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Borussia Dortmund:Der nächste Gaudiabend

Schwarz-gelber Spaß: Erling Haaland, Jude Bellingham und Jadon Sancho (von links) waren auch gegen Brügge in Feierstimmung.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Auch beim 3:0 gegen Brügge wird über Rekord-Tore von Haaland gefeixt - positiv überrascht der Kollege Sancho.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Als Erling Haaland den Arbeitstag beendet hatte, gingen vor der Dortmunder Trainerbank die Fingerspiele wieder los. Vorigen Samstag, nach dem Bundesligaspiel bei Hertha BSC (5:2), hatte Trainer Lucien Favre etwas den Überblick verloren, mit den Fingern fuchtelte er vor der Nase seines 20-jährigen Stürmers herum: Drei, oder was? Oder doch vier Finger - für vier Tore? Erling Haaland bestand grinsend und wahrheitsgemäß darauf, viermal getroffen zu haben. Diesmal, nach dem 3:0 (2:0) im Champions League-Heimspiel gegen den FC Brügge zogen Dortmunds Lizenzspielerchef Sebastian Kehl und Favre den jungen Norweger auf. Wieder wurde lachend mit den Fingern gefuchtelt: Drei Finger? Oder zwei? Oder wie? Man kann schon den Überblick verlieren, angesichts der Dauer-Kanonade von Haaland.

"Das war ja schon die Anekdote des letzten Wochenendes", nahm Kehl den Spaß später im Fernsehinterview noch mal auf. Kehl, Haaland und der Spielberichtsbogen konnten sich am Ende auf zwei Finger für diesmal zwei Tore des Norwegers einigen. Im erst zwölften Champions League-Spiel des Dortmunder Wunderknaben waren es bereits die Treffer 15 und 16 - so etwas hat noch kein Fußballer vor Haaland geschafft, kein Ronaldo, kein Messi, kein Lewandowski. Haaland hat damit als Rekordschütze einen gewissen Ruud van Nistelrooy abgelöst, der seinerzeit für Manchester United ballerte, aber damals immerhin fünf Jahre älter war als Haaland jetzt.

Haaland lässt gleich drei BVB-Legenden hinter sich

Haaland gelang mit seinem Tor zum 1:0 gegen die bieder wirkenden Belgier zudem das 200. Tor des BVB in der Champions League. Mit seinem 3:0 nach 60 Minuten schoss er schließlich seinen achten Champions-League-Treffer für Dortmund - die vorherigen acht hatte er für Salzburg erzielt. Damit hat Haaland gleich drei BVB-Legenden auf einen Schlag hinter sich gelassen, die bisher mit je sieben Toren die besten Schützen in der Europacup-Geschichte der Borussia waren: Andi Möller, Stéphane Chapuisat und Lars Ricken.

Sebastian Kehl, selbst dreimal Meister mit dem BVB, hatte seine Finger längst wieder sortiert und die Treffer von Haaland sowieso, als er im Sender DAZN ankündigte: "Wir können noch einiges erreichen mit dieser Mannschaft." Irgendjemand muss das ja ab und zu mal sagen, und weil die beiden BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc nicht noch mal öffentlich zugeben wollen, dass sie mit ihren Hochbegabten höhere Ziele anstreben, und weil sich Coach Favre ja eher fürs Schwarzmalen zuständig fühlt, bleibt es also Kehl überlassen, dezente Ansprüche anzumelden. Nach dem 3:0 übernahm der BVB komfortabel die Spitze der Gruppe F, fünf Punkte schon vor dem Dritten Brügge.

Favre hatte es sich leisten können, Nationalspieler wie Marco Reus, Julian Brandt oder Emre Can pausieren zu lassen. Und der erst 16-jährige Youssoufa Moukoko, der am Samstag in Berlin zum jüngsten Bundesligaspieler der Geschichte werden durfte, blieb das ganze Spiel draußen. Einen heftigen Leistungsaufschwung konnte Favre derweil Jadon Sancho attestieren, der nach dem endlosen Transfergerede des Sommers erst mal in ein Formtief abgetaucht war. Zuletzt blieb der 20-jährige Engländer auch mal komplett auf der Ersatzbank. Doch gegen Brügge wirkte er so lebhaft wie noch nie in der neuen Saison. Erst legte er Haaland nach 19 Minuten den Ball perfekt zu dessen 1:0-Sturmlauf auf. Und knapp vor der Pause schnippelte Sancho einen 20-Meter-Freistoß mit so viel Effet ins Tor des früheren Liverpool-Keepers Simon Mignolet, dass der sich jeden Hechtsprung sparte, so unwiderstehlich driftete der Kunststoß ins Eck.

"Ich übe diese Freistöße täglich", sagte Sancho später bescheiden, "die letzte Zeit war etwas hart für mich, aber ich bin zurückgekommen. Ich bin glücklich, dass ich wieder spiele." Haaland und dessen Heldentaten seien auch für ihn, sagt Sancho, die Inspirationsquelle. Er schätze sich glücklich, mit einem wie Haaland zusammenzuspielen.

© SZ vom 26.11.2020
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