Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Mario Götzes Körper muss neu justiert werden

  • Weltmeister Mario Götze leidet an einer Stoffwechselstörung - konkreter soll es um eine Störung des Muskelstoffwechsels gehen.
  • Erst durch Spezialuntersuchungen konnte die Diagnose gefunden werden.
  • Wie lange Götze ausfällt, will im Moment in Dortmund keiner einschätzen - die Erkrankung ist aber in jedem Falle behandelbar.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Auch wenn sich die offiziellen Stellungnahmen von Klub und Spieler noch ein wenig vage halten: Für Mario Götze, den Siegtorschützen im WM-Finale von 2014, dürfte die Fußball-Saison schon jetzt vorbei sein. Sein Arbeitgeber Borussia Dortmund verweist offiziell darauf, dass es sich um "keine Kurzzeit-Sache" (BVB-Chef Hans-Joachim Watzke) handelt und umschreibt die Erkrankung des Nationalspielers als "Stoffwechselstörung" - konkreter soll es um eine Störung des Muskelstoffwechsels gehen.

In diversen Medien bereits als "schwer krank" dargestellt, wissen sie beim BVB natürlich, dass es dem 24-Jährigen, gemessen an wirklich schwer kranken Menschen, geradezu bestens geht. Seine Erkrankung behindert ihn in jenen Extrembereichen, in denen sich nur Leistungssportler mit ihren hochtrainierten Körpern bewegen. Noch in der Bundesliga-Hinrunde, vor wenigen Monaten, gehörte Götze zu den laufstärksten BVB-Spielern, mit einem Pensum von annähernd zwölf Kilometern in 90 Minuten. Gerade im Maximal- und Schnellkraft-Bereich aber, den Top-Fußballer wie Götze für ihre volle Leistungskraft brauchen, machen sich Steuerungsprobleme im sensiblen Stoffverkehr bemerkbar, den der Körper zur Reizleitung und Versorgung im Muskel betreibt.

Der Muskelstoffwechsel ist schon beim Normalmenschen eine sehr komplexe Angelegenheit, die über zahlreiche Botenstoffe zum großen Teil hormonell gesteuert wird. Götze hatte gerade in den vergangenen Monaten häufig unter Muskelproblemen gelitten, nach seiner Rückkehr nach Dortmund, aber auch schon in seinem letzten Jahr beim FC Bayern. Dort fiel er etwa die Hälfte der vergangenen Saison durch Verletzungen aus. Vor allem seit diesem Winter laborierte Götze nun aber so stark an Muskel- und Adduktorenproblemen, dass BVB-Mannschaftsarzt Markus Braun zu sehr spezifischen Bluttests bei Internisten und anderen Spezialisten drängte.

Die Ärzte sind sich sicher, dass sie Götze "eingestellt" bekommen werden

Erst durch Spezialuntersuchungen konnte überhaupt die Diagnose der in dieser Form sehr seltenen Muskelstoffwechsel-Problematik gefunden werden. Nach dem, was man hört, ist Götze nun in Behandlung bei Universitätsmedizinern, die keine Zweifel haben, dass sie Götze "eingestellt" bekommen werden. Die derzeitigen Fehlfunktionen sind behandelbar, aber die extrem komplexen Stoffwechselvorgänge und deren Steuermechanismen, etwa über die Schilddrüse, brauchen einige Behandlungszeit und ein Versuch-und-Irrtum-Verfahren. Es wird vermutet, dass auch Götzes Gewichtsschwankungen, zustande gekommen offenbar ohne Veränderung von Ernährung und Trainingsintensität, mit derselben Problematik zu tun haben könnten.

In Dortmund wirkte Götze oft zugleich austrainiert und merkwürdig matt. Wie lange die Mediziner, auch Experten für den Hormon-Haushalt, benötigen, um Götzes Körper neu zu justieren, will im Moment in Dortmund keiner einschätzen. Auch, um Götze nicht schon wieder die Last eines Genesungstermins aufzuschnallen. Zudem hat auch ein Nationalspieler das Recht auf ärztliche Verschwiegenheit, auch wenn es der Öffentlichkeit oft nicht mehr so vorkommt.

Vergleichbare Erkrankungen, zum Beispiel Serotonin- oder Dopamin-Schwankungen oder -Unterfunktionen, die etwa zu Schlafstörungen oder Konzentrationsschwächen führen, weil sie Hirnfunktionen antreiben, brauchen normalerweise etliche Wochen, manchmal mehrere Monate, wenn sie fachlich korrekt behandelt werden. Die gute Nachricht ist, dass Götze auf keinen Fall unter einer erblich bedingten Myopathie, also einer Muskelstoffwechsel-Erkrankung leidet; er ist in jedem Falle behandelbar.

Trotz der Erkrankung spielte Götze eine passable Hinrunde

Wäre man abergläubisch, könnte man meinen, dass über dem begnadeten Fußballer Mario Götze seit seinem Siegtor im WM-Finale 2014 ein Fluch liegt. Bis zum Sommer 2013 lief alles wie am Schnürchen; dann wechselte Götze, der als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Dortmund kam und seit seinem neunten Lebensjahr für Borussia Dortmund spielte, ausgerechnet zum Erzrivalen Bayern München. Unter Trainer Pep Guardiola kam dort Götzes Karriere ins Stocken.

Insgesamt kam er zwar immer noch zu seinen Einsatzminuten und erzielte auch Tore oder legte Vorlagen auf, kaum weniger als vorher beim BVB. Doch hinter den kolossalen Erwartungen, die sich mit dem WM-Finaltor 2014 noch einmal steigerten, blieb Götze zurück, weil sein Trainer von seinen Qualitäten nicht ganz so begeistert war. Im letzten Münchner Jahr musste Götze dann lange pausieren.

Seine Rückkehr nach Dortmund war von großen Hoffnungen begleitet, auch weil Götze nachgesagt wurde, er funktioniere als sensibler Künstlertyp in seiner heimischen Umgebung - und anderswo halt nicht so recht. Auch in Dortmund aber traf Götze in Thomas Tuchel auf einen Trainer, der ihm gegenüber durchaus skeptisch wirkte. Gleich im allerersten Saison-Pflichtspiel, im Supercup gegen seinen abgebenden Verein FC Bayern, ließ Tuchel Götze draußen.

Es wirkte für viele wie eine Botschaft von Tuchel: Ich wollte Götze nicht. Viele beim BVB schätzen es so ein, dass der Konflikt um Götze die viel beschriebenen atmosphärischen Störungen zwischen dem Trainer und seinen Vorgesetzten erst so richtig ausgelöst hat. Unter seinen Mitspielern gehört Götze jedenfalls zu den höchst geschätzten Kollegen. Trotz seiner nun diagnostizierten Erkrankung spielte er auch eine passable Hinrunde, in der sein Über-Talent allerdings selten aufblitzte. Man wird nun abwarten müssen, wie schnell die Ärzte seinen Muskelstoffwechsel in den Griff bekommen.

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SZ vom 01.03.2017/chge
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