Die Sache hätte genauso gut danebengehen können, so schön sie sich das auch ausgedacht hatten mit der Ziehung der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals ausgerechnet im Dortmunder Stadion Rote Erde. Dort spielte in der Playoffrunde, die dem DFB-Pokal der Frauen vorausgeht, der BVB gegen Borussia Mönchengladbach, frisch aufgestiegener Regionalligist gegen Zweitligist. Aber als Schluss war, stand es 3:1 – und die Gastgeberinnen waren nicht traurig ausgeschieden, sondern noch in der Verlosung mit dabei. Direkt hinter den Fernsehkameras schauten sie zu, wie eine Paarung nach der anderen gezogen wurde, bis sie in Jubel ausbrachen. Denn wenn am Montag um 18.30 Uhr die letzte der 16 Partien angepfiffen wird, kommt es erstmals auch im Fußball der Frauen zu einem Klassiker: Borussia Dortmund gegen Bayern München.
„Für uns ist es ein Traum, gegen eine der besten Mannschaften Europas antreten zu dürfen“, sagte BVB-Kapitänin Paula Reimann damals und sprach von einem historischen Spiel. Wobei die Dortmunderinnen zuletzt quasi ständig historische Momente eingesammelt haben. Aber diese Partie gegen den FC Bayern steht dann doch auf eigene Weise für die Entwicklung, weil sie beim BVB mit einem solchen Höhepunkt nach relativ kurzer Zeit nicht rechnen konnten. Das Pokalspiel bestätigt den Weg, den der Klub mit der Gründung der Frauenabteilung im September 2020 gegangen ist – bei dem abzusehen war, dass die Route eine lange und womöglich beschwerliche werden könnte. Was zumindest bisher aber nicht der Fall ist. Im Gegenteil.

Klara Bühl im Interview:„Ich will unbedingt diesen mutigen Fußball spielen“
Nationalspielerin Klara Bühl spricht zum Bundesligastart über ihre Erwartungen an die neue Saison. Sie erklärt, welche Schlüsse das DFB-Team aus der Fußball-EM ziehen sollte – und erzählt, warum sie beim FC Bayern geblieben ist.
Wenige Tage vor dem Besuch des Doublesiegers klingt Svenja Schlenker am Telefon bestens gelaunt, geradezu entspannt. Dabei kommt sie gerade kaum dazu, zumindest kurz durchzuatmen. Die Abteilungsleiterin Frauenfußball erhält jede Menge Medienanfragen, die ein oder andere Sache muss noch organisiert werden, damit alles reibungslos läuft. Das Interesse ist enorm, auf die BVB-Fußballerinnen dürften so viele Blicke gerichtet sein wie noch nie. Die 10 000 Tickets waren schnell weg, das Kontingent wurde per Sondergenehmigung der Stadt erhöht auf 15 755, auch Klubboss Hans-Joachim Watzke hat sich angekündigt. „Flutlichtspiel gegen die Bayern, live im Fernsehen, Zuschauerrekord – davon haben wir alle vor drei, vier Jahren nicht mal geträumt, und jetzt wird das Realität“, sagt Schlenker. „Also egal, wie es ausgeht: Das wird ein wunderbares Erlebnis für uns bleiben.“
Das Team mag neu sein, aber es zählt zum Favoritenkreis, was nicht nur am Emblem auf dem Trikot liegt
2007 kam Schlenker über ein Praktikum zum BVB, mit der Gründung stieg die 42-Jährige zur Leiterin der Abteilung Frauenfußball auf, die es heute so vielleicht nicht geben würde ohne eine impulsgebende Wortmeldung auf der Mitgliederversammlung 2019: Was denn eigentlich mit Frauenfußball bei Borussia Dortmund sei. Gute Frage! Damals hatten neun von 18 Männer-Bundesligisten ein Frauenteam in der ersten oder zweiten Liga (inzwischen sind es 13). Dass der BVB nicht dazuzählte, störte immer mehr Menschen. Plakate auf der Südtribüne hatte es dazu schon gegeben, Nationalspielerinnen wie Alexandra Popp und Almuth Schult äußerten sich kritisch.
Und so wuchs aus einer Projektgruppe ein Plan mit klarem Credo: statt die Lizenz eines kleineren Vereins zu übernehmen, was einen Einstieg in einer höheren Liga ermöglicht hätte, entschied sich der BVB für den Weg von der Kreisliga bis nach oben – und für ein Casting aus mehr als 150 Fußballerinnen. „Da hat es sich ausgezahlt, dass wir Borussia Dortmund mit großer Strahlkraft sind. Wir konnten uns vor Anfragen kaum retten“, erzählt Schlenker. „Einige haben höherklassig gespielt, wollten aber unbedingt das schwarz-gelbe Trikot tragen.“ Am Ende stand ein 23-köpfiger Kader für die Saison 2021/22, das erste Spiel fand am 8. August statt, ein 3:1 gegen den TSV 1860 München.
