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Borussia Dortmund:In der Mentalitätsfalle

Bundesliga - Eintracht Frankfurt v Borussia Dortmund

Heiliger Zorn: BVB-Kapitän Marco Reus (Mitte) beim 2:2 in Frankfurt, das sich am Ende wie eine Niederlage anfühlte.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Durch das ärgerliche 2:2 in Frankfurt setzt sich beim BVB der schnelle Wechsel von Überschwang und Selbstkritik fort - die Frage nach mangelnder Haltung für den Meisterkampf bringt Kapitän Marco Reus in Rage.

Marco Reus war frustriert. Das Spiel war ganz und gar nicht so gelaufen, wie es sich der Kapitän von Borussia Dortmund und seine Mannschaft erhofft hatten. Und so stand der Offensivspieler am Mikrofon und formulierte recht eindeutige Sätze: "Wir müssen knallhart zu uns selbst sein und einfach mehr Charakter zeigen", sagte Reus. Das war im Frühjahr nach dem 0:5 der Dortmunder beim FC Bayern, einem Schlüsseltermin im Kampf um den Meistertitel. Danach war im weiten Rund von der "Mentalitätsdebatte" die Rede, die Dortmund jetzt führen werde.

Knapp ein halbes Jahr später schwirrt dieser Begriff nun erneut eng um den BVB, und wieder hat Marco Reus entscheidenden Anteil am Ausmaß der Diskussion - wenn auch auf ganz andere Weise. Nur ein 2:2 war Sonntagabend bei Eintracht Frankfurt herausgesprungen - trotz zweimaliger Führung und weitgehender Überlegenheit. Als sich Reus daraufhin im Interview bei Sky der Frage ausgesetzt sah, ob das unnötige Remis vielleicht auch eine Mentalitätsfrage sei, packte ihn der heilige Zorn. Tenor: Diese "Mentalitätsscheiße" könne er nicht mehr hören, sagte Reus. Und er ergänzte seinen Vortrag noch um ein paar unflätige Worte - das Unentschieden sei keine Sache der Mentalität gewesen.

Es war ein Reus-Auftritt, der zeigte, wie frustriert sie gerade sind bei Borussia Dortmund. Solch ein exquisit besetzter Kader steht dem BVB für den Titelkampf mit dem FC Bayern zur Verfügung, aber schon zwei Mal erlebte er in dieser Saison einen Rückschlag. Erst gab es ein 1:3 bei Aufsteiger Union Berlin, nun dieses in Anbetracht des Spielverlaufs unnötige 2:2 in Frankfurt.

"So spielt keine Spitzenmannschaft, das muss ich ganz klar sagen. Wir haben es leichtfertig verspielt", sagte BVB-Sportchef Michael Zorc. Auf der Suche nach den Gründen für solche Aussetzer ist im modernen Fußball immer schnell das M-Wort in der Manege, und in Dortmund offenbar noch schneller als an anderen Standorten - auch wenn die Verwendung des Begriffes manchmal ein bisschen schräg daherkommt, weil sich hinter "Mentalität" so viel Grundsätzliches und doch nichts Konkretes verbergen kann und das Wort bisweilen als Sammelbegriff für schwer Erklärbares herhalten muss.

Trainer Favre plädiert für eine Rückkehr von Mats Hummels in die Nationalmannschaft

Von daher waren die Dortmunder bemüht, die Aufarbeitung des Abends etwas inhaltlicher anzugehen. Mit Mentalität habe das nichts zu tun, sagte auch Trainer Lucien Favre in seinem professoralen Vortragsstil: "Wir haben ein paar Sachen verpasst, die sehr wichtig waren: Ballannahme, letzter Pass, vorletzter Pass, Läufe, auch Balleroberung manchmal, viel Ballverlust für nichts", sagte er, "Pässe, einfach Pässe", schob er später nach.

Offensivspieler Reus monierte das Defensivverhalten und die mangelnde Fähigkeit, so ein 2:1 bis zum Ende zu halten. Torwart Roman Bürki vermisste "die Kaltschnäuzigkeit und die Effizienz" vor dem gegnerischen Tor, wie im Übrigen schon unter der Woche beim 0:0 gegen Barcelona in der Champions League. Der Sportchef Zorc wiederum, der zur Mentalitätsfrage bewusst nichts beisteuern wollte, erklärte, dass insbesondere zwischen dem 1:0 in der elften Minute und der Halbzeitpause seine Mannschaft den Sieg auf fahrlässige Weise hergeschenkt habe.

Mit dieser Einschätzung dürfte er richtiggelegen haben. Denn die Dortmunder waren früh in Führung gegangen durch Axel Witsel, und die Frankfurter wirkten eine gute halbe Stunde lang völlig harmlos. Doch anstatt nachzusetzen und aufs 2:0 zu spielen, blieb der BVB recht antriebslos.

So kam die SGE kurz vor der Pause durch Sturmzugang André Silva tatsächlich zum Ausgleich. Als es nach dem Seitenwechsel insgesamt munterer zuging, hatten die Dortmunder zwar mehr und bessere Chancen. Aber sie kamen nur noch zu einem Tor durch Jadon Sancho (2:1/66.). Und weil der BVB am Ende wieder passiv agierte, gelang Frankfurt nach einer starken Schlussoffensive noch der Ausgleich (Eigentor von Thomas Delaney/88.).

Den Vorhalt, nach der Führung nicht konsequent genug aufs zweite Tor gespielt zu haben, ließ Trainer Favre aber nicht zu. Es habe doch genügend Torchancen gegeben, behauptete er, wobei diese Torchancen zumindest in der ersten Hälfte nur mit einer Lucien-Favre-Spezialbrille zu sehen gewesen sein dürften.

Es geht in Dortmund in dieser Saison bisweilen arg schnell mit dem Wechsel von Überschwang und Selbstkritik. Aber die abgelaufene Woche offenbarte ein Muster, das den Machern des BVB nicht gefallen dürfte. Denn erst hatte es ja ein beeindruckendes 4:0 gegen Champions-League-Mitkonkurrent Bayer Leverkusen gegeben, dann dieses 0:0 gegen Barça, das sie zumindest von der grundsätzlichen Spielweise her erfreuen konnte, und zum Abschluss dieses 2:2 gegen Frankfurt. Stark gegen die Großen, aber schwächeln gegen die Mannschaften aus dem mittleren und dem unteren Segment der Liga - diese Diskrepanz war schon im Vorjahr entscheidend dafür gewesen, dass der BVB den Meistertitel noch verspielte.

Nicht zuletzt der Abwehr-Rückkehrer Mats Hummels soll eigentlich helfen, diesen Widerspruch zu lösen. Aber als in Frankfurt das späte 2:2 fiel, war der Verteidiger schon nicht mehr auf dem Platz (Rückenblessur) - und zuvor war er auch nicht so stark gewesen wie sonst bisher in dieser Saison. Sein Trainer Favre aber findet in jedem Fall, dass Hummels nach seiner im Frühjahr erfolgten Ausbootung wieder in die Nationalelf zurückkehren sollte. Es sei nicht seine Sache, aber "so wie Mats jetzt spielt, ist das für mich klar", sagte Favre der Bild. Diese Debatte immerhin können sie in Dortmund deutlich gelassener verfolgen als jene um die Mentalität.