Der Brasilianer João Fonseca ist kein Spieler wie die meisten anderen auf der Tennistour. Der frühere Weltranglistenerste Andre Agassi etwa schwärmt von ihm. Ikone Roger Federer hätte den 19-Jährigen gerne mit seiner Vermarktungsagentur Team 8 unter Vertrag genommen. Die ATP Tour verkauft ihn als Posterboy, dem die Zukunft gehört. Doch wenn sich Fonseca, dessen Vater ein vermögender Hedgefonds-Manager ist, wie zu Wochenbeginn beim Münchner Profiturnier auf dem Gelände des MTTC Iphitos den Medien präsentiert, entsteht erst mal ein anderes Bild. Da sitzt keiner, der umworben, verwöhnt oder abgehoben wirkt. Manch ein Talent in diesem Geschäft hat frühen Aufstieg und Ruhm nicht gut verkraftet. Fonseca, im Stadtteil Ipanema in Rio de Janeiro geboren, beantwortet einfach nur höflich, sanft lächelnd die Fragen, als sei er der erwachsen gewordene Bub aus der Werbung mit dem Schokoladen-Überraschungsei. Sollte dieser junge Mann einmal zu Grand-Slam-Triumphen kommen, lässt sich schon jetzt sagen: Gut erzogen wird dieser Champion in spe dann sein.
Fonseca genießt seit dem vergangenen Jahr, als er mit ATP-Turniersiegen im Rio de Janeiro Country Club, nur einen Fußmarsch von seinem Zuhause entfernt, sowie in Basel auf sich aufmerksam machte, Vorschusslorbeeren der besonderen Art. Verständlich, seine Personalie ist für die Männertour von übergeordneter Bedeutung. Nachdem die Koryphäen Rafael Nadal und Federer ihre strahlenden Karrieren beendet haben und Novak Djokovic dem Ende entgegenschwingt, wurden neue Protagonisten der Glamour-Kategorie „Star“ gesucht. Der Spanier Carlos Alcaraz und der Italiener Jannik Sinner haben bereits eindrucksvoll verhindert, dass diesbezüglich ein Vakuum entsteht. Aber einer wie Fonseca wäre eine neue funkelnde Note fürs Tennis. Er deckt den südamerikanischen Markt als Figur ab. Das Gezerre an ihm ist längst groß. Obwohl manch andere wie der Tscheche Jakub Mensik teils erfolgreicher spielen, steht Fonseca mehr im Rampenlicht. Umso erstaunlicher, wie entspannt er alles über sich ergehen lässt. Das muss das Ipanema-Gen sein.
In der Weltrangliste ist Fonseca auf Platz 35, an diesem Freitag spielt er im Viertelfinale der BMW Open gegen den Weltranglistensechsten Ben Shelton, 23, auch so ein Tennisaufsteiger. Es wird dann wieder damit zu rechnen sein, dass sich Fonsecas Fans, die noch in jedem Tennisstadion zu finden waren, laut bemerkbar machen mit einem unverwechselbaren Ruf. „Schooaoooo“ ertönt es dann immer, mit zwei Sekunden Verzögerung folgt ein „Fooonsecaaaa“. So viel Zuspruch erhält in München nicht mal Alexander Zverev, der am Donnerstag mühelos ins Viertelfinale einzog. Der 28-Jährige besiegte den Kanadier Gabriel Diallo, 24, mit 6:1, 6:2 und trifft am Freitag auf den Argentinier Francisco Cerúndolo, 27.
