Bob Stapleton:"Rolf hatte einen Moment der Schwäche"

T-Mobile-Manager Stapleton über die Dopinghistorie und die Absicht, mit Sportchef Aldag weiterzuarbeiten.

Andreas Burkert

Am Mittwochnachmittag flog Bob Stapleton, 49, unplanmäßig vom Giro d'Italia zurück nach Deutschland, wo sich der Kalifornier etwa die Hälfte des Jahres aufhält. Der Milliardär und Mitbegründer des amerikanischen ,,Voicestream Wireless'' (heute T-Mobile USA) leitet seit diesem Jahr als Eigner den T-Mobile-Rennstall, der nach den Enthüllungen des früheren Profis Bert Dietz über ein Dopingssystem im vormaligen Team Telekom stark unter Druck geraten ist.

Bob Stapleton Telekom Doping

Bob Stapleton (links): "Rolf hatte einen Moment der Schwäche."

(Foto: Foto: dpa)

Am Donnerstag wird Stapleton - in den vergangenen Monaten ein ungeduldiger Antreiber in der Aufarbeitung der spanischen Dopingaffäre "Operación Puerto" und bei der neuen Ausrichtung des T-Mobile Teams - gemeinsam mit Kommunikationschef Christian Frommert und Teamchef Rolf Aldag in Bonn eine Pressekonferenz geben. Der langjährige Telekom-Profi Aldag wird dann, wie Stapleton der SZ bestätigte, offen eingestehen, dass er von den damaligen Doping-Praktiken in seiner Mannschaft entgegen bisherigen Äußerungen gewusst und ebenfalls unerlaubte Mittel eingenommen hat.

SZ: Mister Stapleton, Sie haben zuletzt erzählt, Sie seien immer noch dabei, "Radsport zu lernen"- was haben Sie in den vergangenen drei Tagen gelernt?

Stapleton: Ich habe gelernt, dass die Aufgabe leider doch viel größer ist, als ich angenommen habe. Und dass es offenbar sehr schwierig ist, gute Leute für eine gute Sache zu finden. Anderseits haben unsere letzten Siege einen besonderen Wert für mich. Zum Beispiel Marco Pinotti, unser Italiener, der beim Giro eine Etappe gewann und Rosa trug. Er hat sich klar gegen Doping und zum Fall seines Landsmannes Ivan Basso geäußert - es macht mich froh zu sehen, dass jetzt jemand wie er Erfolg hat. Oder Mark Cavendish, er gewann am Dienstag eine Etappe in Katalonien, ein 21-jähriger Bursche. Das macht mich stolz, aber zugleich muss ich erkennen, dass der Radsport weiterhin zutiefst korrupt ist.

SZ: Ein Feind wie der Krebs.

Stapleton: Ja, die Sache ist offenbar so weit auf einem schlechten Weg, dass man gar nicht mehr weiß, wo das hinführen soll. Es gibt im Radsport viele Leute mit guten Absichten, die aber in einem kranken System feststecken. Ich weiß wirklich nicht, was man noch tun soll - es ist, als hätte man den Kontakt zur Außenwelt verloren, als wäre man in einem anderen Universum. Ich habe unterschätzt, wie schwierig es sein würde, wirklich in diesen Sumpf einzudringen.

SZ: Am Donnerstag will ihr Teamchef Rolf Aldag auf einer Pressekonferenz die Wahrheit über seine Vergangenheit erzählen - sind Sie nicht enttäuscht, dass er Ihnen gegenüber das Doping-Geständnis nicht viel früher gemacht hat?

Stapleton: Ich kann nachvollziehen, welcher Druck durch die Regeln dieser schon erwähnten Parallelgesellschaft entsteht. Ich glaube, dass Rolf heute sehr engagiert ist und sehr zu dem steht, was wir jetzt tun. Es hat eben auch bei ihm Momente der Schwäche gegeben, und jetzt müssen wir versuchen, dass wir da rauskommen und mit ihm weitermachen können.

SZ: Rolf Aldag ist das Gesicht der neuen Kampagne gewesen, dem Sie zu hundert Prozent vertrauten.

Stapleton: Natürlich haben wir beide ein paar persönliche Dinge untereinander zu klären, aber alles, was er für die Sache gemacht hat, hat mich überzeugt und war nahezu perfekt. Er hat keinen Fehler in seiner jetzigen Tätigkeit als Sportdirektor gemacht - und er hat ein angenehmes Leben für uns aufgegeben, das aus dem Absolvieren von Triathlons und einem Dasein als Fernsehexperte bestand. Aber klar, er hätte natürlich offener mit seiner Vergangenheit umgehen müssen. Dennoch: Meine Absicht ist es, mit Rolf weiter zu arbeiten. Er ist immer noch die beste Wahl für den Posten, und er ist immer noch in der Lage, den Job gut zu machen. Was glauben Sie?

SZ: Ein Problem ist vielleicht, dass er nun gezwungen ist, die Wahrheit zu sagen, und es nicht aus freien Stücken tut.

