Die Biathletin Denise Herrmann-Wick ist nicht nur von Sternzeichen Schützin. In der Teildisziplin Scheibenschießen gilt die 34-Jährige jedenfalls als durchaus passabel. Und an manchen Tagen liefert Herrmann-Wick mehr als nur passable Schießeinlagen. Am Freitag war so ein Tag.
Die einstige Spezial-Langläuferin Denise Herrmann-Wick hat am zweiten Wettkampftag der Biathlon-Weltmeisterschaft von Oberhof die erste Medaille für den Deutschen Skiverband (DSV) geholt - und das Edelmetall glänzt golden. Zuvor hatte sich die Wahl-Ruhpoldingerin beim Sprint am Freitag ein packendes Duell mit Hanna Öberg geliefert. Es hatte zunächst so ausgesehen, als sollte die Schwedin der Oberhofer Heimparty dazwischenfunken. Und schließlich wurde es denkbar knapp.
Die Deutsche war vor der Schwedin gestartet, musste also vorlegen. Im direkten Zweikampf ist dies tendenziell ein Nachteil, weil die zuletzt gestartete Athletin vom Streckenrand per Zuruf Hinweise zum Zeitvergleich erhält - und dies eventuell für sich nutzen kann. Mit dieser Ausgangslage servierten Öberg und Herrmann-Wick den 11 000 Fans in der Oberhofer Arena am Rennsteig einen Krimi von feinster Dramaturgie.
Herrmann-Wick war nach 7500 Metern in der Loipe und zwei fehlerlosen Schießeinlagen nach 21 Minuten und 19,7 Sekunden über die Ziellinie gelaufen, ehe sie dort völlig erschöpft zusammensackte und bäuchlings im Schnee liegen blieb. Auf den Rängen begann nun das Zittern, was nicht an den knackig-kühlen Temperaturen lag. Es hatte zuvorderst mit der Einzel-Olympiasiegerin des Jahres 2018 zu tun.

Die ältere der beiden Öberg-Schwestern hatte ja schon wie die sichere Siegerin ausgesehen. Auch sie hatte liegend und stehend jeweils alle fünf Scheiben getroffen und lag vor ihrer letzten 2500-Meter-Runde zehn Sekunden vor Denise Herrmann-Wick. "An der Fis-Schneise hab ich ihre Zwischenzeit bekommen, dass sie neun Sekunden vor mir ist", sagte die aus dem Schnee auferstandene Herrmann-Wick nach dem Rennen auf dem Pressepodium. "Ich wusste aber, ich habe es mir gut eingeteilt." Von Läuferinnen, die sie überholte, habe sie den Windschatten genutzt. Und diese Strategie zahlte sich aus.
In den kommenden Minuten wurde deutlich, dass Öbergs Vorsprung auf der letzten Runde zur Neige ging. Die Frage war nur: wie sehr?
Die Entscheidung fiel wohl tatsächlich erst auf den letzten Loipenmetern, die direkt vor den Augen wildgewordener Fans liegen, deren Stimmbänder sich nun im strapazierten Bereich bewegten. "So einen Tag erleben zu dürfen, kann man sich gar nicht richtig vorstellen", sagte Herrmann-Wick. Im Gegenwind ging es auf die Zielgerade: "Ich wusste, ich habe noch Reserve."
Am Ende entscheiden 2,2 Sekunden
So war es nun an Hanna Öberg, ihren Vorsprung über die Ziellinie zu retten. Eventuell ging auch die Schwedin an ihre Reserve: Mit letzter Kraft kämpfte sie sich über die Ziellinie. Und hatte sich nun tatsächlich 2,2 Sekunden Rückstand auf die Deutsche eingehandelt. Silber statt Gold für die Schwedin. Eine Sächsin gewinnt in Thüringen Gold.
Es trat also ein, was sich nicht wenige deutsche Biathlon-Fans erhofft haben dürften: eine deutsche Goldmedaille in Oberhof. Genauer ist damit gemeint: eine Goldmedaille für Denise Herrmann-Wick. Sie hatte ja in dieser Saison als einzige in den deutschen Biathlon-WM-Teams nachhaltig ihre Titelambitionen hinterlegt. Beim Sprintsieg in Hochfilzen Anfang Dezember - und bei ihrem letzten Auftritt vor Oberhof in Antholz, dort hatte sie den Massenstart gewonnen.
Der Sieg im Sprint nutzt Herrmann-Wick natürlich auch in der Verfolgung am Sonntag
Die Hoffnungen in Biathlon-Deutschland vor dieser Heim-WM konzentrierten sich also wie automatisch auf Herrmann-Wick. Das Druckgefühl dürfte für sie nicht ganz ohne gewesen sein. Sehr nervös sei sie gewesen, erklärte sie. "Wenn man hier beim Einlaufen den Birxsteig hochgeht, da geht der Puls erstmal hoch." Für sie persönlich sei es ihr größter Erfolg, noch größer als Olympiagold im Einzel von Peking 2022 und Verfolgungsgold bei der Weltmeisterschaft 2019 in Östersund. "Bei einer Heim-WM ganz oben zu stehen, ist nochmal ein anderer Gipfel, eine andere Emotionslage."
Eingerahmt von den zwei Schwedinnen stieg sie alsbald aufs Siegerpodest, neben ihr stand noch Linn Persson, die mit 26,2 Sekunden Rückstand von einem Schießfehler der Norwegerin Marte Olsbu Röiseland (+31,3) profitiert hatte. Beim Verfolgungsrennen am Sonntag startet Herrmann-Wick dank ihres Sprintsiegs als Erste und dürfte als Topfavoritin auf eine Medaille ins Rennen gehen. Durchaus Chancen wird auch die Chiemgauerin Sophia Schneider bekommen, sie lief als zweitbeste Deutsche auf Rang sieben ins Ziel. "Die Denise ist wie unsere Mama sozusagen", erklärte Sophia Schneider im TV. "Und wenn die Mama Gold holt, war es ein guter Tag."