„Mein Leben hat sich verändert“, gibt Fonseca in München zu. „Nicht meine Persönlichkeit, aber das Außenherum. Da sind viel mehr Menschen, die mir folgen, und so viel mehr Leute, die mich kennen. Als meine Eltern zu mir kamen, sagten sie: ‚Du weißt nicht, wie es in Brasilien ist. Die Leute kennen dich.‘“ So ist es. Zumal er im Tennis bereits mit einem der Großen verglichen wird. Mit Gustavo „Guga“Kuerten, dem dreimaligen Sieger der French Open. „Guga ist nicht nur das Idol der Brasilianer, die sich für Tennis interessieren, er ist ein Idol für die ganze Nation. Wegen seines Charismas und der Art und Weise, wie er Brasilien repräsentierte“, sagt Fonseca. Er weiß aber, mit Vergleichen umzugehen, „ich werde meine eigene Geschichte schreiben“; so gelassen sieht er das.
Als er 15 war, wurde er schon von Agenten bedrängt, alle witterten das große Geschäft mit ihm, doch Fonseca sowie Vater Christiano und Mutter Roberta lehnten jede Verlockung ab, erst seit Kurzem kümmert sich ein Freund der Familie um seine Angelegenheiten. „Ich habe das Glück, dass ich Eltern mit einem guten finanziellen Hintergrund habe. Das half mir wirklich, mich zu entwickeln“, erklärt Fonseca. So gönnte er sich lange den Luxus, Sponsoren abzulehnen. Dem Vernehmen nach soll es ihm wichtiger gewesen sein, zu trainieren, anstatt für Werbeauftritte Zeit zu verplanen. Ein weiser Schritt. Inzwischen hat er einen Sponsoren-Deal angenommen. Weitere dürften folgen. Irgendwann geht es um zu viel Geld.
Alexander Zverev schlägt den Kanadier Diallo und trifft nun auf den Argentinier Cerúndolo
Fonseca bringt alles mit für die große Bühne. Auch aus diesem Grund durfte er 2025 beim Laver Cup in San Francisco mitwirken, bei Federers Showturnier, in dem eine Auswahl der besten Profis aus Europa gegen eine Weltauswahl antritt. Dort traf er auch auf Agassi, der sich beeindruckt zeigte. Fonseca, so der 55-Jährige, sei für sein Alter weit, schlau und emotional stabil. Auch 2026 ist Fonseca für den Laver Cup in London eingeplant, Federer weiß: Den kann man ins Schaufenster stellen.
Fonsecas Charisma hilft ihm, klar, aber seine Geschichte wäre eine andere, würde er nicht vor allem sportlich überzeugen. Seine Beinchen sind noch etwas dünn, athletischer kann er werden, dafür feuert er aggressive Grundlinienschläge ab, die die Zuschauer raunen lassen. Sein Kickaufschlag ist spektakulär. Spieler, die er besiegen kann, besiegt er oft auch. In München setzte er sich in den ersten zwei Runden gegen den Chilenen Alejandro Tabilo und den Franzosen Arthur Rinderknech durch. So weit ist er schon. Gegen die Schwergewichte der Branche verliert er indes noch regelmäßig, aber die Duelle werden enger. Gegen Sinner jüngst in Indian Wells ging es zweimal in den Tiebreak, gegen Alexander Zverev in Monte-Carlo gewann er einen Satz.
Ausdauer und Konstanz fehlen eben noch, wie so oft bei Profis, die sich noch Teenager nennen dürfen. Aber er ist lernwillig. „Sie können solche Matches gut handeln, weil sie die wichtigen Punkte machen“, sagt Fonseca in München. „Solche Matches sind wichtig für meine Entwicklung als Spieler.“ Er habe erkannt, woran er arbeiten muss. „Diese Woche erste Runde raus, nächste Woche Finale, da muss ich noch die Balance finden. Ich muss zudem eine Lösung suchen, auch zu gewinnen, wenn ich nicht gut spiele.“ Genau das ist die Kunst.
Wie professionell seine Einstellung in jedem Fall ist, bewies er am Mittwoch. Er hatte eine Karte für das Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen Real Madrid, gerne hätte er den brasilianischen Landsmann Vinícius Júnior getroffen, der für die Spanier spielt. Aber guter Schlaf und das Shelton-Match gingen für ihn vor.



