Klara Bleyer schwebte durchs Wasser, das Thema ihrer Kür war ja auch die Schwerelosigkeit. Eine Astronautin, die in eine Rakete steigt und ins Weltall fliegt – um mit einem ganz neuen Blick wieder zurückzukehren auf die Erde. Doch ihren ganz großen Traum hat sich die 21-Jährige mit dieser Darbietung nicht erfüllen können.
Im Finale des Solo-Wettbewerbs zeigte die Bochumerin bei den Weltmeisterschaften in Singapur zwar den höchsten Schwierigkeitsgrad von allen und erreichte eine neue persönliche Bestleistung, 237,5600 Punkte. Doch zur allerersten deutschen WM-Medaille im Synchronschwimmen fehlten in der Freien Kür knapp zwei Punkte auf die unter neutraler Flagge startende Belarussin Wassilina Chandoschka, die Dritte wurde. Gold gewann die Spanierin Iris Tió Casas vor der Chinesin Xu Huiyan.
„Darauf kann man auf jeden Fall stolz sein, auch wenn es nicht das Gesamtergebnis ist, das ich mir erhofft habe“, sagte Bleyer, die nach ihrem Wettkampf einfach weiter schwebte, nun zwischen Frust und Stolz. Bereits am Samstag hatte sie als Fünfte in der Technischen Kür das Podest knapp verpasst, Anfang Juni war sie auf Madeira als erste Deutsche Solo-Europameisterin in der Freien Kür geworden. Kurz danach sicherte sie sich auch noch den Sieg im Gesamtweltcup.
Bleyer, die am Mittwoch und am Donnerstag noch im Duett und im Team antreten wird – dort allerdings ohne Medaillenchancen – steht trotz des verpassten Podiums für die kleine Blüte dieses vernachlässigten Sports in Deutschland. Sechs bis acht Stunden trainiert sie täglich, Physiotherapie, Stehproben und anderes kommt hinzu. Es ist ein Vollzeit-Job, der den Athletinnen so viel abverlangt wie in wenigen anderen Sportarten. Und es ist einer, in dem auch Bleyer viele Hürden überwinden musste.
Denn Synchronschwimmen fristet in Deutschland ein Schattendasein, in der öffentlichen Wahrnehmung wie im Deutschen Schwimm-Verband (DSV). Von den Bundeszuwendungen fürs Schwimmen - 2024 mehr als 6,04 Millionen Euro – kommt kaum etwas in der Sparte an. Einen Bundesstützpunkt gibt es nicht. Statt sich wie viele andere WM-Teilnehmer in Singapur zu akklimatisieren, mussten Bleyer und Co. das in der Heimat machen – ganze drei Trainingstage hatten sie in Südostasien. Es war nicht einmal klar, ob sie zur WM fliegen können.

Schwimm-WM:Made in Magdeburg
Unterstützt durch Wissenschaft und Höhentrainingslager: Wie um Florian Wellbrock, den viermaligen Weltmeister von Singapur, die erfolgreichste Trainingsgruppe der Welt entstand.
Denn die Kosten von 65 000 Euro wurden nur zu knapp zwei Dritteln aus Bundesmitteln gedeckt. Durch eine Crowdfunding-Aktion des DSV kamen zusätzlich 17 000 Euro zusammen. Bleyer sagte vor der WM: „Wir sind dem DSV und allen, die gespendet haben, sehr dankbar, dass der Eigenanteil nun deutlich verringert werden konnte.“ Anders formuliert: Dass eine Medaillenkandidatin wohl noch draufzahlen muss für eine WM-Teilnahme, ist eine Farce – und zugleich eine Realität in den Nischen der deutschen Sportlandschaft.
Bleyer zeigte sich trotz ihrer Jugend bereits vor der WM in Singapur als mündige, kritische Athletin. In einem Pressegespräch bedauerte sie, dass ihr Sport hierzulande nicht den Stellenwert habe, den er verdiene: „Sport ist in Deutschland eher zweitrangig und wird nicht genügend gefördert. Randsportarten wie uns trifft es dann noch mal mehr.“ Sie sprach sich für eine Zentralisierung des Synchronschwimm-Teams an einem Bundesstützpunkt und mehr festangestellte Trainerinnen und Trainer aus.
Ihr Studium, das sie Ende 2023 begann, hat die 21-Jährige inzwischen auf Eis gelegt. Auch weil ihr alles irgendwann zu viel wurde – „und ich wirklich kaum noch geschlafen habe“, wie sie sagt. Immerhin ist sie seit dieser Saison Sportsoldatin bei der Bundeswehr und entsprechend finanziell abgesichert. Es ist ein kleiner Anfang. Um in die absolute Weltspitze vorzudringen, braucht es aber noch wesentlich bessere Strukturen.

Bleyer blickt auf Los Angeles 2028, auf Brisbane 2032, bei Olympischen Spielen kann auch das Synchronschwimmen besonders leuchten. Aber Deutschland tauchte, weil dieser Sport allzu lang belächelt wurde und selbst im DSV keine große Lobby hat, auch viele Jahre unter dem Radar des internationalen Kampfgerichts, das wie im Eiskunstlauf über Gold, Silber, Bronze und Blech entscheidet.
Auch hier wurde Bleyer ziemlich deutlich: „Nationen wie zum Beispiel Deutschland, die früher vielleicht noch nicht auf dem Niveau waren, werden schneller mal runtergewertet“, sagte sie ein paar Tage vor der WM in Singapur. Ihre Befürchtungen, so scheint es, wurden dann Realität. Bleyer zeigte die höchste Schwierigkeit und die beste technische Ausführung – und wurde trotzdem „nur“ Fünfte. Sie konnte nicht mit jahrelanger Erfahrung auf der höchsten Bühne punkten, der Name und die Aura der Besten fehlt ihr noch. All das fließt in diesem Sport gefühlt in die Bewertung ein.
„Wir müssen uns jetzt die nächsten Jahre einfach bei jedem Wettkampf immer präsentieren, immer abliefern. Damit die Wettkampfrichter uns einfach wahrnehmen und sehen, Deutschland ist da, Deutschland ist gut“, sagte Bleyer in Singapur. So viel steht fest: Die Rakete ist gerade erst gestartet.

