Tod von Tenniscoach Bollettieri:Harter Lehrmeister für die Großen

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Tod von Tenniscoach Bollettieri: Nick Bollettieri.

Nick Bollettieri.

(Foto: Pressefoto Baumann/Imago)

Nick Bollettieri gilt vielen als Tennistrainer-Legende, für andere war er ein unnachgiebiger Drill-Sergeant. Mit seinen Methoden führte er Spieler wie Agassi, Seles und Haas an die Spitze. Nun ist Bollettieri im Alter von 91 Jahren gestorben.

Von Sebastian Winter

Wer damals, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, öfter an einer der vielen Nick-Bollettieri-Tennisakademien vorbeilief, die auch in Deutschland im Zuge des Boris-Becker-Booms aus dem Boden schossen, der staunte: Jungs droschen da auf den Ball, umgedrehte Basecap, gespiegelte Sonnenbrille, die braungebrannten Trainer daneben meist mit demselben inoffiziellen Dresscode.

Es sah nach Urlaub aus, doch das war es nicht: Auch im badischen Bühl wurden die Talente damals gedrillt, die Schüler spielten, wohnten, aßen auf dem Gelände, sie waren einkaserniert wie einst Bollettieri selbst in seiner Zeit bei der US-Army, wo er es bei den Luftstreitkräften bis zum Oberleutnant brachte. Die wenigsten schafften den ganz großen Durchbruch.

Bollettieri, geboren 1931 in Pelham, New York, gegenüber der Bronx, war in der Highschool Football-Quarterback und kam nach seinem abgebrochenen Jurastudium in Miami als Autodidakt zum Tennis, mit dem er zuvor kaum zu tun hatte. In seiner Akademie in Bradenton, Florida, deren Ableger später in der ganzen Welt zu finden waren, züchtete der kleine, drahtige Sohn italienischer Einwanderer Abertausende Spielerinnen und Spieler, darunter die Elite des Tennis: Andre Agassi, Monica Seles, Martina Hingis, Maria Scharapowa, Jim Courier, die Williams-Schwestern und viele andere gingen bei Bollettieri in die Powertennis-Lehre. Auch Boris Becker, Sabine Lisicki und Tommy Haas gehörten zu seinen Schützlingen.

Sein Camp bezeichnete Bollettieri einst selbst als "härtesten Spielplatz der Welt"

Eltern und Kinder strömten in Scharen auf das riesige Akademiegelände südlich von Tampa Bay, das Bollettieri selbst als "härtesten Spielplatz der Welt" bezeichnete. Und sie zahlten einen hohen Preis: 30 000 Dollar kostete den Nachwuchs ein Jahr in der Akademie. Dafür bekamen die Talente eine Rundumbetreuung, die auch auf Bollettieris Gabe fußte, ein hervorragendes Auge für das Talent kommender Spielerinnen und Spieler zu haben. Und auch das: Der Charismatiker Bollettieri füllte Räume aus, wenn er sie betrat.

Er wusste um seine Anziehungskraft, Bollettieri bezeichnete sich einst als "Michelangelo des Tennis", Boris Becker nannte ihn "ein Genie". Ein Meister der Selbstvermarktung war er sowieso. Kritikerinnen wie Martina Navratilova warfen Bollettieri zugleich vor, Kinder mit seinem Drill in den Burn-out zu treiben. John McEnroe nannte ihn gar einen "Scharlatan", der keine Ahnung vom Tennis habe.

Tod von Tenniscoach Bollettieri: Auch sie trainierte bei Coach Nick Bollettieri: Anna Kournikova (li.).

Auch sie trainierte bei Coach Nick Bollettieri: Anna Kournikova (li.).

(Foto: imago sportfotodienst/imago sportfotodienst)

Und Andre Agassi rechnete in seiner Biografie mit seinem einstigen Trainer ab, mit dem ihn bis zum Bruch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis verband. Die Akademie sei ein "besseres Gefangenenlager" gewesen. Vielleicht wurde Bollettieri, der den Boom der Tennisakademien erst ausgelöst hat, auch wegen dieser Ambivalenz erst 2014 in die "Hall of Fame" des Sports aufgenommen.

In den letzten Jahren kümmerte sich Bollettieri, der eiserne Frühaufsteher, der immer sein Fitnessprogramm durchzog, vermehrt um seine Familie. Er lebte nicht mehr nur auf dem Platz, sondern eher zurückgezogen mit seiner achten Ehefrau zusammen. Wenn er denn nicht reiste, im Sinne des Tennis. Tommy Haas, der einst als Teenager bei ihm in Florida die ersten Bälle schlug, schrieb über seinen einstigen Trainer auf Instagram: "Du warst ein Träumer und ein Macher und ein Pionier in unserem Sport, wirklich einzigartig." Am Sonntag ist Bollettieri, 91, gestorben.

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