Jérôme Boateng:Mehr Titel als sein neuer Klub

Jérôme Boateng: Jérôme Boateng bei seiner Vorstellung in Lyon.

Jérôme Boateng bei seiner Vorstellung in Lyon.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Mit Stolz präsentiert Olympique Lyon den bislang vereinslosen Jérôme Boateng als Zugang. Doch den verfolgen noch private Probleme - er muss sich kommende Woche vor Gericht verantworten.

Von Martin Schneider

Vermutlich haben die wenigsten Menschen in Lyon jemals vom deutschen Supercup gehört, aber das war offensichtlich nicht so wichtig. Es gibt einen Pokal dafür, Olympique Lyon wollte ein bisschen angeben, und so listete der Klub in einem Video zur Verpflichtung alle 26 Titel auf, die Jérôme Boateng im Laufe seiner Karriere gewonnen hatte - darunter halt auch fünf Supercups. Durch das Inkludieren des deutschen Vorbereitungsendspiels kommt der Neuzugang damit gar auf zwei Auszeichnungen mehr als der gesamte Klub Olympique Lyon in seiner 71-jährigen Geschichte. Jedenfalls wenn man nur die Titel der Männer zählt.

Am Mittwoch präsentierte der französische Klub also sehr stolz Boateng als Zugang, er erhält einen Vertrag bis 2023 und kostet keine Ablöse - er war nach seinem Abschied beim FC Bayern vereinslos. "Ich kann es kaum erwarten, ein neues Kapitel in meiner Geschichte zu schreiben", sagte Boateng bei der Vorstellung. Er trifft in Lyon auf den ehemaligen Dortmund- und Leverkusen-Trainer Peter Bosz, der ihn aus der Bundesliga gut kennt. Aber vermutlich hat Boateng noch ein solches Prominenz-Level, dass ihn einfach jeder Trainer ab einem gewissen Niveau gut kennt.

Überraschend an dem Wechsel ist nicht, dass Olympique Lyon Boateng wollte - sie hatten sowieso einen Innverteidiger-Posten zu vergeben, weil der Däne Joachim Andersen zu Crystal Palace wechselte. Nein, überraschend ist eher, dass Lyon Boateng bekommt. Der Klub hat sich nicht für die Champions League qualifiziert, sondern spielt in der Europa League. Entsprechend nannte die französische Sportzeitung L'Equipe den Transfer auch eine "Meisterleistung" der Olympique-Verantwortlichen.

Boateng äußert sich zum neuen Verfahren gegen ihn bisher nicht

Boateng war in der vergangenen Saison Stammspieler beim FC Bayern und in der Saison davor Stammspieler beim Champions-League-Sieger FC Bayern. Er wird zwar nun ab Freitag 33 Jahre alt sein, und in seiner Akte stehen ein paar adduktorenbedingte Ausfälle - aber Hansi Flick setzte auf ihn als Leistungsträger, er rechtfertigte das Vertrauen. Verlängert wurde sein Vertrag in München trotzdem nicht. Und während Mats Hummels und Thomas Müller von Joachim Löw in der Nationalmannschaft für die Europameisterschaft reaktiviert wurde, blieb Boateng außen vor.

Im Sommer sah man stattdessen Bilder, wie er und der ebenfalls ehemalig Bayern-Spieler und aktuell vereinslose Franck Ribéry auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße unter der Leitung von Fitnesschef Dr. Holger Broich trainierten. Ansonsten kommunizierte er über Instagram, postete Bilder und Videos, die ihn beim Training zeigten.

Neben der sportlichen Bewertung seines Tuns gibt es aber auch noch die andere Geschichte rund um Boateng. Die hat unter anderem damit zu tun, dass er sich am 9. September vor dem Amtsgericht München wegen des Vorwurfs der Körperverletzung "zum Nachteil der Geschädigten Sherin S." verantworten muss, wie es im Juristendeutsch heißt; S. ist eine ehemalige Lebensgefährtin. Boatengs Verteidiger sagte im Juli auf Anfrage der SZ, sein Mandant bestreite die Vorwürfe "vehement und energisch". Zunächst lautete die Anklage auch auf gefährliche Körperverletzung, doch dafür fehlten laut Angaben des Richters die Anhaltspunkte.

Davon unabhängig erschienen in den vergangenen Wochen in diversen Medien Texte mit privatesten Details aus dem Leben des ehemaligen Nationalspielers. Seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt beging im Februar 2021 in Berlin Suizid, Boateng reiste daraufhin von der Klub-WM in Katar ab, spielte im Spiel darauf mit Trauerflor. Kurz vor Lenhardts Tod gab Boateng der Bild-Zeitung ein Interview, in dem er Lenhardt "massive Alkoholprobleme" unterstellte und ihr vorwarf, ihn zu erpressen. Eine Anfrage zur Stellungnahme zu den Vorgängen und zur Berichterstattung ließ Boateng unbeantwortet.

Boateng wirkt so, als wäre er in Lyon sofort einsatzbereit

Die Staatsanwaltschaft München hatte zudem nach dem Tod von Lenhardt ein eigentlich bereits im Juni 2020 eingestelltes Verfahren gegen Boateng wegen des Vorwurfs der Körperverletzung "zum Nachteil der Geschädigten Kasia L." wieder aufgenommen - es hätten sich durch die Obduktion neue Erkenntnisse ergeben. Die Ermittlungen dazu würden noch andauern, teilte die Behörde am Mittwoch mit. Boateng äußerte sich auch zu diesem Verfahren bisher nicht.

Lyon ist mäßig in die Liga-Saison gestartet, am kommenden Wochenende kommt Racing Straßburg, Boateng wirkte so, als wäre er sofort einsatzbereit. Am Spieltag drauf reist Olympique Lyon nach Paris. Sollte Boateng auflaufen, würde er es als Innenverteidiger eventuell mit der Sturmreihe Lionel Messi, Kylian Mbappé und Neymar zu tun bekommen. Es gibt sportlich leichtere, aber wenig reizvollere Aufgaben.

© SZ/ebc
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