Österreichisches Magazin „Ballesterer“Der Bolzplatz in der Porzellangasse

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Von Maradona bis Red Bull: Cover und Titelstorys aus 25 Jahren Magazingeschichte.
Von Maradona bis Red Bull: Cover und Titelstorys aus 25 Jahren Magazingeschichte. LWZ / Ballesterer / oh

Das alternative österreichische Fußballmagazin „Ballesterer“ wird 25 Jahre alt. Über eine chaotische Zugfahrt in Italien, kreative Finanzierung und eine mutige Frage an Jogi Löw.

Von Gerhard Fischer

Das alternative Fußballmagazin Ballesterer ist in einer feinen Gegend daheim: in der Porzellangasse im 9. Wiener Bezirk, unweit vom Sigmund-Freud-Museum. Moritz Ablinger, der Chefredakteur (er macht es zusammen mit Nicole Selmer), wartet im Innenhof. Ablinger, 32, Bart, verwuschelte Haare, rote Trainingsjacke, sieht aus wie ein Student. Und die Redaktion, in die er nun geht, sieht aus wie eine WG. Wobei, mehrere Menschen könnten dort kaum wohnen, es ist nur ein großer Raum, der vollgestopft ist mit Fußballbüchern, Bällen und Ballesterer-Ausgaben in Kartons; Letzteres könnte man auch als Archiv bezeichnen. Das Ganze wirkt ungeheuer sympathisch chaotisch.

Der Ballesterer, Österreichs Äquivalent zum deutschen Fußballmagazin 11 Freunde, wird in diesem März 25 Jahre alt. Auch der Ballesterer liefert mehr als eine 1:0-Berichterstattung, er schreibt über Hintergründiges, über die Kommerzialisierung des Fußballs, Frauenfußball, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Umweltschutz, Fußballgeschichte und Fan-Kultur. Er erscheint zehnmal im Jahr, es gibt neun normale Ausgaben und eine sogenannte Ballesterer-Bibliothek, die monothematisch ist und 150 Seiten umfasst.

Aber im Gegensatz zu 11 Freunde, bei dem inzwischen die Spiegel-Gruppe eingestiegen ist, blieb der Ballesterer eher klein. Er hat knapp 5000 Abonnenten und erlöst im freien Verkauf etwa 2500 Exemplare; er hat fünf feste und 40 bis 50 freie Mitarbeiter, die sehr wenig Honorar bekommen, und er erscheint immer noch im Eigenverlag; etwa 120 Vereinsmitglieder gehören zu einem Supporters-Club und zahlen Monatsbeiträge.

Jakob Rosenberg ist mittlerweile eingetroffen. Er war zwölf Jahre lang Chefredakteur, heute ist er Pressereferent im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands – und Geschäftsführer beim Ballesterer. Er kennt die Anfänge des Magazins im März 2000. „Reinhard Krennhuber hat den Ballesterer an der Uni als Seminararbeit für ein Special-Interest-Magazin entwickelt und dann mit Freunden umgesetzt“, erzählt Rosenberg. Als Vorbild galt das englische Magazin When Saturday comes. „Krennhubers Schwester hat das erste Layout gemacht, sie haben es im Copyshop kopiert und sind damit vor die Stadien gegangen.“ Der erste Ballesterer hatte eine Auflage von 300 Stück. Ach, übrigens: Ein Ballesterer ist ein Fußballspieler, ein technisch begabter. So einen liebt man in der leichtfüßigen österreichischen Fußballwelt.

Die erste Ausgabe war komplett schwarz-weiß, bloß das Cover war orange

Ablinger holt eine erste Ausgabe an den Tisch. Das Heft ist innen komplett schwarz-weiß, als wäre es nicht 25, sondern 75 Jahre alt, bloß das Cover ist orange. Der Ballesterer erschien dann jahrelang unregelmäßig, erst ab einer Ausgabe im Jahr 2003, in der sich die Journalisten mit dem SV Mattersburg beschäftigten, ging es richtig los. „Das war ein Glücksfall“, sagt Rosenberg, „der Präsident des SV Mattersburg hat damals für seinen VIP-Club alle Ausgaben gekauft, das hat uns einen finanziellen Boost gegeben, den wir nicht für möglich gehalten hätten.“ Danach ist der Ballesterer, der bis dahin nur in Plattenläden, Buchhandlungen, vor den Stadien oder Lokalen zu kriegen war, in den österreichischen Vertrieb gekommen.

