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Biathlon-WM:Nicht alles steht im Medaillenspiegel

IBU Biathlon World Championships

Franziska Preuß am Schießstand in Pokljuka.

(Foto: REUTERS)

Zum ersten Mal seit 1997 gewinnen die deutschen Frauen keine Einzelmedaille bei einer Biathlon-WM. Trainer und Athletinnen gehen trotzdem optimistisch Richtung Olympia in Peking.

Von Saskia Aleythe

Ist das immer noch Franziska Preuß? Manchmal muss man sich das fragen, wenn man die Biathletin so durch die Arenen der Welt laufen sieht und vor allem, wenn sie dann so im Ziel liegt. Der Körper auf dem Schnee ausgebreitet, ausgepumpt, doch den Arm in den Himmel gestreckt, jubelnd, dafür sorgten die Endorphine am Samstagnachmittag. Die Silbermedaille hatte Franziska Preuß gerade für die deutschen Frauen bei den Weltmeisterschaften auf der Hochebene Pokljuka eingefangen, die zweite für das Team. Und ja, das war noch die selbe Franziska Preuß, die man auch schon ganz anders nach Staffelrennen gesehen hatte: kauernd vor Kummer, weinend, enttäuscht.

Die Staffel war einmal das Problemrennen der 26-Jährigen, und jetzt sieht man in diesem Format am besten, wie sie gewachsen ist in ihrem Sport. Als Schlussläuferin fuhr sie das deutsche Quartett in Slowenien von Rang fünf auf zwei, mit schnellem fehlerfreien Schießen und einem Schlussspurt, bei dem die Beobachter mit offenem Mund dastanden. "Man hat die Woche wieder gesehen, dass Leistungssport echt hart ist", sagte Preuß schließlich; sich mit einer Medaille zu belohnen für ihren besten Winter und ihre beste WM, das war ihr bis zu diesem Wochenende nicht gelungen. Und nun konnte sie sich mit Vanessa Hinz, Denise Herrmann und Janina Hettich gegenseitig das Silber umhängen, corona-konform. Und natürlich, die versprochenen Schokotörtchen hatten die deutschen Köche auch parat.

Stürze, Stockbrüche, Schnee im Visier - das alles ist Preuß schon passiert in Staffel-Wettbewerben. 2018 bei Olympia in Pyeongchang fummelte sie eine Zusatzpatrone ins Gewehr, obwohl sie schon alle Scheiben getroffen hatte.

Alte Kamellen, lässt sich heute sagen, vor allem wenn zu besichtigen war, wie sie dieses Staffelrennen in Slowenien absolvierte. "Als Denise gekommen ist, habe ich richtig Bock gehabt aufs Laufen", sagte Preuß, dabei stand zu jenem Moment ein Rückstand von 43,3 Sekunden und Rang fünf auf den Anzeigetafeln. Aber Preuß reizten ihre gute Form sowie das Wissen, dass die Ski an diesem Tag besonders gut liefen, sie ahnte: Sie konnte Lücken schließen.

Es folgte: Die volle Trefferausbeute bei hohem Tempo am Schießstand, als Zweite hinter Norwegens Marte Olsbu Röiseland ging sie wieder auf die Strecke. Olena Pidhruschna aus der Ukraine überholte die Deutsche am letzten großen Anstieg. "Da habe ich mir gedacht: Oh, das wird schwer, da jetzt dran zu bleiben", sagte sie: "Ich wusste aber, dass mir der zweite Teil der Runde richtig gut liegt." Auf den letzten Abfahrtsmetern rutschte sie wieder heran. "Ich habe mir heute beim Skitest mit dem Techniker angeschaut, wo man attackieren kann Richtung Ziellinie", berichtete sie - und nutzte schließlich ihren Schwung. "Und dann hat es in mir ein zweites Leben erweckt", so Preuß, ein paar letzte Skating-Schritte reichten, um Pidhruschna zu bezwingen, nur 8,8 Sekunden hinter Röiseland. Im Ziel jubelten ihre Kolleginnen, die fehlerfreie Vanessa Hinz sagte: "Heute habe ich mir schon kurz die Tränen verdrücken müssen."

Die Corona-Hygienemaßnahmen helfen Preuß: Erstmals kam sie gesund durch den Winter

Im Massenstart am Sonntag liefen dann bei Lisa Theresa Hauser die Tränen der Erlösung: Sie gewann als erste Frau der Geschichte WM-Gold für Österreich, vor den Norwegerinnen Ingrid Landmark Tandrevold und Tiril Eckhoff. Der frühere Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig, der im vergangenen Jahr bei den Österreichern angeheuert hatte, jubelte am Schießstand, als Hauser auch den 20. Treffer gesetzt hatte. Schon auf der Schlussrunde konnte die 27-Jährige mit den Trainern am Streckenrand abklatschen. "Es ist unglaublich, hier als Weltmeisterin zu stehen", sagte Hauser. Preuß (zwei Fehler) und Hinz (1) kamen auf die Ränge sechs und zehn, Denise Herrmann musste wegen einer leichten Erkrankung passen. Erstmals seit 1997 sprang somit keine Einzelmedaille bei den Titelkämpfen für die deutschen Frauen heraus. "Man kann trotzdem mit der WM zufrieden sein", sagte Frauen-Trainer Kristian Mehringer, den vor allem die acht Top-Ten-Platzierungen zuversichtlich stimmten: "Jetzt können wir uns ein Jahr sauber auf Olympia vorbereiten und dann sind wir vielleicht die Lachenden."

Mehringer hatte Argumente für sein Fazit: Nicht alles lässt sich nur vom Medaillenspiegel ablesen. Denise Herrmann hatte im Sprint Bronze nur knapp verpasst, Vanessa Hinz rappelte sich nach einer vermurksten Saison erstaunlich auf. Und Franziska Preuß ist ohnehin gerade in der Form ihres Lebens. Die Corona-Hygienemaßnahmen helfen ihr, zum ersten Mal überhaupt ist sie gesund durch den Winter gekommen. Sieben Rennen ist Preuß in Slowenien gelaufen, mehr als jede andere im Team, tiefer als auf Rang acht fiel sie nie. "Natürlich wollte ich auch eine Einzelmedaille hier bei der WM, aber dann habe ich gleich ein Ziel für nächstes Jahr. Das motiviert mich gleich wieder", sagte sie noch und man merkte ihr die Leidenschaft an.

Sie tüftelt schon daran, das Stehendschießen zu verbessern. Läuferisch ist sie nach dem Trainerwechsel im vorigen Sommer nun vorne dabei, "da mache ich 1000-prozentig so weiter", versprach Preuß, "ich glaube schon, dass ich einen Schritt nach vorne gemacht habe." Das konnte jeder sehen, nicht zuletzt bei der Zieleinfahrt in der Staffel.

© SZ/bkl/moe
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