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Borussia Dortmund:Der BVB fährt enthusiastisch nach Berlin

Fußballer finden es mitunter schön, ganz allein zu sein: Wer wie Jadon Sancho (2. von links) wichtige Tore schießt, ist schnell nicht mehr solo, sondern umringt von Gratulanten.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Vor dem Pokalfinale gegen Leipzig bestätigt Dortmund - ebenfalls gegen Leipzig - seine gute Form. Dazu deutet Jadon Sancho an, dass er auch im kommenden Jahr noch beim BVB spielt.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Egal ob er spielt oder nicht: Erling Haaland liebt das Rampenlicht und die Kameras lieben ihn zurück. Am Samstag musste Borussia Dortmunds junger Torjäger mit maladem Oberschenkel von der Tribüne aus zusehen, aber als das 3:2 gegen RB Leipzig abgepfiffen und amtlich war, flippte Haaland regelrecht aus, herzte zuerst seinen gesperrten Mitspieler Jude Bellingham, und den zur Zeit an Krücken gehenden Dan-Axel Zagadou. Dann gab es kein Halten mehr, und der lange Blonde bahnte sich, Bellingham im Schlepptau, auf der Direttissima den Weg hinunter zum Rasen, um da auf Jadon Sancho und Kollegen zuzurennen und sie hochleben zu lassen.

Was die Stimmung angeht, kann man sich fragen, wer diesen Dortmunder Haufen, mittlerweile eine offensichtlich funktionierende Mannschaft, mehr aufgeputscht hat: Haaland mit seinem wilden Enthusiasmus - oder vielleicht doch Übergangstrainer Edin Terzic. Denn der konnte sich die Nach-Schlusspfiff-Rasenparty seiner Spieler in aller Zufriedenheit anschauen. Donnerstag steht schließlich noch ein DFB-Pokal-Finale an, wieder gegen den gleichen Gegner, und Terzic ließ schon mal genussvoll wissen, dass er mit dem BVB schon mit allen möglichen Verkehrsmitteln nach Berlin angereist sei, im Fan-Bus, im Fan-Sonderzug, im Mitarbeiter-Zug, aber nun reise er zum ersten Mal im Mannschaftsbus an: "Und wir werden alles daran setzen, den Pokal nun für den Verein und die Fans und alle Mitarbeiter auch zu gewinnen." Zuletzt gelang das Dortmund 2017 mit Thomas Tuchel, ein Jahr vor Terzic' Rückkehr zum BVB als Assistenztrainer von Lucien Favre.

Die drei Dortmunder Tore unterstreichen, wie filigran die Offensive auftreten kann

Vorher hatte man rund 70 der 90 Minuten lang bewundern können, wie er neben der Laune auch die Spiellaune seiner Fußballer offenbar neu angefacht hat. Gegen die starken Leipziger gelang der fünfte Bundesliga-Sieg in Serie (dazwischen lag noch das 5:0 im Pokal-Halbfinale gegen Holstein Kiel) - und Frankfurt konnte im Rennen um die Plätze drei und vier überholt werden.

Alle drei Dortmunder Treffer zum 1:0 und 2:0 und zum späten 3:2 waren jeweils das Ergebnis von Zuckerbäcker-Kombinationen. Zweimal traf Sancho, was seinen Kumpel Haaland auf der Tribüne in wilde Zuckungen versetzte, zum 1:0 schoss Marco Reus ein, der sich gerade erkennbar seiner Bestform nähert. Die Art und Weise, wie Reus in der Entwicklung des ersten und des dritten BVB-Tores jeweils den Ball zu hinter ihm stehenden, besser postierten Mitspielern durchlaufen ließ, wirkte wie ein Beleg dafür, dass der BVB im Training unter Terzic inzwischen bei den Lektionen zur kollektiven Filigran-Arbeit angekommen sein dürfte.

Türöffner zur Champions League?: Der Dortmunder Jadon Sancho erzielt unbedrängt das Siegtor gegen Leipzig.

(Foto: Bernd Thissen/AP)

Dass der erneute Sieg über den Ligazweiten Leipzig (auch das Hinspiel hatte der BVB mit 3:1 gewonnen) trotz einer zwischenzeitlichen 2:0-Führung und einer sichtbaren Kontrolle übers Spiel dann doch noch erzittert werden musste, lag nach Ansicht von Reus an einem taktischen Rückfall in alte Zeiten: "Unsere Mittelfeldspieler sind zu tief abgesunken, wir sind nicht mehr eng genug gestanden, dadurch konnten die Leipziger dann ihren Druck aufbauen." Dieses verwaltende Verhalten hat den BVB in der ersten Hälfte der Saison viele Punkte gekostet, gegen einen Gegner wie Leipzig rächt sich das besonders schnell. Zwanzig Minuten lang drehte die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann den Spieß um und glich nicht nur durch Lukas Klostermann und Dani Olmo aus, sondern es lag in der Luft "dass die Leipziger sogar noch das 3:2 draufsetzen", wie Reus meinte.

Haaland und Bellingham konnten aber auf der Tribüne bejubeln, dass ihre Mannschaft unter Terzic inzwischen kollektiv zurückschlagen kann. "Wie Erling, Dan-Axel und Jude auf der Tribüne total mitgefiebert haben: So soll es sein", sagte Terzic. "Der Sieg in Wolfsburg, zu Zehnt, der Sieg gegen die Kieler, heute der späte Siegtreffer, das schweißt zusammen." Den taktischen Durchhänger wird man abarbeiten müssen vor Berlin, ebenso wie Nagelsmann thematisieren wird, warum seine Klasse-Mannschaft von Dortmund so lange in Schach gehalten werden konnte.

Fan im Stadion ohne Fans: Erling Haaland eskalierte auf der Tribüne ob des 3:2-Sieges seiner Mannschaft.

(Foto: Leon Kuegeler/AFP)

Fürs Pokalfinale fällt Torhüter Marwin Hitz mit einem Kapselriss im Knie aus, den er sich gegen Leipzig bei einem Zusammenprall mit Mitspieler Manuel Akanji zuzog. Haaland dürfte seinen "Pferdekuss" im Oberschenkel bis Donnerstag überwunden haben, er soll am Montag ins Training zurückkehren. Bellingham, diesmal von der Mama zum Stadion kutschiert, weil er mit 17 noch keinen Führerschein hat, ist dann ohnehin entsperrt. "Wir wollen", meinte Terzic süffisant, "den Pokal in Berlin nicht nur angucken, sondern auch anfassen." Einen Favoriten sehe er im Finale nicht.

Jadon Sancho, der sich gerade rechtzeitig wieder in Form gespielt hat, lässt intern derzeit Hoffnung aufkommen, dass er auch in der nächsten Saison weiter für Dortmund spielen könnte. Abgesehen davon, dass der Transfermarkt wegen der Corona-Verluste überall extrem schwach erscheint, und sich kaum ein Klub die rund 100 Millionen Euro leisten kann, die Sancho kosten würde: Der 21-jährige Engländer sagte dem Sportsender ESPN letzte Woche: "Ich fühle mich derzeit sehr glücklich in Dortmund, im Verein, in der Mannschaft. Ich bin diesem Klub sehr dankbar." Kann sein, dass dabei Terzic eine große Rolle spielt. Und vor allem Kumpel Haaland. Der darf im Sommer ohnehin nicht gehen - ob mit oder ohne Champions League für den BVB. Aber mit wäre für ihn halt schon schöner.

© SZ
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