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Borussia Dortmund:Im Stimmungstief

Nachdem der BVB in Paris in der Champions League den Dienst quittierte, regt Sportchef Zorc an, auf die kommenden Liga-Spieltage zu verzichten.

Fußballern wird nicht umsonst mitunter ein kindliches Gemüt attestiert. Und so saßen denn Spieler wie Neymar und Kylian Mbappé nach dem Sieg feixend zusammen, alle im Schneidersitz, wie eine Yoga-Gruppe, und posteten die Bilder in die Welt hinaus. Eine Retourkutsche der Pariser für den Dortmunder Erling Haaland, der eines seiner beiden Tore im Hinspiel wie ein meditierender Yogi auf dem Rasen gefeiert hatte. Die Pariser lachten zuletzt. Und dass ihr 2:0-Sieg in einem gespenstisch leeren Stadion stattfand und die ganze fröhliche Welt des Fußballs gerade mit der Wirklichkeit einer Virus-Pandemie zusammenstößt, was kümmert das schon die halb erwachsenen Jungs auf dem Rasen, die nur spielen wollen?

Das Dortmunder Aus im Achtelfinale der Champions League kam ansonsten so schleichend daher wie eine Infektionskrankheit. Bald merkte man ein paar Symptome, dann, dass an diesem Abend einfach nichts mehr gehen wollte und Kopf und Beine schwer wurden. Michael Zorc, Dortmund Sportdirektor, war noch am Tag danach ratlos: "Normalerweise können wir uns wenigstens auf eins fast immer verlassen: Auf unser Spiel nach vorne. Aber dieses Mal ging nichts, wir waren vorne wie stumpf, und es kamen im Angriff auch kaum einmal Bälle an." Erklären konnte Zorc das auch nicht. Auch nicht die merkwürdige Passivität und Mutlosigkeit, mit der Dortmunds Spieler, trotz des 2:1 aus dem Hinspiel, in diese Partie vor den gähnend leeren Sitzschalen starteten.

"Das war natürlich nicht so als Marschroute ausgegeben. Niemand hat angeordnet, dass wir abwartend oder tief hängend spielen", meinte Dortmunds Sportchef, der mit seiner Borussia manches erlebt hat, aber noch nie ein Spiel in einem leeren Stadion. "Es war für uns heute viel mehr drin, Paris hat nicht so überragend gespielt, sie haben sich kaum anstrengen müssen für ihre Tore. Wir hätten das Viertelfinale erreichen können, aber wir haben unsere PS nicht auf die Straße gebracht."

Überraschend war da schon eher die Analyse von BVB-Trainer Lucien Favre, der das Spiel seiner Mannschaft "gar nicht schlecht" fand, zu bedauern seien vor allem die zwei Gegentore, durch Neymar und den früheren Münchner Juan Bernat, die "beide total unnötig" gewesen seien. Damit hatte Favre zwar nicht unrecht. Aber die Fehlerhaftigkeit seiner Mannschaft war so hoch, dass man sich über die Einschätzung des Schweizers, seine Mannschaft habe es gar nicht so schlecht gemacht, doch eher wundern musste.

Vielleicht mochte Favre auch gar nicht daran erinnert werden, dass der BVB in besonders wichtigen Spielen zuletzt immer wieder gepatzt hatte. Zuletzt beim Ausscheiden im DFB-Pokal beim Bundesliga-Abstiegskandidaten Werder Bremen, aber auch in den beiden letzten Aufeinandertreffen mit dem FC Bayern in München, die Dortmund 0:5 und 0:4 verlor. Einmal kostete das Debakel die Meisterschaft. Eigentlich steht am 4. April in Dortmund der nächste Gipfel an - aber ob und in welchem Rahmen da wohl gespielt wird? Aber erst mal steht der Borussia das Ruhrpott-Derby am Samstag gegen Schalke 04 bevor. Daheim, aber erneut ohne Zuschauer auf den Rängen. Dieses Muster gibt dem BVB tatsächlich zu denken: In Spielen mit besonderer Brisanz sind oft dieselben Symptome zu erkennen. Bei größeren Aufgaben wirkt die Elf von Favre mutlos, zu passiv, gerade so, als würde sie nicht auf ihre größte Stärke, ihre bisweilen brachiale Offensivwucht setzen, sondern stattdessen abwarten. Gegen die Startruppe aus Paris, trainiert vom früheren Dortmunder Trainer Thomas Tuchel, wirkte der BVB so, wie man ihn schon öfter in Schlüsselspielen erlebt hat. Auch Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl räumte ein: "Die Chance war groß, hier weiterzukommen. Man hatte nur bei Paris das Gefühl, dass die wirklich weiterkommen wollten.

