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Bob:Jamaikas Bob-Märchen zerbröselt

Pyeongchang 2018 - Bob

Jamaikas Prestigeobjekt im Eiskanal: der Olympia-Bob mit Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carrie Russell.

(Foto: Tobias Hase/dpa)
  • Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang startete 30 Jahre nach Calgary wieder ein jamaikanischer Bob.
  • Doch im Team kam es während der Spiele zum Eklat, der Bob landete nur auf Platz 18.
  • Nun kommt womöglich noch ein Dopingfall hinzu.

Von Volker Kreisl

Es hatte zunächst gar nicht so schlecht ausgesehen. Die beiden Athletinnen waren eigentlich chancenlos, aber auch voller Tatendrang. Sie identifizierten sich voll mit ihrem Verband, ihrem Sport und ihren Landesfarben schwarz, grün und gelb. Sie waren sogar schon unter die besten Zehn der Welt gekommen, und sie hatten auch einen schnellen Bob.

Eigentlich haben Märchen keinen zweiten Teil, keine Fortsetzung wie Kinofilme, aber im Falle des jamaikanischen Bob-Projekts war eine solche Ausnahme denkbar. Vor 30 Jahren hatte ein Quartett aus Kingston bei Olympia '88 in Calgary für Furore gesorgt, nun sollte wieder ein jamaikanischer Bob mit einfachen Mitteln die Herzen der Zuschauer bei den Spielen in Pyeongchang in Südkorea erobern. Doch was so gut anfing, zerbröselte nach und nach. Im Team kam es während der Spiele zum Eklat, der Bob landete nur auf Platz 18, und nun kommt womöglich noch ein Dopingfall hinzu. Der Bob-Weltverband IBSF bestätigte einen Positivbefund im jamaikanischen Team. Landes-Medien zufolge handelt es sich um den Olympiabob - und um Clenbuterol, ein Mittel, das wegen seiner anabolen Wirkung in den Achtzigern und Neunzigern in Mode war.

Das Dopingmittel Clenbuterol ist ein Betrugs-Klassiker.

Schon zuvor war der jamaikanische Verband über einen möglichen Dopingfall informiert worden. Chris Stokes, der Präsident der Jamaika Bobsleigh and Skeleton Federation (JBSF), hatte dies der Zeitung Jamaica Gleaner bestätigt, ohne Namen zu nennen. Sollte aber der einzige Olympiabob der JBSF betroffen sein, kann es sich nur um Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian, Anschieberin Carrie Russell oder die Ersatz-Anschieberin handeln. Fenlator war einst eine US-amerikanische Bob-Pilotin und startet seit 2015 für die Karibikinsel, sie hat einen jamaikanischen Vater. Russell war bereits jamaikanische Staffelweltmeisterin im Sprint, ehe sie umsattelte.

Chef Stokes, der Bruder des 1988er Piloten Dudley Stokes, reagiert alles andere als entsetzt, was nicht gerade auf starkes Problembewusstsein hindeutet. "Wir sind jetzt seit 30 Jahren in dem Sport dabei, ich bin nicht beunruhigt, dies ist nur eine Kleinigkeit", sagte er dem Gleaner. Der Fall sei ärgerlich, man müsse jetzt damit umgehen. Man habe die Athleten immer im Sinne des Anti-Dopings erzogen, nun müsse man kooperieren. "Ich bin sicher, die Sache klärt sich auf", sagte Stokes.

Allzu groß ist der Spielraum für einen glücklichen Ausgang der Sache allerdings nicht mehr, auch wenn die B-Probe noch geöffnet werden muss. Der Dopingtest erfolgte im Januar in der Schweiz, über Clenbuterol als Betrugsmittel gibt es nichts zu diskutieren, und die Zuordnung der Probe wurde ja jetzt von der IBSF bestätigt. Für die JBSF ist der Fall deshalb verheerend, weil sie mehr als andere Verbände vom reinen Amateur-Image profitiert. Sie vermarktet seit 30 Jahren die Geschichte des unschuldigen, unerschrockenen Außenseiters, der in der fremden Welt von Eis und Schnee antritt.

Dieses Märchen hatte 1988 in Calgary seinen Anfang genommen, hatte dort mit einem Viererbob-Crash zunächst jäh geendet und war dann 1994 in Lillehammer mit einem Top-Ten-Platz abgeschlossen worden. Einige kleinere Erfolge, hauptsächlich von jamaikanischen Anschiebern in etablierten Nationen, schlossen sich an, ehe sich vor sieben Wochen Fenlator-Victorian mit Russell für Pyeongchang qualifizierte. Doch als Olympia begann, brach intern bereits ein Streit aus, in der ersten Woche wurde dieser dann öffentlich ausgetragen. Von seiner deutschen Trainerin Sandra Kiriasis hatte sich die JBSF plötzlich getrennt, Kiriasis erhob schwere Vorwürfe. Man habe sie vom Team separiert, zur Bahntrainerin degradiert, das habe sie sich nicht gefallen lassen, sie verlange ihren Bob zurück. JBSF reagierte auch nicht gerade diplomatisch, erklärte, Kiriasis habe eine destruktive Wirkung auf die Sportler gehabt, seit sie weg sei, herrsche wieder Harmonie. Der Bob gehöre ihr gar nicht, was sich als zutreffend herausstellte, im Übrigen konzentriere man sich aufs Rennen.

Der Verband lebt vom Mythos des Streifens "Cool Runnings"

Dieser Verband ist eben auch klein, er lebt nicht von einer landestypischen Sportkultur, wie zum Beispiel die karibischen Leichtathleten. Er lebt vielmehr von einem mittlerweile in die Jahre gekommenen Mythos, der erfolgreich in dem Hollywood-Film "Cool Runnings" verewigt wurde, den es aber immer wieder neu zu beleben gilt. Man ist auf Werbemittel angewiesen, auf Hilfe von außen und auf Improvisationskunst. Dass der Streit mit Kiriasis kurz vor dem Abschluss einer jahrelangen Aufbauarbeit derart eskalieren konnte, wirkte amateurhaft. Als wären die Kompetenzen nicht richtig definiert worden.

Chris Stokes sagt nun, man mache sich "keine Sorgen" über die Folgen. 30 Jahre Jamaika Bobsport stellten schon eine lange Tradition dar. Doch wie es im Moment aussieht, bekommt das Prestige eine starke Delle. Für das nächste Olympiaprojekt wird man wohl wieder ganz von vorne anfangen müssen.

© SZ vom 07.03.2018/chge

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