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Leichtathletik:Ein Urteil, das mehr Chance ist als Unrecht

Blake Leeper

Blake Leeper.

(Foto: AP)

Eine Cas-Entscheidung verwehrt Para-Sprinter Blake Leeper die Olympia-Teilnahme. Für ihn ist das tragisch - doch gleichzeitig endet damit eine Regel, die von den Athleten nahezu Unmögliches verlangt.

Kommentar von Sebastian Fischer

In den Worten von Blake Leeper klingt es wie ein Skandal. Er sei der erste Mann auf Prothesen, der die 400 Meter in 44 Sekunden laufe - und "jetzt, wenn ich so schnell laufe, wenn ich diese Zeiten laufe, sagen sie, dass ich einen unfairen Vorteil habe". So hat der US-Amerikaner, 31, in der New York Times das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs Cas kommentiert, das am Montag die Entscheidung des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics (WA) bestätigte, Leeper nicht an Wettkämpfen unter WA-Richtlinien und damit nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen zu lassen - als zweiten Läufer auf Prothesen nach dem berühmten Südafrikaner Oscar Pistorius 2012. Dabei ist das Urteil, das für ihn eine Niederlage darstellt, für den Sport mehr Chance als Unrecht.

Das Cas-Urteil besagt, dass dem ohne Unterschenkel geborenen Sprinter seine Prothesen einen Vorteil verschaffen, weil er auf ihnen deutlich größer sei, als er es auf Beinen wäre. Laut World Athletics geht es um einen Unterschied von 15 Zentimetern und einen Vorteil von mehreren Sekunden. Das Cas-Urteil besagt aber auch, dass die Regel, gegen die Leeper sich wehrte, "rechtswidrig und ungültig" sei. Die Regel diktiert, dass Sportlern die Benutzung mechanischer Hilfsmittel untersagt ist, solange sie nicht belegen können, dass ihnen diese Hilfsmittel keinen Vorteil verschaffen. Sie bürdet also den Athleten die Beweislast auf - und erfordert von den Sportlern einen Beweis, der schon allein nach logischen Gesichtspunkten höchst kompliziert ist.

Diese Regel, 2015 eingeführt, war der verzweifelte Versuch, eine Grundsatzdebatte der modernen Leichtathletik zu moderieren: über die Vergleichbarkeit von Leistungen auf Prothesen und auf herkömmlichen Füßen. Ein prominenter Kritiker dieser Regel war der einseitig amputierte deutsche Weitspringer Markus Rehm, der nach Sprüngen mit seiner Karbon-Prothese seit Jahren auf beeindruckende Art und Weise weiter fliegt als ein großer Teil seiner nicht behinderten Konkurrenz. Die Regel entstand, nachdem Rehm gefordert hatte, bei den Nicht-Behinderten mitspringen zu dürfen.

Para-Sportler müssen beweisen, keinen Vorteil zu haben - das wird nun zu Recht geändert

Dass World Athletics nun sein Regelwerk entsprechend überarbeiten muss, heißt nicht zwangsläufig, dass künftig Prothesensprinter (mit kürzeren Prothesen als Leeper) oder der Weitspringer Rehm in Wettkämpfen unter WA-Richtlinien innerhalb der Wertung mitmachen dürfen. Einige Wissenschaftler und auch Para-Sportler selbst sind der Meinung, dass es sich beim Springen und Laufen auf Prothesen respektive Füßen um verschiedene Disziplinen handelt. Die Überarbeitung der Regel bedeutet aber, dass ein besserer Kompromiss gefunden werden kann als der aktuelle, der für betroffene Sportler untragbar ist. Das ist freilich auch kompliziert. Das hielt der Cas in der Sache auch dem Weltverband zugute, dem Leeper Diskriminierung vorwirft.

Der Sprinter hat eine tragische Rolle in dem Fall. Er ist einerseits der Richtige, um diesen Streit auszutragen, schließlich ist er so schnell, dass er sich vor der WM 2019 für die US-Staffel qualifiziert hätte. Andererseits ist er wohl eher der Falsche, um für die paralympischen Prothesensportler zu sprechen. Denn die, unter anderem der deutsche Weltmeister Johannes Floors, starten inzwischen nach neuen Regeln, denen sich Leeper, einst Silbermedaillengewinner hinter Pistorius bei den Paralympics 2012, nicht unterwerfen will. Seine Prothesen, mit denen er seit Jahren läuft und die er nicht einfach so wechseln kann, sind auch nach paralympischen Standards zu lang.

"Ich trainiere jetzt doppelt so hart", sagte Leeper nach dem Cas-Urteil noch. Für welchen Wettkampf, das ist offen.

© SZ vom 28.10.2020/chge

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