos vom FC Arsenal. Und natürlich einen Kongolesen namens Silas Wamangituka von Paris FC, der, ehe ihn ein Kreuzbandriss ereilte, elf Tore und fünf Vorlagen für Stuttgart verbuchte.

Während in Stuttgart also gerade vieles an die Dortmunder Aufbruchsjahre unter Jürgen Klopp erinnert, krebst die Borussia mit einem viermal so teuren Kader wie der VfB den eigenen Ansprüchen hinterher. Mal Manchester, mal Bundesliga. Am Mittwoch müsste der BVB sein Rückspiel nur mit 1:0 gegen City gewinnen, dann wäre er im Halbfinale. Nur dass in Dortmund kaum einer ernsthaft glaubt, dass man zu null gewinnen könne. Schon gar nicht Abwehrchef Hummels, dem die Defensiv-Unlust vieler Mitspieler seit Monaten erkennbar aufs Gemüt schlägt.

Spieler wie Sancho oder Haaland sind gerade nicht zu Höchstpreisen zu verkaufen

Ohne Platz vier, ohne Champions League in der kommenden Saison, das wäre ein doppelter Schlag ins Kontor. Zum einen bräuchte Dortmund das Geld. 30 bis 40 Millionen Euro springen mindestens heraus, wenn man dabei ist. In Zeiten von Corona, in denen sich das Saisondefizit des BVB in Richtung 50 oder 60 Millionen bewegen könnte, käme ein Fehlschlag zum ungünstigsten Zeitpunkt. Nach Angaben von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke wäre das aber noch zu verkraften.

Zum anderen ist aber auch der Transfermarkt für Profis mit ansonsten relativ hohem Marktwert zäh. Experten gehen davon aus, dass Dortmund allenfalls mit hohen Verlusten Spieler abgeben könnte, um den eigenen Kader umzubauen. Allerdings sind die noch größeren Klubs ebenfalls klamm. Selbst Real Madrid, Barcelona oder Manchester United scheinen derzeit nicht in der Lage zu sein, den Dortmundern ihre begehrtesten Spieler, den Engländer Jadon Sancho, 21, oder den Norweger Erling Haaland, 20, zu standesgemäßen Höchstpreisen abzujagen.

Watzke und sein im Sommer 2022 scheidender Sportdirektor Michael Zorc betonen gerade immer wieder, dass sie Mittelstürmer Haaland schlicht und einfach halten wollen. Vertrag sei Vertrag. Egal, was seine Berater oder der Vater des Spielers meinen. Aber "glücklich" solle Haaland beim BVB schon auch sein. Ob er das ist, wenn er nicht mehr den sparsamen Text bei der Champions-League-Hymne mitsummen kann?

Trotz der ernüchternden Saison in der Bundesliga herrscht in Dortmund wohl weiterhin der Eindruck, dass die Mannschaft nur den richtigen Trainer brauche, und das meiste werde wieder gut. Marco Rose von Borussia Mönchengladbach übernimmt im Sommer von Terzic. Manchen in Dortmund dämmert es aber längst, dass es mit einem neuerlichen Trainerwechsel nicht getan sein wird.

Die Unwucht im Dortmunder Kader, mit all seinen Großtalenten und Stars, scheint in dieser Spielzeit zutage zu treten. Kollektive Defensivleistungen, wie jüngst in Manchester, gibt es nur, wenn Weihnachten und Ostern zusammenfallen oder es wenigstens um die Champions League geht. Dieser Trend ist nicht neu, aber er ließ sich eine Zeit lang überdecken. In den vergangenen zwölf Monaten vor allem durch Haalands spektakuläre Tore. Zugleich aber offenbaren sich die Strukturprobleme im Kader: Nationalspieler wie Nico Schulz, Julian Brandt, Mo Dahoud, Thorgan Hazard, Manuel Akanji oder Raphael Guerreiro bleiben oft hinter dem Versprechen ihrer Namen zurück. Die ordnende Hand scheint zu fehlen.

Bisher gilt Sebastian Kehl als designierter Nachfolger von Sportdirektor Zorc

Wohl auch deshalb halten sich in Dortmund die Gerüchte, dass Mislintat zurückgeholt werden solle. Der gebürtige Dortmunder, der aus der Vorstadt Kamen stammt, hat das öffentlich bisher nur seitwärts weggeschoben. Er habe Vertrag, klar, was man so sagt, aber er sei nun mal Dortmunder, und wenn Anfragen aus der Heimat kämen, dann würde er sich das auch anhören: "Der BVB ist für mich natürlich ein besonderer Verein." Man hört in der Heimat, dass es die Anfragen längst gibt und sie ziemlich konkret sein sollen. Sein Haus in Dortmund hat Mislintat behalten, er lässt es gerade umbauen.

Fragt sich nur, wie sich das mit den Ambitionen von Sebastian Kehl vereinbaren ließe, der derzeit Leiter der Lizenzspieler-Abteilung ist, mit besonders engem Draht zum Kader. Und der bisher als designierter Nachfolger von Sportdirektor Zorc gilt. Es dürfte spannend werden, wie man den langjährigen BVB-Kapitän und Nationalspieler Kehl in eine Balance mit einem wie Mislintat bekommen soll, dessen Gestaltungsanspruch sich in Stuttgart gerade ungestört Bahn brechen darf.

Um den Umbau aber werden sie in Dortmund wohl nicht herumkommen. Unabhängig davon, ob es in der Liga mit Platz vier doch noch etwas wird. Oder ob in der Champions League zunächst das Halbfinale und im DFB-Pokal demnächst das Finale erreicht werden kann. Und was in der Saison darauf Marco Rose bewirken kann. Denn in all dem ständigen Auf und Ab sucht der BVB nach einem klaren Kurs.

© SZ/hoe/sjo/tbr
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