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Borussia Dortmund:Einmal Weltstar und zurück

Mario Götze

Trainiert wieder: Mario Götze.

(Foto: dpa)

Mario Götze und André Schürrle schufen vor drei Jahren einen Moment für die Ewigkeit. Seitdem sind sie aus ihren Karrieren gepurzelt - das verrät einiges über Profi-Laufbahnen, die immer früher starten.

Kommentar von Christof Kneer

Dem als Fachblatt anerkannten kicker-sportmagazin ist am Freitag in amtlichem Fachblattdeutsch eine womöglich spektakuläre Enthüllung gelungen. Mario Götze, so titelte das Blatt auf seiner Homepage, habe anlässlich des Trainingsauftaktes in Dortmund den "Laktattest ohne Mühe" überstanden. Das ist schön und auch beruhigend zu wissen, allerdings hätte man in diesem Zusammenhang schon auch gerne erfahren, ob zum Beispiel Thomas Müller in München blessurenfrei die Treppen zum Klubgelände bewältigt hat.

Eine Nicht-Meldung, die es in den Rang einer überschriftentauglichen Meldung gebracht hat: So weit ist es jetzt also gekommen mit Mario Götze. Okay, seine Blutwerte weisen ihn inzwischen offenbar wieder als Leistungssportler aus - aber das ist nicht die Art von Nachricht, die die Welt drei Jahre nach seinem WM-Siegtor in Rio erwartet hätte. Die Fußballwelt, die Götze nach seinem legendären Treffer in der 113. Minute erobern wollte, hat sich durchaus erobern lassen, bisher allerdings nicht von ihm. Und übrigens auch nicht von André Schürrle, der in jener 113. Minute die legendäre Flanke geschlagen und den Laktattest an diesem Freitag auch tadellos gemeistert hat.

Ja, Mario Götze und André Schürrle haben einen Moment für die Ewigkeit geschaffen, einen, der nie mehr weg geht und den man in 50 Jahren vermutlich auf Abspielflächen anschauen wird, die noch gar nicht erfunden sind.

Bundestrainer Löw ist zum bestbezahlten Angler der Welt geworden

Die jubiläumsbedingten Erinnerungen ans Maracanã in Rio und der parallele Trainingsauftakt in Dortmund lenken den Blick nun aber auf diese spezielle Fall-Studie: An Götze, immer noch erst 25, und Schürrle, immer noch erst 26, zeigt sich anschaulich, dass goldene Momente zu einem kommen, goldene Karrieren aber auf der Langstrecke verdient werden müssen. Ausgerechnet jetzt, da beide im besten Fußballalter angekommen sind, sind sie aus den Karrieren gepurzelt - und stehen somit bei aller Individualität ihrer Geschichte stellvertretend für die Generation von Profis, die mit 16 schon den Wettkampfrhythmus einer Profikarriere aufnehmen. Die Laufbahnen beginnen heute so früh und intensiv, dass viele Spieler schon mit 25 eine beeindruckende Sammlung an Verletzungen aufzuweisen haben - oder sich gar, wie der Spezialfall Götze, rätselhafte Erkrankungen zuziehen wie jene Stoffwechselstörung, die nun als ausgeheilt gilt.

Kein Arzt oder Physiotherapeut wird im Blut messen oder an den Muskeln fühlen können, wie sehr diese 113. Minute die Karriere der sog. WM-Helden beeinflusst hat; fest steht aber, dass sie der magischen, aber auch erwartungsüberfrachteten Nacht von Rio eine recht unmagische Saison folgen ließen, Götze beim FC Bayern, Schürrle beim FC Chelsea, von wo er bald schon ins tendenziell ebenfalls unmagische Wolfsburg umzog. Borussia Dortmund hat sich dann, wohl auch aus Folkloregründen, an einer Wiedervereinigung der Helden versucht, aber bisher haben sich beide im gemeinsamen Urlaub eher gefunden als auf dem Platz.

Götze ist und bleibt ein brillanter Fußballer, Schürrle bleibt ein torgefährlicher Sprinter, beiden ist zuzutrauen, dass sie wieder heimfinden in ihre Karrieren. Aber es werden dann andere Karrieren sein. Bundestrainer Jogi Löw ist inzwischen zum bestbezahlten Angler der Welt geworden, er sitzt genüsslich am Beckenrand der Bundesliga und kann in Ruhe abwarten, wer an welcher Rute anbeißt; im Bundesligabecken tummeln sich mehr junge Edelfische als jemals zuvor. Zwar ist Löw ein loyaler Mann, der seine Weggefährten nicht vergisst, aber er hat keinen Grund, Mario & André eine Wildcard auszustellen wie damals Schweini & Poldi.

© SZ vom 08.07.2017/sonn

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