Biathlon-WM "Bronze fühlt sich ein bisschen wie Gold an"

Holte Bronze im WM-Sprint in Östersund: Biathletin Laura Dahlmeier.

(Foto: REUTERS)
  • Laura Dahlmeier läuft bei der Biathlon-WM in Östersund zu Bronze im Sprint.
  • In Schweden war sie nach eigener Aussage mit "brutalem Husten" angekommen. Das Mixed-Rennen am Donnerstag verpasste sie.
  • Erst am Morgen hatte Dahlmeier entschieden, überhaupt im Sprint anzutreten.
Von Saskia Aleythe, Östersund

Die letzte Kraft ging für die Jubel-Faust drauf. Laura Dahlmeier stürzte ins Ziel in Östersund, und als die Nummer drei neben ihrem Namen auf dem Monitor aufleuchtete, da breitete sich nicht nur große Erleichterung in ihr aus - da lösten sich ein paar Rätsel auf. Noch am Montag war sie aus dem Flieger gestiegen, mit "brutalem Husten", wie sie es nennt, "die meisten haben einen Bogen um mich gemacht, weil ich mich nicht so gut angehört habe." Und dann wusste sie ja selber nicht, was sie überhaupt leisten könnte bei dieser WM. Als sie dann tatsächlich auf dem Podium in Östersund stand, schloss die 25-Jährige die Augen und holte tief Luft. Wie, um den Moment zu greifen und abzuspeichern als einen, der wirklich wahr war.

Laura Dahlmeier hatte vor diesem Freitagnachmittag in Östersund schon zwölf WM- und drei Olympia-Medaillen gewonnen, zu mancher war sie geradewegs geflogen, aufgrund ihrer Stärken. Zu dieser musste sie sich quälen, nach einem Jahr voller Herausforderungen. "Bronze fühlt sich ein bisschen wie Gold an", sagte sie dann auch nach dem Rennen, "das ist brutal schön". Da saß sie dann schon wieder hustend vor den Aufnahmegeräten. Erst am Morgen hatte sie entschieden, überhaupt anzutreten. "Der Doc hat auch gesagt, wenn du dich so weit gut fühlst, dann mach's", berichtete Dahlmeier, er sagte auch: "Da musst du durch, es wird nicht leicht."

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Am Donnerstag hatte Dahlmeier noch zuschauen müssen, wie ihre Kollegen und Kolleginnen zu Silber in der Mixed-Staffel liefen, es hätte auch ihre Medaille sein können - wenn Dahlmeier fit ist, ist sie gesetzt. Ihren Verzicht bezeichnete man beim Deutschen Skiverband als "Vorsichtsmaßnahme". Eine Untertreibung, wie man jetzt weiß. "Ich habe selber am meisten gezweifelt die letzten Tage", berichtete Dahlmeier nun, "ich habe gedacht: Ich schaffe das nicht, ich komme da nicht rum um den Kurs."

Dahlmeier nutzt ihre Chancen am Schießstand

Mit der Startnummer 52 ging Dahlmeier auf die Loipe, die dritte Startgruppe war nicht die schlechteste Wahl: Hatten vor ihr doch zahlreiche Favoritinnen des Winters recht viele Scheiben stehen gelassen. Lisa Vitozzi, die Führende im Weltcup: Zwei Fehler Liegend. Marte Olsbu Roeiseland, Gesamt-Dritte: Zwei Fehler liegend. Dahlmeier wusste, dass ihre Chancen am Schießstand lagen und die nutzte sie. Den ganzen Tag über zappelten die Fähnchen, auch während des Rennens waren die Windbedingungen schwierig. Also wie gemacht für Laura Dahlmeier: Sie blieb liegend und stehend fehlerfrei.

Doch die große Frage war ja auch die: Welche Zeit konnte sie - so angeschlagen - noch auf den Schnee bringen? Es war ihr anzusehen, dass die Leichtfüßigkeit fehlte, doch unter den schwierigen Umständen schlug sie sich wacker. Nur die Slowakin Anastasiya Kuzmina (ein Fehler) und die Norwegerin Ingrid Landmark Tandrevold (0) waren schneller, Dahlmeier kam mit einem Rückstand von 12,6 Sekunden hinter der Goldgewinnerin ins Ziel. Und blieb dann auch erstmal im Schnee liegen. Ausgepumpt, minutenlang. Erst mit fremder Hilfe schaffte sie es wieder auf die Beine. "Das kann man nur nachempfinden, wenn man sich selbst schon mal so verausgabt hat", sagte sie später. Es klang wie eine Rechtfertigung und dass das niemanden alarmieren müsse: Schwächeanfälle dieser Art hat man bei Dahlmeier ja schon häufiger gesehen.

Schon am Sonntagnachmittag steht die Verfolgung an, in der auch Denise Herrmann auf Rang sechs eine gute Ausgangsposition hat. Mit zwei Schießfehlern brachte sich die ehemalige Langläuferin selber um eine bessere Position. "Es ist bitter, weil mit nur einem Fehler noch was gegangen wäre", sagte sie, womöglich wäre für Herrmann dann sogar der Sieg drin gewesen. Franziska Preuß (1 Fehler) landete auf Rang 16, Franziska Hildebrand (2) wurde 40. Vanessa Hinz (4) verpasste als 65. sogar den Verfolger.

Für Dahlmeier geht es nun darum, den Akku wieder aufzuladen. "Aktuell fühle ich mich eher so, als würde ich mich am liebsten ins Bett verkriechen", sagte sie, es ist ja auch nicht nur die aktuelle Erkrankung, die ihr zu schaffen macht. Sondern auch ein insgesamt hartes Jahr. In Pyeongchang hatte sich Dahlmeier mit zwei Gold- und einer Bronze-Medaille ihren Kindheitstraum erfüllt, musste dann erstmal neue Motivation finden - und wurde durch ihre Gesundheit immer wieder ausgebremst. "Ich bin in dem Jahr vor so viele Herausforderungen gestellt worden. Ich habe mir echt gedacht: Was ist das für eine Lektion, die ich jetzt wieder lernen muss?", berichtete sie. Dass sie trotz allem wieder auf dem Treppchen landete, das beeindruckte sie selber. "Alles, was jetzt noch kommt, das lasse ich locker angehen."

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