Süddeutsche Zeitung

Biathlon-WM in Antholz:"Ich bin der Philipp"

  • Bei der Biathlon-WM in Antholz macht der 25-jährige Philipp Horn auf sich aufmerksam.
  • Er rennt in die Nähe der Medaillenränge und läuft bisweilen so schnell wie Dominator Johannes Thignes Bö.

Es muss jetzt wirklich Schluss damit sein, Philipp Horn ständig Hörnchen zu nennen. Dieser Wunsch des Biathleten ist nämlich völlig legitim, Hörnchen möchte nicht mehr Hörnchen sein, ein Lehrer auf dem Sportinternat hat Hörnchen den Namen mit 14 Jahren verpasst, zu viele Philipps in der Klasse, da musste eine Alternative her. Hörnchen wurde älter und besser, doch der Name blieb und, tja, seit diesen Tagen bei der Biathlon-WM in Antholz ist Hörnchen noch populärer geworden. Sein Teamkollege Benedikt Doll sagte nach dem Sprint-Rennen in die TV-Kameras: "Hörnchen hatte mit zwei Fehlern leider einen zu viel."

"Wenn wir ,Mensch ärgere Dich nicht' gespielt haben, saß ich heulend unterm Tisch."

Hörnchen muss sich aber nicht ärgern, schließlich ist das auch als Auszeichnung zu verstehen, dass gerade so viel über ihn gesprochen wird. Der 25-Jährige dreht in Südtirol gerade so befreit seine Runden, wie es manchmal nur WM-Debütanten können. Im Unterschied zu den meisten Neulingen gelingen ihm dabei auch schon Top-Platzierungen: Rang acht im Sprint - und das trotz Patzern mit der Waffe. Läuferisch nur sechs Zehntel hinter der Zeit von Johannes Thingnes Bö, "das konnte ich erst mal gar nicht glauben", sagt Hörnchen, pardon, Greenhorn, äh: Philipp Horn, der seine Emanzipierung von den Jugendtagen gerade vorantreibt und vor dem Einzel am Mittwoch einen neuen Vorschlag hat: "Ich bin der Philipp."

Die Kernteams im deutschen Biathlon waren jahrelang dieselben, bei den Männern galt es fast schon als Gesetz, dass Arnd Peiffer, Benedikt Doll, Simon Schempp und Erik Lesser als bestes Quartett in den Winter gehen und die Saison auch als solches beenden. Doch seit Schempp und nun auch Lesser mit Formschwächen kämpfen, eröffnen sich neue Chancen für den Nachwuchs, und Philipp Horn ist derjenige, der sie bei der WM gerade am besten nutzt. "Dass ich bei der WM dabei bin, hätte ich vor der Saison nicht einmal zu träumen gewagt", sagte er vor seinem ersten Rennen in Antholz der Thüringer Allgemeinen, aber man muss nicht annehmen, dass er mit dem bloßen Dabeisein schon zufrieden ist. Sein Ehrgeiz hat ihm schon früh den Weg vorgezeichnet; was man manchmal aber erst im Nachhinein feststellt. "Wenn ich andere Kinder heute spielen sehe, dann merke ich: Die sind nicht so wie ich", sagt Horn, "ich konnte überhaupt nicht verlieren. Wenn wir ,Mensch ärgere dich nicht' gespielt haben, saß ich heulend unterm Tisch."

Im Grunde wurde Philipp Horn schon auf Skiern geboren, wer in Frankenhain in Thüringen wohnt, kommt um einen Ski-Verein kaum herum. Noch dazu, wenn die Mutter ehemalige Langläuferin ist. Seiner vier Jahre älteren Schwester eiferte Horn immer nach. Ihre Erfolge im Jugendbereich hat er nie erreicht, "das hat mich aber immer motiviert, das auch zu schaffen". Der Sprung aufs Sportinternat klappte dann erst im zweiten Versuch. Horn, merkte schon mit 14, dass der Weg zu den Profis ein weiter sein kann. Doch weite Wege sind seine Sache, das Laufen bereitete ihm nie Probleme. "Man merkt im Laufe der Jahre, dass man länger ein hohes Tempo laufen kann als andere", sagt er.

Seine Rennqualitäten blieben dem deutschen Skiverband nicht lange verborgen, in Oberhof kam Horn nach dem Abitur in die Trainingsgruppe von Mark Kirchner. Und hatte auf einmal die vor der Nase, mit denen er schon jahrelang mitfieberte: Peiffer, Lesser, zeitweise Doll. Das höhere Trainingspensum machte Horn anfangs zu schaffen, mittlerweile ist er einer, an dem die Kollegen erst mal dranbleiben müssen. "Seine Entwicklung ist sehr positiv zu sehen", sagt Bundestrainer Kirchner, "wenn man seine erste WM mit einem achten Platz eröffnen kann, ist man auf einem sehr guten Weg, ein Großer zu werden."

Daheim schraubt er oft an einem alten Motorrad herum. Der Kopf braucht Ablenkung

Mit Lesser verbindet Horn am meisten, die beiden kennen sich aus dem Heimatverein und verstehen sich gut. "Er hat mir eine auf den Deckel gehauen, weil ich so schlecht geschossen habe", sagt Horn; tatsächlich ist das sein Defizit, und das hat ihn in Antholz um eine Medaille gebracht. Ohne die zwei Fehler im Sprint hätte er zu den Gold-Kandidaten gehört. In der Verfolgung wurde es mit sechs Fehlern bei 20 Schuss noch wilder. "Ich weiß, dass es keine grundlegenden Fehler waren, dass ich das besser kann", sagt er selbst. Hilfe holt er sich von Lesser, den die guten Schießleistungen immer wieder zu Höhepunkten getragen haben. Diese Saison, in der Horn seinen Durchbruch erlebt, ist für den Verfolgungsweltmeister von 2015 persönlich die größte Herausforderung: Ein Schlüsselbeinbruch im Sommer beim Mountainbike-Fahren warf ihn im Training so weit zurück, dass er die Verbands-interne WM-Norm nicht schaffte. In Antholz ist er als Ersatzmann für die Staffeln dabei. "Wir geben uns auch gegenseitig Tipps", sagt Horn, "er kann auch ein bisschen von mir im Training profitieren, was das Laufen angeht." So klingt keiner, der nur mal kurz im Nationalteam vorbeischaut.

An den richtigen Schrauben zu drehen, hat Horn schon gelernt. "Ich hatte schon Phasen, da habe ich 24 Stunden am Tag an Biathlon gedacht, das ist nicht gut", sagt er; daheim schraubt er seit vergangenem Jahr an einem alten Motorrad herum, um dem Kopf auch mal Abwechslung zu gönnen. "Mein Ziel ist es, konstant in der Weltspitze zu laufen, da muss ich aber erst mal hinkommen", sagt Horn; aber auch: "Ich sehe momentan, dass es möglich ist." Gestatten: Horn, ehemals Hörnchen.

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Quelle:
SZ vom 19.02.2020/schm
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