Bob:Kraft der Unsicherheit

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Ankunft des Weihnachtsmannes in der Weihnachtspostfiliale

Training mit Weihnachtsmann: Mariama Jamanka schiebt bei einem ihrer zuletzt zahlreichen Werbetermine einen schweren Schlitten an. Anfang Dezember startet sie in Lettland in den Weltcup, dann selber am Steuer.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Als Olympiasiegerin hat die Berliner Bob-Pilotin Mariama Jamanka im Februar in Pyeongchang alle Beobachter überrascht. Doch nun in der Saison nach dem großen Erfolg geht ihre Karriere erst richtig los.

Von Volker Kreisl

Also, jetzt mal ehrlich. "Wir haben", sagt Mariama Jamanka, "gerade mal EIN Rennen gewonnen!" Gut, natürlich, sagt Jamanka: "Es ist DAS Rennen gewesen, das, auf das jeder Sportler drauf hin trainiert." Aber im Endeffekt, also bei allen ganz großen Versuchen in ihrem Sport-Leben, "war es nur EIN siegreiches Rennen", sagt Jamanka.

Nur, was sie gewonnen hat, war eben das Bob-Olympiafinale im Februar in Pyeongchang.

Da kann Mariama Jamanka jetzt noch so sehr beschwichtigen - sie hatte zusammen mit ihrer Anschieberin Lisa Buckwitz die Verhältnisse im Frauen-Bob auf den Kopf gestellt. Mit diesem Titel ist sie, die noch nicht mal einen Weltcup gewonnen hatte, in eine Disziplin eingebrochen, wie es selten im Sport geschieht. Sie hat zwei der höchstdekorierten Pilotinnen hinter sich gelassen, die US-Amerikanerin Elana Meyers-Taylor und die Kanadierin Kaillie Humphries, und das auf einer der schwierigsten Bobbahnen der Welt.

Ballett, Reiten, Leichtathletik - Jamanka probierte vieles aus, ehe sie zum Bobsport kam

In manchen Sportarten kommt Anfängern bei so einem Coup auch der Zufall zu Hilfe, aber im Bob ist das ausgeschlossen, da braucht einer vier präzise Läufe für einen Olympiasieg. Und wenn eine, obwohl sie aus der Bob-Diaspora Berlin stammt, vier solcher Läufe durch das Kurvenwirrwarr gebracht hat, dann absolviert sie im Sommer reichlich Presse-, Werbe- und Selfie-Termine ("Es waren so um die 50") und gilt natürlich auch für den Bob-Winter, der Anfang Dezember beginnt, als Favoritin. Und trotzdem sagt Jamanka: "Das Selbstbewusstsein ist jetzt nicht enorm gestiegen."

Die 28-jährige Bobpilotin ist eben ein Sonderfall. Sie überrascht ihre Gegnerinnen, obwohl sie erst seit drei Jahren an den Lenkseilen sitzt, obwohl sie weder laut auftritt, noch siegesgewiss, und auch nicht mit markanten Sprüchen zu bluffen versucht. Im Gegenteil, Jamankas Stärke ist vermutlich die Unsicherheit.

"Ich bin eine Grüblerin", sagt sie, "ich tüftle sehr viel, bin nie zufrieden, bin eher ein chronisch unsicherer Mensch." Das hören traditionell geprägte Trainer weniger gerne, im Bobfahren kann es aber helfen. Den Olympiasieg, den Jamanka zusammen mit Anschieberin Lisa Buckwitz errungen hat, verdankt sie ihren beständig nagenden, leisen Zweifeln. Bobfahren ist ja auch permanentes Materialtesten, und das hat sie letzten Winter zusammen mit den Bobbauern vom Berliner Institut FES immer besser hingekriegt. Es hat ja schließlich zu diesem perfekten vierten Olympialauf geführt. Obwohl. Perfekt?

