Finale des Münchner Tennisturniers:Es hilft das Adrenalin

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Sandplatzkönig: Der Däne Holger Rune nimmt nach dem Matchball gegen Botic van de Zandschulp kurz auf dem roten Boden Platz. (Foto: Christof Stache/AFP)

Der Däne Holger Rune gewinnt das Tennisfinale in München trotz einiger Widerstände. Vor allem in den letzten zehn spektakulären Minuten offenbart der 19-Jährige sein außergewöhnliches Talent.

Von Felix Haselsteiner

Fast drei Stunden waren gespielt und Holger Rune humpelte. Der Tiebreak im dritten Satz würde die Entscheidung bringen in einem Finale der BMW Open, über das man in München wohl noch lange reden wird, so intensiv ging es über lange Zeit hin und her zwischen Rune und dem Niederländer Botic van de Zandschulp - und noch ein letztes Mal sollte sich das Blatt wenden.

Den ersten Satz hatte der junge Däne mit 6:4 nach Belieben dominiert, ganz im Stile der vergangenen Wochen, als er ins Finale von Monte Carlo gestürmt war, dort zwar verlor, aber in München auf dem Weg ins Finale keinen Satz abgab. Dann hatte sich der 19-Jährige selbst aus dem Tritt gebracht, weil er mit seiner Ausrüstung Probleme hatte und sich sein Griffband immer wieder lockerte - van de Zandschulp nutzte die Wirren seines Gegners aus und gewann den zweiten Durchgang 6:1, bevor es im Entscheidungssatz noch dramatischer wurde.

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Erst verletzte sich Rune an der Schulter, dann auch noch am Knöchel. "Ich war verwirrt, dass ich nur eine medizinische Pause nehmen konnte - mein Knöchel durfte nicht getapt werden", sagte Rune später, der humpelnd drei Matchbälle abwehrte und sich in den Tiebreak rettete. Dort wirkte, wie er sagte, eine Schmerztablette, die er zu Beginn des Satzes bekommen hatte. Es wirkte aber vermutlich auch das Adrenalin, und auf einmal dominierte Rune wieder wie zum Matchbeginn. Auch der letzte Ball flog an einem konsternierten van de Zandschulp vorbei: 6:4, 1:6, 7:6, Rune hatte seinen Titel in München verteidigt.

Er habe "eine besondere Beziehung" zu diesem Platz entwickelt, sagte Rune später: "Es ist ein bedeutendes Turnier für mich." Viele Tennisspieler sagen das vor sich hin, die Sponsoren hören es eben gern. Nur: In diesem Fall steckt dahinter wohl mehr Wahrheit.

Als Rune vor einem Jahr in München antrat, hatte er eine Wildcard von Turnierdirektor Patrik Kühnen erhalten. Talentiert war der Däne damals schon, aber sind das nicht viele im Männertennis, das weiterhin auf der Suche ist nach Nachfolgern für die großen Drei (Federer, Nadal, Djokovic), von denen nur noch zwei übrig sind? Kühnen, der immer schon einen Blick für Talente hatte und sie früh nach München holte, gab Rune eine Chance - den Status als Kandidat für höhere Nachfolgeaufgaben erarbeitete er sich nun innerhalb eines Jahres. Beginnend mit dem Sieg in München, auf den eine Halbfinalteilnahme bei den French Open und Turniersiege in Stockholm und Paris folgten.

Letztes Jahr gewann Rune mit einer Wildcard, dieses Jahr als Favorit

Rune, die einstige Wildcard, kam diesmal als Favorit zu den BMW Open - und gewann auch aus dieser Position heraus, was genauso für seine Reife spricht wie seine reflektierten Worte: "Wenn ich die großen Turniere gewinnen will, die in den nächsten Wochen bevorstehen, ist es für mich wichtig, das Gefühl fürs Gewinnen zu bekommen", sagte Rune: "Man hat viele Nerven in diesen Momenten, in Monte Carlo habe ich es nicht geschafft."

Gegenargumente gibt es allerdings auch: Rune zeigte im Finale von München auch die jugendliche Seite eines 19-Jährigen. "Eigentlich ist mit meiner Ausrüstung immer alles sehr ordentlich", sagte er nachher, im Rückblick auf die Wirren des zweiten Satzes. Sein Griffband könne er aber nicht selber wechseln - weshalb die Kameras im zweiten Satz auf einmal seine Mutter Aneke zeigten, wie sie auf der Tribüne mit den Schlägern des Sohnes hantierte. "Diese Phase im Match war sehr stressig für mich", sagte Rune, der also beinahe das Finale eines ATP-Turniers aus den Händen gegeben hätte, weil er sich von seiner eigenen Ausrüstung ablenken ließ.

Einen Vorwurf konnte man ihm jedenfalls nicht machen: Taktik habe nicht hinter den Verletzungsunterbrechungen im dritten Satz gesteckt: "Ich hatte wirklich große Probleme". Auch sein Gegner, der von den Behandlungs-Unterbrechungen sichtlich aus dem Tritt gebracht wurde, gab nur zu Protokoll, wenn der Physiotherapeut auf den Platz gekommen sei, werde Rune "schon irgendetwas gehabt haben".

Extrem unglücklich verloren: Botic van de Zandschulp. (Foto: Matthias Schrader/AP)

Van de Zandschulp, 27, fiel es schwer, allzu viel aus diesem Finale zu lernen - Rune dürfte das für sich anders sehen: Geradezu wissbegierig wirkt der junge Däne, so, als könnte er die Erfahrungen, die er in seiner Karriere noch machen wird, kaum erwarten. Eine wird außerhalb des Tennisplatzes stattfinden, "vermutlich in der Off-Season", sagte Rune: Dann werde er einen Express-Führerscheinkurs in Dänemark machen, in zwölf Tagen geht das. Zwei Siegerfahrzeuge nämlich hat Rune inzwischen in München gewonnen - nur fahren darf er sie noch nicht.

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