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VfL Bochum:Über dieses 5:6 wusste sogar Pep Guardiola Bescheid

Bayern Bochum 1976

Gerd Müller (Nr. 9) und Jupp Kapellmann beim Torjubel. Ganz rechts im Bild ist Hermann Gerland.

(Foto: imago images/WEREK)
  • Der VfL Bochum empfängt an diesem Dienstagabend im DFB-Pokal den FC Bayern.
  • Je länger das Bochumer Team in der zweiten Liga versackt, umso goldener erscheinen andere Zeiten, von denen der Ex-VfL-Spieler und heutige Münchner Hermann Gerland berichten kann.
  • Ein Spiel, auf das Gerland bis heute angesprochen wird, war eines gegen die Bayern.

In Bochum sagt zu Hermann Gerland niemand Tiger. "Der Tiger" ist er in München, wo sie ihn ebenfalls kultisch verehren; das Grünwalder Stadion in Giesing, die Spielstätte der U23, ist für viele Fans nur die "Hermann-Gerland-Kampfbahn", nach all den Jahren, in denen Gerland die zweite Mannschaft trainiert hatte. In München schätzen sie den Tiger als Trainer, der schimpft wie kein anderer; Menschen, die er gut leiden kann, nennt er einen "Osterhasen". In Bochum dagegen ignorieren sie das mit dem Tiger, eine Erfindung eines Journalisten, bis heute.

In Bochum nennen sie Gerland: Eiche.

An diesem Dienstag (20 Uhr) treffen in Bochum die Welten von Gerland aufeinander, seine Tiger-Welt und seine Eichen-Welt. Der FC Bayern spielt im Pokal beim VfL Bochum, dem Drittletzten der zweiten Liga, in der er seit 2010 ununterbrochen spielt, so lange wie nie zuvor. "Schaue ich mir die Tabelle an, sehe ich, dass es aktuell nicht gut läuft", sagt Gerland, "aber ich bin 600 Kilometer entfernt, ich will also nicht den Schlauen machen und über Ursachen spekulieren." Doch je länger das Team in der zweiten Liga versackt, umso goldener erscheinen andere Zeiten, auch wenn diese in Wahrheit oft grau waren. Die Zeiten, in denen ein Mann zur Eiche werden konnte.

Gerland, geboren in Bochum, spielte 16 Jahre lang für den VfL, zwölf davon bei den Profis; später trainierte er die Profis. Er hatte angefangen als Stürmer, aber in der Bundesliga ließ Trainer Heinz Höher ihn samstags kaum spielen und sonntags rief er ihn an: "Geh in den Wald laufen!" Gerland schimpfte, er fand, dass er schnell genug war. Irgendwann sagte er zu Höher, dass er spielen wolle, egal wo, einfach nur Fußball wollte er spielen. Höher, der nicht immer einfach war, ließ ihn spielen. In der Abwehr. Dort prägte Gerland die Identität des Vereins, die dieser bis heute pflegt. Die eines Vereins, in dem in erster Linie hart gearbeitet wird und in zweiter Linie härter.

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Höher, der zum Ende seiner aktiven Karriere für den FC Twente Enschede gespielt hatte, führte in Bochum auch Elemente des modernen niederländischen Fußballs ein, die Raumdeckung und den Spielaufbau aus der Abwehr. Für Letzteres war Gerland der falsche Mann, "ich war nicht der Beste am Ball", erinnert er sich, "der Ball war nicht mein Freund". Flanken konnte er, und "gut, Querpässe konnte ich auch, ich war ja kein Blinder". Doch bekannt wurde der Abwehrspieler Gerland durch seinen unbändigen Willen. "Ich habe immer alles gegeben, und im Revier ist das eine Eigenschaft, die gut ankommt."

Der VfL hatte damals auch Spieler, vor allem Stürmer, die mit dem Ball gut befreundet waren, Jochen Abel zum Beispiel, den die Fans mit "Hee Jochen Abel, bumbum, lalala" besangen, der in seiner ersten Saison 15 Tore in 20 Spielen erzielte, der alleine vom Elfmeterpunkt 16 Mal traf. Aber den Geist der Mannschaft verkörperten Typen wie Michael Lameck, den in Bochum keiner Michael nennt, sondern "Ata", nach dem Putzmittel, mit dem ihn seine Eltern nach dem Kicken auf dem Ascheplatz die Schwärze vom Körper schrubben mussten. Und Typen wie Eiche Gerland.

"Sie haben mich Eiche genannt, weil ich nie aus dem Weg gegangen bin", sagt Gerland. "Und wenn ich dabei verletzt worden bin: Ich bin nicht aus dem Weg gegangen." Als Eiche war er eine Stütze in einer Mannschaft, in der jeder für den anderen gerannt oder eben nicht aus dem Weg gegangen ist. "Wir kamen fast alle aus dem Revier, da war der Zusammenhalt enorm."

Ein Spiel, auf das Gerland bis heute angesprochen wird, war eines gegen die Bayern. Bochum, September 1976, der VfL führte nach 53 Minuten 4:0. "Wir waren klar besser, wir hätten viel höher führen müssen", erinnert sich Gerland, "aber dann sind da Dinge passiert, die waren kurios." In der 55. Minute traf Gerlands Gegenspieler, ein gewisser Karl-Heinz Rummenigge. Nach 75 Minuten führten die Bayern 5:4, einmal Katsche Schwarzenbeck, zweimal Gerd Müller, einmal ein gewisser Uli Hoeneß. Bochum glich durch Jupp "Josef" Kaczor aus, doch in der 89. Minute lief Hoeneß allen davon, 6:5. "Überraschenderweise", sagt Gerland, wusste jeder in München sofort Bescheid. "Louis van Gaal wusste es. Pep Guardiola wusste es. Jupp wusste es sowieso." Jener Jupp Heynckes, als dessen Assistent Gerland 2013 die Champions League gewann; inzwischen leitet er das Nachwuchsleistungszentrum.

Am Dienstag wird Gerland im Stadion sitzen, Anfang November kehrt er wieder nach Bochum zurück. Einmal im Jahr gibt er den Mitspielern von früher einen aus. Sie erinnern sich dann an die alten, ehrlichen, manchmal ascheschwarzen Zeiten. Aber, das weiß Gerland schon jetzt, später am Abend "reden wir dann so, als ob wir alle schon ein paarmal deutscher Meister und Europapokalsieger geworden wären. Schlecht war dann keiner mehr von uns."

© SZ vom 29.10.2019/chge
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