Süddeutsche Zeitung

Bob bei Olympia:Jamaika made in Germany

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Mit deutschen Schlitten, Helmen, sogar mit deutschem Teammanager will Jamaikas Bobteam zu den Winterspielen nach Sotschi. Allzu viel sollten sich die karibischen Bobfahrer aber lieber nicht abschauen von ihren reichen Entwicklungshelfern.

Ein Kommentar von Thomas Hahn

Wir Bobfahrer-Nationen müssen zusammenhalten, insofern ist es gut, dass Jamaikas Mannschaft die Olympia-Qualifikation für Sotschi mit deutscher Hilfe angreift. Schlitten, Schlittentransport, Helme, Teammanager - alles made in Germany. Ohne Deutschland sähe es um Jamaikas Wintersport schlecht aus.

Allerdings hat jede Geschichte zwei Seiten, und deshalb begleiten auch diesen Fall von Entwicklungshilfe ein paar Sorgen: Bringt das deutsche Engagement nicht den inneren Gehalt der jamaikanischen Eiskanalschule in Gefahr? Was bleibt von der karibischen Bobfahrerkultur, vom freundlichen Rumpelkurs eines Dudley Stokes, von der warmen schwarz-grün-gelben Freude am Verlieren, wenn die Insel unter die Krone des Olympiasiegerreiches fällt? Und: Was muss Jamaikas eisfreie Gesellschaft als nächstes vom reichen Ausland hinnehmen? Sprintworkshops an der Uni Uppsala? Reggae-Nachhilfe aus dem Wiener Konzerthaus?

Bobfahren in Jamaika hat Tradition. Sie reicht nicht sehr weit ins vergangene Jahrhundert hinein, vielmehr geht sie auf die Idee zweier US-Geschäftsleute zurück, die sich Mitte der Achtzigerjahre von Seifenkistenrennen in ihrer Wahlheimat zur Gründung des jamaikanischen Bob-Verbandes (JBF) inspirieren ließen. Aber die Tradition ist so weit gewachsen, dass es viele Winterspiele-Freunde heutzutage aktiv bedauern, wenn das Land in den Vorwettkämpfen zum Olympia-Fest hängen bleibt (wie 2006 und 2010).

Vor allem aber hat Jamaika dem Bobsport etwas geschenkt, das von deutschen Effizienz-Piloten bisher nicht zu kriegen war: eine Geschichte, welche die ganze Welt gerührt hat. Die Karriere von Viererbob Deutschland I ist jedenfalls noch nicht verfilmt worden. Jamaikas Olympia-Premiere im Eiskanal von Calgary 1988 dagegen schon.

Pilot Stokes, dessen Bruder Chris, ein hochbegabter Leichtathlet, sowie die Sprinternaturen Devon Harris und Michael White hatten damals ein bisschen Schwierigkeiten, bei voller Fahrt in ihr Gefährt einzusteigen, aber am ersten Tag der Calgary-Wettbewerbe kamen sie im Grunde ganz gut runter. Am zweiten hatten sie sogar die siebtbeste Startzeit, ehe ihr Schlitten umkippte. Traurig humpelten die Männer ins Ziel und nahmen verschämt den Applaus der Zuschauer entgegen.

Lernen kann man so etwas nicht. So etwas passiert einfach im Bemühen, der eigenen Unvollkommenheit einen kleinen Sieg abzutrotzen. In der Disziplin sind Wintersportnationen wie Jamaika besser als die Deutschen. Die Kulturpessimisten haben schon recht: Jamaikas Bobfahrer sollten sich nicht zu viel abschauen von ihren Entwicklungshelfern.

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Quelle:
SZ vom 27.11.2013
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