Was folgte, waren vier Aufstiege in Serie bis in die Regionalliga West. Nach einer Niederlage gegen Köln II kam ein Punktabzug aufgrund eines Wechselfehlers gegen den SV Deutz 05 dazu, sonst wäre Dortmund mit dem besseren Torverhältnis nach fünf Spieltagen nicht Vierter, sondern Tabellenführer. Ziel bleibt, direkt den nächsten Schritt zu gehen. Das Team mag neu sein, aber es zählt zum Favoritenkreis, was nicht nur am Emblem auf dem Trikot liegt, sondern an den Bedingungen.

Von Beginn an konnten die Frauen die Infrastruktur des Klubs von der eigenen Kabine bis zur Analyseabteilung nutzen, das Trainer- und Betreuerteam wuchs kontinuierlich. Derzeit entsteht im Dortmunder Stadtbezirk Brackel ein eigenes Trainingsgelände. Dieses Paket ist schon jetzt mit dem von manchem Erstligisten zu vergleichen. Zumal seit dieser Saison fast alle Fußballerinnen mit Profiverträgen ausgestattet sind, was täglich zwei Mannschaftstrainings sowie individuelle Einheiten ermöglicht. „Das war glücklicherweise überhaupt nicht schwer, die Geschäftsführung steht hinter diesem Weg“, sagt Schlenker. „Wir konnten früh Partner und Sponsoren für die BVB-Frauen begeistern und finanzieren uns nach wie vor komplett selbst.“ Vorbildcharakter hatte der 1. FC Union Berlin, der sich ab der Regionalliga fürs Profitum entschied und in die Bundesliga durchmarschierte.
„Das ist hier keine Alibi-Veranstaltung“, sagt BVB-Trainer Markus Högner über die Ambitionen des Vereins
Jahr für Jahr hat der BVB seinen Kader angepasst und sich jedes Mal neu erfunden. Für die Regionalliga wurden 16 neue Spielerinnen verpflichtet, darunter frühere Bundesliga-Fußballerinnen wie Frederike Kempe (RB Leipzig) oder Sara Ito (Turbine Potsdam), 16 verließen den Verein. „Wir merken, so langsam wird die Luft ein bisschen dünner und wir müssen rechtzeitig optimieren“, sagt Schlenker. „Der Umbruch war deshalb so groß, weil wir mit möglichst vielen aus diesem Kader langfristig arbeiten wollen, damit die Mannschaft zusammenwachsen kann.“
Der andere entscheidende Transfer war Markus Högner, insgesamt zwölf Jahre lang Trainer beim Bundesligisten SGS Essen. Eine Talentschmiede, die mit geringeren Mitteln als die Lizenzklubs die vergangenen Jahre gut mithalten konnte und herausragende Spielerinnen wie Lena Oberdorf, Lea Schüller, Linda Dallmann, Nicole Anyomi oder Marina Hegering hervorgebracht hat. Der 58-Jährige wird geschätzt für seine ruhige Art und akribische Arbeit. Genau das soll dem BVB helfen. „Das ist hier schon noch mal was anderes“, sagt Högner. „Die Frauen sind wirklich integriert, wir stehen in offenem und engem Austausch mit der Männerabteilung. Das zeigt, wie ernst es der Klub nimmt, das ist hier keine Alibi-Veranstaltung.“
Was wiederum, vermutet Högner, auch nach außen wirkt. Die ganze Region stehe hinter diesem Verein und bekomme die Verbindung zwischen Frauen- und Männerfußball mit. Bei Regionalliga-Heimspielen liegt der Zuschauerschnitt bisher bei 1500, den Test gegen Juventus Turin schauten sich 8000 an. Und natürlich waren die Derbys gegen Schalke in der Westfalenliga und im Westfalenpokal ausverkauft. „Allein schon, wie viele Fans uns ins Trainingslager nach Österreich und überhaupt begleitet haben, egal, wohin“, sagt Högner. „Wie die uns pushen, das ist außergewöhnlich, das findet man in der Form noch selten bei Frauenteams.“
Sie sprechen gerne vom „Bratwurst-Bier-Borussia-Feeling“, das die Atmosphäre gerade prägt, alles bodenständiger und entspannter als nebenan im großen Tempel der Männer. Aber, bloß nicht falsch verstehen: Genau dort wollen die Fußballerinnen von Borussia Dortmund irgendwann hin.

