Biathlon-WM:Die Streichwurst-WM von Nove Mesto

Biathlon-WM: Massenstart im Pappschnee: Es habe sich "angefühlt wie im Flugzeug, vorne Business Class, und wir hinten dran so zweite Klasse", sagt Vanessa Voigt am Sonntag.

Massenstart im Pappschnee: Es habe sich "angefühlt wie im Flugzeug, vorne Business Class, und wir hinten dran so zweite Klasse", sagt Vanessa Voigt am Sonntag.

(Foto: Dawid W. Cerny/Reuters)

Aus deutscher Sicht wird die Biathlon-Weltmeisterschaft ähnlich in Erinnerung bleiben wie das tschechische Essen: In Maßen verträglich, aber kaum geeignet für Feinschmecker.

Von Korbinian Eisenberger, Nove Mesto

Hinter der Haupttribüne der Vysocina Arena steht ein Schießstand der anderen Art: Eine vermeintlich handelsübliche Kirmes-Bude mit einer Eigenheit: Wer mit dem Gewehr die Plastiktulpen trifft, wird nicht mit Plüschfiguren belohnt, sondern mit Streichwurst. Grob oder fein, vom Kalb oder vom Schwein.

Die Biathlon-Weltmeisterschaft im Flutlicht des tschechischen Nove Mesto war in vielerlei Hinsicht besonders. Wegen der auffällig fleischlastigen tschechischen Verpflegung. Und wegen einer Loipe, die bisweilen den Eindruck hinterließ, als hätten sie den Wurstaufstrich von der Bude auch im Weiß verteilt. Es fühle sich an, als klebe der Ski am Schnee, erklärte etwa die deutsche WM-Debütantin Selina Grotian. Das Team des Deutschen Skiverbands (DSV), so darf man sagen, zählte zu jenen, denen die nasswarmen Bedingungen zusetzten.

Im Massenstart am Sonntagnachmittag etwa zeigten sich die DSV-Biathletinnen abermals treffsicher, aber in der Spur hatten sie gegen die Besten keine Chance. Die Französin Justine Braisaz-Bouchet gewann die Goldmedaille, "es war das perfekte Rennen, es bedeutet mir sehr viel", sagte sie im ZDF. Silber holte die Italienerin Lisa Vittozzi vor Lou Jeanmonnot aus Frankreich. Die beste Deutsche Vanessa Voigt aus Oberhof traf alle 20 Scheiben - und wurde doch nur Fünfte. Es habe sich "angefühlt wie im Flugzeug, vorne Business Class, und wir hinten dran so zweite Klasse", sagte Voigt. Und Franziska Preuß? Kam mit einer Strafrunde auf Rang elf ins Ziel. Bei den Männern gewann der norwegische Dominator Johannes Thingnes Bö den sonntäglichen Massenstart vor Andrejs Rastorgujevs, der die einzige lettische Medaille holte, und dem Franzosen Quentin Fillon Maillet. Philipp Nawrath wurde Zehnter, Benedikt Doll (12.), Johannes Kühn (14.) und Justus Strelow (16.) komplettierten das DSV-Ergebnis.

So lautet die deutsche Medaillenbilanz nach allen zwölf Wettkämpfen: Silber von Janina Hettich-Walz, Bronze von Benedikt Doll in den Einzelrennen, dazu Bronze in der Frauenstaffel. Die DSV-Frauen waren bei ihrem Bronzelauf am Samstag auf der Strecke 1:48,2 Minuten langsamer als das Gold-Team aus Frankreich. Sophia Schneider, die gedanklich "schon fast im Bus nach Hause gesessen" war, bekam im finalen Stehendschießen ihre Nerven in den Griff, traf alle drei Nachlader - und sicherte so die dritte Medaille. In der Männerstaffel verpasste das deutsche Team das anvisierte Podest, Rang vier blieb, sagenhafte 2:30,4 Minuten verloren sie in der Loipe auf die laufschnellsten Norweger (die in der Endabrechnung vor Frankreich und hinter Schweden Zweiter wurden).

An die Ära Neuner konnte der DSV nicht anknüpfen, eine historische Pleite war es aber sicherlich auch nicht

Vor der WM hatten die deutschen Biathleten Anlass für hohe Erwartungen gegeben: Zu nennen sind Doll mit zwei Sprintsiegen, Voigt mit mehreren Podestplatzierungen sowie Philipp Nawrath und Preuß, die beide zwischenzeitlich im Gesamtweltcup geführt hatten. Im Medaillenspiegel rangiert der DSV nun auf Rang fünf, so wie bei der letzten WM in Nove Mesto 2013: Im Jahr nach Magdalena Neuners Karriereende hatte das deutsche Team damals nur zwei Medaillen errungen (Andrea Henkel gewann Silber im Einzel, die Männerstaffel Bronze). An die große deutsche Biathlon-Ära um Neuner (die 2012 bei der WM in Ruhpolding an vier der fünf deutschen Medaillen beteiligt war), konnte das aktuelle Team der Cheftrainer Uros Velepec und Kristian Mehringer nicht anknüpfen. Aber, sagte DSV-Biathlon-Chef Felix Bitterling: "Es war kein Debakel", also keine historische Pleite, wie nach den ersten fünf Tagen schon geraunt wurde. Aus deutscher Sicht war es eine Streichwurst-WM, in Maßen verträglich, aber nichts für Feinschmecker.

Deutlich delikater dürfte die WM von Nove Mesto den Franzosen in Erinnerung bleiben, sechs Goldmedaillen holte das Team, vier davon baumeln um den Hals von Julia Simon, die eindrucksvoll performte, trotz Pappschnee - und trotz des Geraunes um ihren Zwist mit Teamkollegin Braisaz-Bouchet. Norwegen, Italien und Schweden folgen im Medaillenranking. Die Gastgeber blieben vor dem abschließenden Massenstart der Männer ohne Medaille.

Tschechiens bekannteste Biathletin Markéta Davidová lächelt einem in der Region Mähren von Plakaten entgegen, bei den WM-Wettkämpfen verging ihr das Grinsen allerdings. Dem tschechischen Biathlonteam gelang auffällig wenig, umso bemerkenswerter war die Leistung der einheimischen Stadionbesucher. Mit Fahnen und Tröten erzeugte das Publikum in der Vysocina Arena eine Stimmung samt Lärm, der an die Vuvuzela-Konzerte bei der Fußball-WM in Südafrika 2010 erinnerte. Lautstärkenmesser ergaben einen Grundpegel von mehr als 100 Dezibel - und wenn Davidová oder Teamkollegen ins Stadion einbogen, musste man in Tribünennähe um sein Gehör fürchten. Der Pegel stimmte in jeglicher Hinsicht, dazu trugen auch Tausende Norweger bei, die in ihren Wikingerkostümen die zweitstärkste Fraktion im Ort stellten - und an den auffällig tiefpreisigen Getränkeständen.

Für die WM 2013 war die Arena von Nove Mesto für 20 Millionen Euro modernisiert worden, vor der Neuauflage wurde noch mal für einen ähnlichen Betrag renoviert und erweitert, bis zu 30 000 Zuschauer hatten nun im Stadion und an der Strecke Platz, an den meisten Tagen waren mindestens 20 000 da, am letzten Wochenende war das Areal restlos ausgelastet und noch lauter als sonst - auch wenn Davidová und Co. am Schießstand das Glück verließ. Die erhoffte Medaille blieb den tschechischen Fans verwehrt - und so mussten sie sich ihre Trophäen selbst erjagen, und zwar an einer Schießbude mit Wurstaufstrich.

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