Noch wird gehämmert und geklopft im Nordosten Münchens, am Donnerstag soll das Mini-Dorf mit Gastronomie und Ausstellern, die den Zuschauern natürlich zuvorderst Golf-Equipment näherbringen, fertig sein. Dass die BMW International Open im Golfclub München Eichenried in hellstem Licht erstrahlen werden, wird nicht nur an der Sonne liegen, die das Gelände in brütende Hitze taucht. Der Veranstalter blickt bereits jetzt mit angemessenem Stolz auf das Turnier (2. bis 6. Juli), das in seine 36. Auflage geht und für den Sieger 467 500 Dollar bereithält. Die BMW International Open sind das einzige Turnier der DP World Tour, der höchsten europäischen Profigolf-Serie, in Deutschland. Insgesamt geht es um 2,75 Millionen Dollar Preisgeld.
Neben einer ganzen Reihe ehemaliger Eichenried-Sieger, zu denen der schottische Titelverteidiger Ewen Ferguson sowie der Chinese Li Haotong, der 2022 erfolgreich war, zählen, hat sich einmal mehr ein hochkarätiges Feld angesagt. Gute Chancen werden den Masters-Siegern Sergio Garcia aus Spanien und Patrick Reed (USA) eingeräumt, die beide wie Martin Kaymer auf der saudi-arabischen LIV-Tour spielen. Diese hat mit der US-amerikanischen PGA Tour und der europäischen DP World Tour vor zwei Jahren den Schulterschluss vollzogen, weshalb auch Kaymer eine Einladung in die Münchner Peripherie erhielt. Nicht ganz uneigennützig, er ist der einzige Deutsche, der 2008 das Turnier in Eichenried gewinnen konnte, Kaymer ist zweifellos ein Zuschauermagnet.
Die Siegchancen des 40-Jährigen, neben Golf-Legende Bernhard Langer der bislang einzige Deutsche, der die Weltrangliste angeführt hat, werden dagegen als eher überschaubar eingeordnet. Es gibt aber einige Kollegen im Feld der insgesamt 15 deutschen Teilnehmer, die ihn als Open-Sieger in München beerben könnten.
Nie waren die Chancen auf den zweiten deutschen Sieg in Eichenried größer als jetzt
Allen voran Matthias Schmid: Der Regensburger ist auf Rang 84 der aktuell beste Deutsche in der Weltrangliste und hat Ende Mai in Fort Worth seinen ersten Sieg auf der PGA-Tour um einen einzigen Schlag verpasst – was ihm als Zweiten mit immerhin einer Million US-Dollar vergolten wurde. Ähnlich selbstbewusst geht Nicolai von Dellingshausen ins Turnier, der 32-Jährige hat vor gerade einmal vier Wochen den größten Erfolg seiner Karriere gefeiert: Auf Gut Altentann bei Salzburg gewann er den Titel der Austrian Open, es war sein erster Sieg überhaupt auf der DP World Tour. Neben einer riesigen Trophäe aus Holz mit einem kleinen Hinkelstein, die nun sein Wohnzimmer ziert, wie er erzählte, brachte ihm der Erfolg auch knapp 412 000 Euro ein.
Dass sich Dellingshausen momentan in der Form seines Lebens befindet, hat der Düsseldorfer mit dem siebten Platz in Amsterdam und kürzlich Rang fünf bei den Italian Open in Monte Argentario bestätigt – beides ebenfalls Turniere der höchsten europäischen Kategorie. Damit hat Dellingshausen weitere Punkte für eine Teilnahme am europäischen World-Tour-Finale in Dubai gesammelt und hat gute Aussichten, sich über die Rangliste auch für die PGA Tour in den USA qualifizieren, zudem zählt er nun zum Favoritenkreis der International Open.
Ein Ziel werde er aber auch in Eichenried nicht formulieren, sagt Dellingshausen, „das habe ich in den Turnieren vorher nicht gemacht und damit werde ich hier nicht anfangen“. Dass er sich Chancen ausrechnet, gibt er aber zu: „Mein Selbstvertrauen war vorher schon in Ordnung, mit dem Sieg ist es natürlich größer geworden.“
Dabei hat der Düsseldorfer, der eigentlich Pilot werden wollte, lange auf seinen ersten Sieg warten müssen. Dellingshausen ist einer von vielen deutschen Golfprofis, die den klassischen Weg von der drittklassigen Pro Golf Tour über die Challenge Tour, sozusagen die zweite Liga der Golfprofis, auf die europäische DP World Tour geschafft haben. Dort aber musste er „neben Erfolgserlebnissen auch einige Rückschläge“ erleben, wie er berichtet, „das hat meine Perspektive auf den Sport geändert. Man kann auch eine tolle Karriere ohne Siege haben“, findet Dellinghausen, wohl wissend, dass ein professioneller Golfer an Ergebnissen gemessen wird. „Das ist eben so speziell am Golf, dass man nur so selten in seinem Leben einen Pokal gewinnt.“
Für das momentane Hoch sei der jüngste Rückschlag ursächlich gewesen: „Ich habe 2023 gedacht, ich muss alles auf links drehen“, erzählt der 32-Jährige, er habe an Schlag und Spiel gefeilt und die Technik verändert, was „granatenmäßig nach hinten losgegangen ist“. Die vergangenen beiden Jahre „waren aber wichtig für meine Entwicklung“, danach habe sich angekündigt, dass er kurz vor dem Durchbruch sei. „Ich war ein paarmal nah dran, habe es aber nicht über die Ziellinie gebracht“, so Dellinghausen. Beim Turnier in Belgien Ende Mai „habe ich keinen Put ins Loch gebracht“, bei seinem Sieg in Österreich dagegen war das Putten „der Grundstein zum Sieg“.
Derzeit scheint alles zusammenzupassen, in Eichenried wird Dellingshausen zusammen mit Kaymer und Marcel Siem, 44, einen deutschen Flight bilden, der sicher auf ein großes Zuschauerinteresse stoßen wird. Zumal Siem, der einen Teil seiner Kindheit in Eichenried verbrachte, wo seine Eltern die Gastronomie des Golfplatzes betrieben, ebenfalls in guter Form angereist ist. Siem belegte bei den Austrian Open den dreigeteilten fünften Platz, Marcel Schneider wurde geteilter Zweiter und rundete das starke deutsche Ergebnis ab.
Auch Dellinghausen sieht die Chancen auf den zweiten deutschen Sieg nach Kaymer vor 17 Jahren groß wie nie. Am liebsten würde er natürlich selbst die Trophäe am Sonntag in die Höhe stemmen, überhaupt wäre ein deutscher Sieg nicht schlecht: „Wir gönnen einander den Erfolg.“


