Süddeutsche Zeitung

Silber für Vanessa Hinz:Sie hat es ganz allein geschafft

  • Vanessa Hinz ist nach ihrer überraschenden Silbermedaille bei der Biathlon-WM überwältigt.
  • "So einen Tag erlebt man vielleicht nie wieder in seinem Leben", sagt Hinz, die endlich einmal nicht den anderen zujubelt, sondern selbst bejubelt wird.
  • Hier geht es zum WM-Zeitplan.

Den Blick nach oben hat Vanessa Hinz in den vergangenen Jahren immer wieder geübt. Wer bei Biathlon-Weltmeisterschaften Medaillen gewinnt, darf später auf die Bühne; unten in der ersten Reihe stehen die Mannschaftskollegen und jubeln. Vanessa Hinz hat oft nach oben geschaut, viel geklatscht und geschrien für die anderen. Am Sonntagabend zum Beispiel, als Denise Herrmann ihre Silber-Medaille in Antholz verliehen bekam, da dachte sich Hinz: "Es muss so ein verdammt geiles Gefühl sein, dort oben zu stehen. Ich will das auch irgendwann mal erleben."

Irgendwann, das ist so ein ominöses Etwas im Biathlon: Der Sport belohnt ja nicht immer nur die, die die im Weltcup ohnehin immer wieder in den Bestenlisten auftauchen; er hält für viele Athleten Verheißungen parat. Das Mögliche belebt die Fantasie und kann Motor sein für die Motivation, Vanessa Hinz hat den Schub jetzt ja selber erlebt: Als am Dienstagabend im Antholzer Tal die Fans ihre Fähnchen schwenkten, schauten die anderen zu ihr hinauf.

"So einen Tag erlebt man vielleicht nie wieder in seinem Leben", sagte die 27-Jährige nach ihrer Silber-Medaille im Einzel. Nach einer Saison der Tränen stand sie nun da und verdrückte Tränen der Rührung.

Beim Anschießen hatte Hinz sich noch unsicher gefühlt

Siegerehrungen hat Hinz schon einige erlebt, auf dem Podium auch ganz oben gestanden: Vier Medaillen konnte sie mit der Frauen- und Mixed-Staffel gewinnen, drei Mal gab es Gold: "Aber heute habe ich es ganz allein geschafft". Dabei hätte sie darauf selber nicht gewettet, als sich ihre Schwester zum Zugucken auf der Antholzer Tribüne ankündigte, sagte ihr Hinz: "Einzel ist jetzt nicht so mein Rennen." Pessimismus ist das nicht, sie versuchte ja nur, realistisch zu sein: In fast sieben Jahren im Weltcup waren ihr nur zwei Podiums-Platzierungen abseits der Staffeln gelungen. Und die Saison verlief oft jenseits der Top 15, im Januar in Ruhpolding vergab sie in Führung liegend den Staffelsieg mit zwei Strafrunden. "Es wäre jetzt famos, zu sagen, ich will jetzt hier eine Medaille holen und will auf jeden Fall auf dem Podium stehen. Das wäre ein bisschen weit hergeholt", fand Hinz noch am Montag. Eine Nacht vor ihrer Medaille.

Ein 70-Meter-Werfer avanciert im Speerwurf in der Regel nicht plötzlich zum Olympiasieger, ein durchschnittlicher Wasserspringer erfindet in einem Wettkampf nicht plötzlich ein neues Element - doch im Biathlon hängen die Medaillen manchmal wie Möhrchen vor den Nasen der Sportler. In Antholz umso mehr: Durch die Höhenlage ist das Laufen anstrengender, den Puls zu beruhigen am Schießstand schwieriger - wer sich dort am besten im Griff hat, kann Großes erreichen. Im Einzel durch die Strafminuten umso mehr. Und Hinz kam mit den besonderen Herausforderungen in Antholz immer besser zurecht: Nach zwei Fehlern im Sprint gehörte sie in der Verfolgung mit einer Strafrunde zu den Besten im Feld.

Nun brachte ihr das Schießen Silber, erst beim letzten Durchgang verfehlte eine Patrone das Ziel. Dabei hatte sie sich im Anschießen noch unsicher gefühlt, vor allem im Stehendanschlag. "Das am Schluss jetzt nur ein Fehler passiert ist, macht mich überglücklich", sagte sie; von den ersten Sechs war das keiner anderen gelungen. Dass sie nach ihrem Rennen noch von Dorothea Wierer von der Gold-Position geschubst wurde - um 2,2 Sekunden - schmerzte Hinz übrigens wenig: "0,5 Sekunden und der letzte Schuss geht daneben. Und dann habe ich zwei Fehler und dann habe ich gar nichts."

Die Trainer müssen sie manchmal "kitzeln"

Im Training muss man sie manchmal ein bisschen "kitzeln", sagen ihre Trainer, Hinz selber sagt: "Ich bin kein Stundenklopfer." Stumpfes Kilometer abspulen ist nicht ihr Ding, und das ist ja auch tatsächlich eine Frage der Motivation: Wie bringt man sich selbst immer wieder dazu, sich zu quälen, wenn auf dem Podium doch meist die anderen landen? "Ich kann schon den Berg hochfahren, wenn man mir sagt, ich krieg' oben einen Kuchen. Dann ist alles in Ordnung, wenn ich so ein Ziel habe", sagt sie, und die Kuchen schafft sie sich dann selbst: Urlaub, Ausflüge, Zeit mit der Familie haben, nach dem erledigten Training.

"Ich bin manchmal vielleicht ein bisschen anders, weil ich ein Familienmensch und Lebemensch nebenbei bin", sagt Hinz. Biathlon ist auch nur Biathlon, diese Einstellung hat ihr geholfen in den Krisenmomenten. Am Wochenende fährt sie oft von Ruhpolding nach Hause zum Schliersee, der Familie ist es "total egal, wie gut ich bin. Die leiden mit mir mit, aber für die bin ich die Schwester, die Nichte, die Enkelin oder einfach die Tochter." Und nicht die mit den Strafrunden oder Rang 35 zum Saisonstart.

"Ich muss aus jedem schlechten Rennen etwas Gutes rausziehen, weil das Rennen sonst umsonst war", sagt Hinz, diese Einstellung hat ihr über die Enttäuschungen der letzten Jahre hinweggeholfen. Ihre Kraftquellen sucht sich Hinz selber, seit ein paar Jahren gehören auch Opern dazu. Andrea Bocelli, Luciano Pavarotti, Carmina Burana. "Sport und Musik sind gar nicht so weit auseinander", findet sie, Leidenschaft müssen Sportler und Sänger gleichermaßen aufbringen. "Wenn wir nur halbherzig laufen, merkt man es sofort", erklärt Hinz: "Wenn die nur halbherzig singen dann hörst du es auch sofort."

Am Dienstag in Antholz war Vanessa Hinz mit ganzem Herzen dabei.

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