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Borussia Dortmund:Selbst für Dortmunder Verhältnisse laut

Roman Weidenfeller feiert mit Sebastian Rode den Sieg im Elfmeterschießen.

(Foto: AP)

12 000 Gästefans aus Berlin sorgen für Stimmung und für Feuerwerks-Attacken. Ein kurioser Pokal-Abend endet für den BVB nicht im Desaster, weil ein alter Lokalheld zur Stelle ist.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Die kurioseste Nachricht kam gegen viertel vor zwölf. Zu diesem Zeitpunkt hatten die gut 80 000 Zuschauer schon einen versuchten Stadion-Sturm hinter sich, einen verschobenen Spielbeginn, eine Serie von Feuerwerks-Attacken, ein halbes Dutzend mahnender Lautsprecher-Durchsagen, ein zähes Ringen zwischen einem Spitzenklub und einem Zweitligisten sowie ein Elfmeterschießen, in dem kein einziger Gästespieler traf: Es stand, inklusive der Strafstöße, endlich 4:1 für Borussia Dortmund. Das Spiel war vorbei. Dann aber wurde den Fans von Union Berlin noch mitgeteilt, dass die U-Bahnen in Deutschlands siebtgrößter Stadt leider um 0.15 Uhr ihren Betrieb einstellen würden. Die gute Nachricht: Die Bürgersteige würden nicht hochgeklappt.

Dass sich Borussia Dortmund schwer tun würde mit dem aktuellen Zweitliga-Zweiten, war fast schon zu erwarten gewesen in diesem komplizierten Oktober, der den vorher so unerschöpflich wirkenden Kader des BVB durch Verletzungen völlig ins Rotieren versetzt hatte. In der Champions League konnte Dortmund die vielen Ausfälle beim 2:2 gegen Real Madrid und beim 2:1-Sieg bei Sporting Lissabon kompensieren, in der Bundesliga aber gab es zuletzt aus drei Spielen nur zwei Punkte. Und im Pokal gegen Union Berlin, das vom früheren Schalker Trainer Jens Keller gerade zu einem Aufstiegsaspiranten umgepolt wird, reichte es in 120 Spielminuten plus Nachspielzeit zu gerade mal einem einzigen Treffer. Und dieser Treffer war ein Eigentor des Berliners und ehemaligen Dortmunders Michael Parensen. Dass der eben eingewechselte Steven Skrzybski nach 81 Minuten dann noch für Union ausglich, war im Dortmunder Matchplan nicht vorgesehen.

Zwar war das kämpferische Element in diesem Duell der an sich so ungleichen Gegner durchaus unterhaltsam, aber Dortmunds Trainer Thomas Tuchel musste erneut "ein fehlerbehaftetes Spiel" seiner Mannschaft konstatieren, auch wenn er - wie so oft in letzter Zeit - die immerhin gute Erfahrung preisen wollte, die das Durchbeißen und der späte Triumph im Elfmeterschießen mit sich brachten. Ousmane Dembélé, Matthias Ginter und Mario Götze verwandelten da vor - selbst für Dortmunder Verhältnisse - ohrenbetäubender Kulisse zum Sieg. Dortmunds altgedienter Torwart Roman Weidenfeller, der von Tuchel als Trostpflaster die Einsätze im DFB-Pokal zugesprochen bekommt, hielt zwei der Berliner Schüsse und durfte sich anschließend vor der brodelnden Südtribüne auf Brust, Herz und BVB-Emblem klopfen.

Weidenfeller ist ein Lokalheld in Dortmund, und vielen alteingesessenen Borussen tat es gut, dass der von Tuchel einst auf die Bank verbannte Torwart das Weiterkommen sicherte. Ebenso für die Seele der Fans zuständig ist Nuri Sahin, noch so ein Lokalheld: Der beinahe schon vergessene Spielmacher durfte gegen Union erstmals von Anfang an spielen. Bislang hatte er trotz der erheblichen Verletzungs-Sorgen im Kader kaum eine Chance bekommen, sich zu zeigen - angesichts von Sahins immerhin solider Leistung und seiner Gabe, das Spiel der vielen jungen Wilden zu ordnen und beruhigen, drängte sich am Mittwochabend manchen die Frage auf, warum der Routinier in Tuchels Rotationen bisher keine größere Rolle gespielt hat. Ein paar Erwachsene mehr täten dem bisweilen überhitzten Gewusel von Tuchels Rasselbande womöglich ganz gut.

Die Fans in Block 60 und 61 auf der Nordtribüne des Stadions spulten während all dieser Überlegungen ihren ganz eigenen Film ab. 12 000 Gästefans gab es in der Dortmunder Arena wohl noch nie. Die Polizei war schon im Vorfeld gewarnt worden, dass die Union-Fans, die für ihre Qualitäten als zwölfter Mann so berühmt wie berüchtigt sind, mindestens 2500 Euro in Pyro-Feuerwerk investiert haben sollten. "Dortmund soll brennen", sollen die Union-Ultras im Vorfeld in gewohnt martialischem Ton geprahlt haben. Trotz der verschärften Eingangskontrollen rauchte die Nord-Ost-Ecke des größten deutschen Stadions über weite Strecken des Spiels wie ein Kriegsschauplatz.

Die Kontroll-Checks hatten so lange gedauert, dass der Beginn des Spiels um 15 Minuten verschoben werden musste. In den Schlangen vor den Eingängen zu den Gäste-Blocks kam es irgendwann zum Aufruhr und zum Versuch, das Stadion zu stürmen. Auch die zweite Halbzeit konnte nur mit Verspätung angepfiffen werden, weil während der Pause der harte Kern der Union-Fans unter einer gigantischen Choreo- Fahne jede Menge Bengalo-Feuer angezündet hatte. Das Bild der durchgängig in Union-Rot gekleideten Berliner Fans war trotz der Schwaden beeindruckend. In den übrigen Blöcken des riesigen Union-Anhangs waren ebenfalls ausnahmslos alle in Rot und Rot erschienen. Dort gab es das Familienprogramm, ohne Feuer, ohne Kriegsspiele. Einfach nur eine Menge friedlicher Energie und Freude und Zusammengehörigkeit - und ein Publikum, das die eigene Mannschaft bis in jeden Untergang begleiten würde. Das nötigte selbst den berühmten Dortmunder Fans Respekt ab - wie auch die kämpferische Leistung der Berliner Fußballer auf dem Feld.

© SZ vom 28.10.2016/schm
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