Stapleton: Sicher, das ist jetzt das Thema. Aber ich weiß, dass er sich schon in den vergangenen zwei Wochen mit dem Gedanken getragen hat, sich zu offenbaren. Er wollte es tun und hat nach einem Weg gesucht, sich umfassend und nachvollziehbar zu äußern. Und das zu tun und trotzdem noch in der Radsportgemeinschaft zu arbeiten, ist offenbar äußerst schwierig. Man muss sich das so vorstellen, als sei er von unheimlich vielen Krakenarmen bedroht worden. Er war wirklich in einer ganz, ganz schlechten Lage. Natürlich hätte er es eher tun müssen, aber er könnte ja auch weiterhin einfach nichts tun. Dass er es jetzt doch tut, spricht für ihn, denn an seiner Öffnung wird er auch persönlich arg leiden. Womit er am meisten zu kämpfen gehabt hat: Da gibt es tiefe Freundschaften und langjährige Beziehungen, und wenn man in Zukunft noch in diesem Sport arbeiten will, es ist äußerst schwierig, allem und allen gerecht zu werden.

SZ: Sie haben mit Jan Schaffrath und Brian Holm, dem früheren Zimmerkollegen des schwer belasteten Bjarne Riis, weitere Sportchefs aus der Telekom-Vergangenheit angestellt. Wie stehen Sie jetzt zu ihnen?

Stapleton: Brian hat mir gegenüber schon zugegeben, dass er in der Vergangenheit gedopt hat, und er hatte das auch in einem Buch angedeutet. Was Schaffi angeht, kann ich nur sagen, dass sein heutiges Verhalten im Team vorbildlich ist.

SZ: War Ihr größter Fehler, den Freiburger Team-Ärzten Heinrich und Schmid weiterhin vertraut zu haben?

Stapleton: Zugegeben, ich wusste nicht viel von ihrer Vergangenheit. Alle ihre Äußerungen waren jedoch so klar, dass es richtig schien, mit ihnen weiter zu machen. Als ich das Team im Sommer 2006 übernommen habe, war extrem viel zu tun: Wir musste Fahrer verpflichten, die Organisation neu ordnen und neue Programme für die Fahrer etablieren...

SZ: Und so haben Sie auch übersehen, dass Heinrich und Schmid das neue Kontrollgremium des Teams teils mit fragwürdigen Personen bestückte?

Stapleton: Nein, aus dem Gremium kannte ich eigentlich alle, bis auf die Antidoping-Experten. Massimo Testa (früherer Motorola- und Mapei-Trainingsplaner; d.Red.) ist sicher am ehesten eine provokante Besetzung, und ich wusste, dass er schon lange im Radsport tätig war. Aber er war bei uns nicht für Kontrollen zuständig, sondern nur fürs Training. Aber er war lange Arzt, und ich verstehe jetzt, wenn jemand sagt: Hm, das ist sehr komisch. Trotzdem, es sind viele unabhängige Personen in dem Gremium vertreten, und ich stehe dazu. Aber ich bin sehr, sehr ärgerlich über das fast kindische Verhalten der Freiburger Ärzte, denn eine Folge ist ja nun auch, dass meine Fahrer im Moment keine medizinische Versorgung haben. Aber wenn die Ärzte aus der Sache nicht rauskommen, werden sie auch bald sehr unglücklich über ihr kindisches Verhalten sein.

SZ: Können Sie denn sicher sein, dass es mit Heinrich nicht doch auch zuletzt ein Dopingsystem bei T-Mobile gab?

Stapleton: In den letzten Monaten, unter dieser strengen Aufsicht? Da bin ich absolut sicher! Die Tests sind alle unabhängig vorgenommen worden, und Lothar Heinrich war daran nie beteiligt. Das ist Teil des Antidoping-Programm.

SZ: Das Problem der Zukunft des Radsports scheint jedoch zu sein, dass weiterhin die Vergangenheit stark mitmischt.

Stapleton: Einige Leute sind sicher ein großes Problem und haben nicht die Absicht, sich zu ändern. Andere wollen etwas verändern, sich ändern, und es gibt viel Unterstützung von anderen Athleten und Managern für unseren neuen Weg. Trotzdem: Es gibt absolute Feinde des Systems, und sie verhalten sich nicht anders, weil sie Angst um ihre Jobs haben. Meine Hoffnung in der jetzigen Situation ist aber, dass dies eine Chance für einen völligen Neuanfang für den Radsport ist. Dass jetzt überall glaubwürdige Informationen auf den Tisch kommen. Basso hatte ja die Chance, dies zu tun - aber hat er es fürchterlich schlecht gemacht. Die Leute müssen den Eindruck haben, dass der Radsport jetzt endlich alles exakt aufklärt.

SZ: Ist Ihre Aufklärungsarbeit der letzten Monate und Ihre Position im Peloton durch die Enthüllungen zerstört? Ihrer Gegner aus Spanien oder Italien amüsieren sich sicherlich.

Stapleton: Glaube nicht, dass die noch lachen, ich denke eher, dass sie eine Heidenangst vor mir haben. Und sie haben auch weiterhin guten Grund dazu. Ich sehe diese Leute ohnehin nicht als Kollegen an, sie vergeuden nur meine Zeit.

SZ: Welche Signale senden Telekom und T-Mobile aus? Werden Sie Sponsor des Teams bleiben?

Stapleton: Das glaube ich schon, ich denke, dass ihre Unterstützung erhalten bleibt. Aber ich respektiere, wenn es schwierig für sie sein sollte. Ich werde das Team jedenfalls nur mit T-Mobile weiterführen und mir keinen anderen Sponsor suchen. Es gibt keinen anderen Partner mit so einer Geschichte und Dominanz in diesem Sport - und auch keinen, der so stark den Willen hat, etwas neu aufzubauen.

© SZ vom 23.5.2007
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