Brandt nach Dortmund Sein Statussymbol ist der Fußball

Spielen bald zusammen beim BVB: Julian Brandt (r.), Julian Weigl (Mitte) und Axel Witsel.

(Foto: imago images / Kirchner-Media)
  • Borussia Dortmund verpflichtet innerhalb kürzester Zeit Nico Schulz, Thorgan Hazard und Julian Brandt für jeweils rund 25 Millionen Euro.
  • Brandt hat bei seinem vormaligen Klub Bayer Leverkusen unter dem Trainer Peter Bosz seine Liebe fürs Zentrum entdeckt.
  • In Dortmund birgt das für den 23-Jährigen aber taktische Unwägbarkeiten.
Von Ulrich Hartmann, Leverkusen

Kaum war die Saison zu Ende, war Julian Brandt schon unterwegs nach Barcelona. Das allein war für Bayer Leverkusen noch keine Hiobsbotschaft, weil die gesamte Mannschaft ihre fröhliche Abschlussfahrt in die katalanische Metropole unternahm. Allerdings hatte Brandt seinen Kollegen dort schon definitiv mitgeteilt, dass er nächste Saison für Borussia Dortmund spielt. Am Mittwochnachmittag war es dann amtlich: Der Offensivspieler verlässt nach fünfeinhalb Jahren den Werksklub für die festgeschriebene Ablöse von 25 Millionen Euro. Er wird ausgestattet mit einem Vertrag bis Juni 2024.

Die Nachricht war stündlich erwartet worden, allerdings wird sie von einigen sportlichen Fachfragen begleitet. Denn in Leverkusen hatte Brandt gerade die beste Halbserie seiner jungen Laufbahn gespielt, nachdem der im Januar gekommene Trainer Peter Bosz eine Umbesetzung vornahm. Der Niederländer befreite Brandt aus seiner Flügelposition und stellte ihn ins Zentrum. Eine Maßnahme, die dem Spiel von Brandt und von Leverkusen zu einem Effektivitätsschub verhalf, der dem Klub am letzten Bundesliga-Spieltag sogar Platz vier und damit die Qualifikation für die Champions League bescherte. In Dortmund erwarten Brandt nun allerdings ein paar Unwägbarkeiten, weil er nicht sicher sein kann, dass auch Trainer Lucien Favre ihn auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld platziert.

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Mit Brandts Fortgang hatten sie unterm Bayer-Kreuz offenbar schon länger gerechnet und deshalb für eine noch ein paar Millionen höhere Ablöse von der TSG Hoffenheim den taktisch vergleichbaren Kerem Demirbay verpflichtet. Der 25-Jährige, der von 2011 bis 2013 für Borussia Dortmunds A-Jugend und die zweite Mannschaft gespielt hat, soll Brandt in Leverkusen nicht nur ersetzen. Er könnte auch bei Kai Havertz eine mögliche Frustration abmildern helfen, da dieser fortan ohne seinen bewährten Spielpartner klarkommen muss. Havertz, 19, gilt als eines der größten und damit teuersten Mittelfeldtalente in ganz Europa, das die Prominenz von München, Manchester bis Madrid längst spekulativ ins Auge gefasst haben dürfte.

Als Kreativspieler mit dem Nationalmannschafts-Siegel ist Brandt für Dortmund absolut eine Verstärkung. 24 Länderspiele (zwei Tore) hat der gebürtige Bremer bereits auf dem Konto. Interessanterweise bietet er sich Bundestrainer Joachim Löw explizit als zentraler Mittelfeldspieler an. Bislang hat Löw ihn nur als Flügelstürmer eingesetzt, doch seit er in Leverkusen im Zentrum den direkteren Zugang zum Tor genießt, strebt Brandt auch in der Nationalelf nach mehr Dominanz. Im Februar sagte er: "Wenn der Bundestrainer gezielt einen Zehner sucht, dann glaube ich, dass ich die Qualität dazu hätte."

Man könnte nun spekulieren, ob sein Transfer nach Dortmund dort einen Systemwechsel auslöst. In der soeben abgeschlossenen Saison hat Trainer Favre bis auf Ausnahmen eine 4-2-3-1-Formation spielen lassen. Doch die Verpflichtung von Brandt könnte bedeuten, dass Favre es demnächst auch mal mit einem 4-3-3 in jener Version probiert, die Bosz in Leverkusen eingeführt und dort beste Erfahrungen mit dem Duo Brandt/Havertz gemacht hat. Brandt könnte diese Rolle an der Seite seines Nationalmannschafts-Kollegen Marco Reus spielen. Axel Witsel würde im defensiven Mittelfeld dann nicht mehr neben Thomas Delaney spielen, sondern als Solo-Sechser. Die Flügel wären mit Nico Schulz hinten links, Achraf Hakimi hinten rechts, Jadon Sancho vorne links und Thorgan Hazard vorne rechts auch ohne Brandt blendend besetzt. Es wird also eng werden im Kampf um die Stammplätze. Die Wechsel von Schulz aus Hoffenheim und Hazard aus Mönchengladbach (in beiden Fällen etwa 25 Millionen Euro Ablöse) hatte der BVB in diesen Tagen erst vermeldet.

"Julian ist für mich kein Flügel-, sondern ein Zentrumsspieler"

Brandt hat seine statistischen Werte in seiner Zeit in Leverkusen nicht gerade kontinuierlich verbessert. Seine Leistungen waren starken Schwankungen unterworfen. Auffällig war aber, wie viel besser er in der vergangenen Saison von der Hinrunde zur Rückrunde geworden ist. In der Hinrunde unter Trainer Heiko Herrlich noch auf dem Flügel, gelangen ihm in 16 Spielen nur ein Tor und drei Vorlagen. In der Rückrunde unter Bosz hingegen waren es in 17 Spielen sechs Tore und zwölf Vorlagen. Bosz sagt über Brandt: "Im Mittelfeld sind die Räume eng, da braucht man Spieler, die den Ball führen können, deshalb ist Julian für mich kein Flügel-, sondern ein Zentrumsspieler."

Brandt hatte in seiner Jugend in Bremen nie für Werder, sondern der Freunde wegen für die kleinen Klubs SC Borgfeld und FC Oberneuland gespielt. Mit 15 Jahren zog er um zum VfL Wolfsburg, mit dem er 2013 in der A-Jugend deutscher Meister wurde. Mit 17 Jahren wechselte Brandt zu Bayer Leverkusen, wo er am 15. Februar 2014 mit 17 Jahren und neun Monaten sein Bundesliga-Debüt feierte. Der Fußball ist sein Statussymbol. Er fährt keine goldenen Rennwagen ("Ich will nicht protzen") und hat keine Tattoos ("Meine Mutter würde mich umbringen"). Als sein Agent fungiert der Vater. Längst vorbei sind in Dortmund die Zeiten eines Pierre-Emerick Aubameyang, der ja den extrovertiertesten Fuhrpark der Branche unterhielt.

Welchem edlen Stürmer Brandt beim BVB die Bälle durchstecken soll, ist noch ungewiss. Weil Paco Alcácer sich bislang nicht als Stammspieler etabliert hat, läuft es aktuell auf Mario Götze hinaus. Und bei einem nur 1,76 Meter kleinen Mittelstürmer könnte es für Julian Brandt (1,86 m) im Zentrum dann ohnehin mehr zu tun geben als auf dem Flügel.

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