Das Magazin hat dennoch immer wieder finanzielle Probleme, und immer wieder gibt es Hilferufe an die Unterstützer, wie man sie von der taz in Deutschland kennt. Eine Rettungsaktion vor fünf Jahren hieß „Der Ballesterer brennt“, und der Beistand war phänomenal, vor allem von den Ultras der Vereine. Den Fußballfunktionären ist der Ballesterer hingegen oft zu progressiv, oder „zu lästig“, wie Rosenberg sagt. Der Ballesterer wirkt eben wie ein Bolzplatz, auf dem frei und mit viel Liebe gespielt, aber auch mal hingelangt wird. Für das Jubiläumsjahr haben sie sich vorgenommen, über einige Aktionen 500 Neu-Abos zu verkaufen und 50 neue Mitglieder im Supporters-Club zu generieren.

Rosenberg, 43, kann nicht nur gut schreiben, er kann auch gut reden, bei ihm geht kaum ein Argument ins Leere und keine Anekdote ins Nirgendwo. Rosenberg hat mal in Neapel studiert, seinetwegen hängt wohl das Maradona-Poster im Raum; Diego Maradona spielte zwischen 1984 und 1991 für die SSC Neapel. Auf die Frage, welche Highlights es in den 25 Jahren gab, antwortet Rosenberg, nachdem er einen Blick mit Ablinger gewechselt hat: „Soll ich den Zug erzählen?“

Moritz Ablinger, 32, ist der aktuelle Chefredakteur des Ballesterer.
Moritz Ablinger, 32, ist der aktuelle Chefredakteur des Ballesterer. Daniel Shaked / oh

Er erzählt den Zug: „2008 war ein Italien-Schwerpunkt im Ballesterer geplant, und wir – Reinhard Krennhuber und ich – begleiteten Fans der SSC Neapel im Zug nach Rom, wo das Auswärtsspiel bei der AS Rom stattfand. Es war eine Zugfahrt voller Schikanen.“ Der Zug sei, unter anderem, absichtlich angehalten worden, sodass die Napoli-Fans die erste Halbzeit verpassten. „Es war Hochsommer, keine Lüftung, keine Klimaanlage.“ Die Polizei sei sogar gewalttätig geworden. „Nach dem Spiel, im Bus zum Bahnhof, haben Polizisten Fans rausgezogen und sie verdroschen.“ Es sei dann aber „in die Richtung gedreht worden, dass die Napoli-Fans mal wieder eskaliert hätten“.

Der Standard und italienische Zeitungen berichteten darüber, Rai-Reporter kamen nach Wien, um Rosenberg und Krennhuber zu interviewen, die beiden wurden auch ins italienische Parlament eingeladen, es gab Untersuchungen, aber keine Konsequenzen. Dennoch: „Das hat medial hohe Wellen geschlagen und unser Standing in der Fanszene gefestigt“, sagt Rosenberg.

Noch eine Anekdote? Eine lustige vielleicht, schließlich spielt Humor beim Ballesterer eine große Rolle? Ja, die gibt es natürlich. Es geht um einen Ballesterer-Kollegen, der 2014 – unmittelbar nach Deutschlands WM-Gewinn – Jogi Löw in der Pressekonferenz die erste Frage stellte. Rosenberg und Ablinger lächeln. Der Kollege fragte nämlich nicht nach Götzes Siegtor, Neuers Paraden oder Löws Gefühlen, nun Weltmeister zu sein. Ablinger: „Er fragte Löw, ob der WM-Titel die Genugtuung dafür sei, dass ihn die Wiener Austria zehn Jahre zuvor entlassen hatte.“ Und ja, Löw antwortete sogar, er sagte: „Im Nachhinein betrachtet war die Entlassung bei der Austria mein großes Glück.“

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