Wir waren nicht mutig genug." Die fehlende Stimulans des Publikums mochte Michael Zorc nicht als Entschuldigung gelten lassen: "Es gibt ja bei uns nicht nur 19-Jährige. Mats Hummels, Lukasz Piszczek, Axel Witsel, die sind ja keine Jungspunde, aber man hat von ihnen heute auch nicht genug gesehen." Einzig Erling Haaland, der gar nicht ins Spiel kam und nie an seine beiden Hinspiel-Treffer erinnern konnte, klagte zerknirscht: "Ich habe meine Dortmund-Fans vermisst. Sorry, aber es ist einfach scheiße ohne Fans."

Gegen Schalke droht nun ein ähnliches Stimmungstief. Sportchef Zorc, der bekannte, "genauso ratlos wie alle anderen in dieser völlig neuen Situation" zu sein, würde eine Aussetzung des Spielbetriebs schon ab diesem Wochenende im Moment für die beste Lösung halten. "Es gibt ja keine Blaupause, wie man mit so einer Lage umgeht", sagte Zorc, "das ist für alle und jeden neu, und die Situation hat eine unglaubliche Dynamik. Aber wenn ich sehe, dass die spanische und die italienische Liga ab sofort pausieren, obwohl die mit ihren 20 Erstliga-Vereinen ja noch mehr Spieltage und deshalb größere Terminprobleme haben, frage ich: Warum sollten wir es nicht perspektivisch genauso machen können?"

Die Kurzfristigkeit spiele jetzt keine große Rolle mehr, nachdem die meisten lokalen Behörden keine Zuschauer mehr am kommenden Wochenende zuließen. "Wir haben natürlich einige heilige Kühe im internationalen Rahmenkalender", sagt Zorc, "dass also das Champions-League-Finale oder in diesem Jahr auch die Europameisterschaft zu fest bestimmten Terminen durchgezogen werden sollen. Aber diese Situation ist so extrem und so außergewöhnlich, dass wir auch solche Termine nun natürlich in Frage stellen müssen. Eine Verschiebung würde uns Luft schaffen, um geordnet und angemessen den Spielbetrieb jetzt zu unterbrechen, und erst wieder zu spielen, wenn die Sicherheit und Gesundheit von allen Beteiligten wieder zu gewährleisten ist." Eine Verschiebung der internationalen Termine würde eine Verlängerung der Bundesliga und anderer nationaler Ligen notfalls bis in den Sommer hinein ermöglichen.

An der Trauer über das vermeidbare Ausscheiden in Paris änderte das alles nichts. Aber die Gedanken, das war am Tag nach dem Spiel ohne Zuschauer überall zu spüren, scheinen derzeit kaum mehr auf den Sportbetrieb fokussierbar. Fußball ohne Zuschauer ist kein Spaß. Außer für ein paar Jungs im Schneidersitz, die sich am Mittwochabend in Paris noch freuen konnten, und die Massen von Fans, die sich ersatzweise vor dem Stadion versammelt hatten. Als ob es vor dem Stadion keine Ansteckung gäbe. Der Irrwitz in den Zeiten von Corona hat alles überschattet.

© SZ vom 13.03.2020

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