"Die vierte Fahrt war wirklich gut", erinnert sich Jamanka. Schon im oberen Teil der Strecke lief alles glatt, auch die berüchtigte Kurve neun hat sie gekonnt passiert und dann das ganze Tempo mit hinuntergenommen in die restlichen, ausladenden Riesenkurven. "Alles war rund, alles war im Fluss", stellt sie fest. "Aber?" - "Die Startzeit hätte besser sein können."

Die Startzeit ist das Kreuz fast aller Bobpiloten, denn entweder sind sie gute Lenker oder gute Anschieber. Beides auf einmal ist sehr selten. Der andere deutsche Olympiasieger, Francesco Friedrich, ist so einer, ansonsten fällt einem aktuell schon keiner mehr ein. Auch Jamanka muss da noch weitere Schnellkraft aufbauen, denn jede Hundertstelsekunde Rückstand beim Anschieben wirkt sich wegen der Abhängigkeit der Bobs von der Schwerkraft verhängnisvoll aus. Weil Buckwitz nun selber Pilotin werden will, bekommt Jamanka wieder die deutsche Top-Anschieberin Annika Drazek an Bord. Und trotzdem will sie wissen, wie sie selber besser beschleunigen könnte, und das hängt wiederum von ihrer Neugierde ab - wenn man so will, der guten Schwester der Verunsicherung.

Mariama Jamanka, die zu ihrem gambischen Vater noch losen Kontakt hat, umso mehr aber zu ihrer Berliner Mutter, hat schon vieles ausprobiert. Zum Bobfahren ist sie gekommen, weil sie mal Leichtathletin war. Das ist noch nicht ungewöhnlich, die meisten Bob-Sportler stammen aus der Leichtathletik und haben rechtzeitig eingesehen, dass sie in dieser Disziplin niemals ein Siegerpodest aus der Nähe sehen werden. Bevor Jamanka den Hammerwurf probierte, war sie zu Hause in ihrem Viertel in Reinickendorf aber auch schon Cheerleaderin, davor wiederum Reiterin, und davor hatte sie eine Weile versucht, sich einen ganz anderen Traum zu erfüllen, den der Ballerina.

Dass aus den vielen Versuchen nichts wurde, zeugt von einer gewissen Sprunghaftigkeit, aber für eine Bob-Karriere hatte die junge Jamanka, die tanzende Hammerwurf-Reiterin, eine solide Grundlage: Schnellkraft, Technik und Balancegefühl. Mit 23 Jahren hakte sie die Leichtathletik ab, mit 25 dann die Anschieber-Karriere. Und um Pilotin zu werden, warf sie sich einmal mehr in das krasse Gegenteil ihres bisherigen Milieus: Die Berlinerin zog nach Oberhof, in den Thüringer Wald.

Dass Jamanka heute zu den Weltbesten zählt, zu einer ernst zu nehmenden Überraschungs-Olympiasiegerin, das hängt auch mit dem Sportzentrum Oberhof zusammen, wo es keine Szene-Klubs gibt, fast keine Tanzflächen, keine Künstlerviertel und keinen Kiez. Dafür hat Oberhof eine ideale Bobbahn für Pilotenschüler, in der sie sich auf zahlreichen Startrampen, von unten nach oben vortasten und ans höhere Tempo gewöhnen. Jamanka, das Berliner Nachtlicht, gewöhnte sich zudem an diese 1500-Einwohner-Gemeinde und freut sich heute, wenn sie von Winterreisen zurückkommt, auf die Ruhe, ihre kleine Wohnung und ihren Freundeskreis.

Alles in allem hat die neugierige, nie zufriedene, tanzende Wurfreiterin mit der sonderbaren Karriere also ziemlich viel richtig gemacht. Sie holt aus ihren Talenten das Beste heraus, und sie hat nach einem intensiven Trainingssommer beste Aussichten, nach Olympiagold bald das nächste ersehnte Ziel zu erreichen: ihren ersten Weltcupsieg.

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