Philipp Nawrath hatte vollbracht, was seinen deutschen Kollegen zuvor kaum gelungen war: Der Skijäger aus Ruhpolding hatte alle fünf Scheiben getroffen und sich aufgemacht, um in die letzte Runde dieses Wettkampfes zu stürmen. Dann aber ereignete sich das nächste Malheur: Kurz hinter dem Schießstand trat ihm ein konkurrierender Athlet auf den Skistock, sodass dieser aus Nawraths Hand in den Schnee purzelte – und der Deutsche verdattert seinen rechten Handschuh anstarrte. Ein Bild, das sich einfügte in diesen aus deutscher Sicht so verflixten Winterauftakt von Östersund.
Der Erfolg in der Skijägerei steht und fällt mit den Scheiben. Und so trägt es sich dieser Tage zu, dass die Zielscheiben in der schwedischen Provinz Jämtland wie mit Klebstoff festgepappt wirken – und zwar immer dann, wenn Biathleten des deutschen Skiverbandes zum Schuss ansetzen. Der Schießstand in Östersund entpuppt sich dieser Tage als schwerster aller deutschen Gegner, bei den Männern wie bei den Frauen. Um nicht zu sagen: Scheibenkleister.

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Die Bilanz nach den ersten sechs Weltcup-Rennen dieses olympischen Winters liest sich für die deutschen Biathleten jedenfalls wenig besinnlich. Der elfte Rang der Frauenstaffel ließ sich zunächst noch als frühwinterlicher Ausrutscher weglächeln, vor den finalen Wettkämpfen aber erhärtet sich der Verdacht, dass speziell das deutsche Frauenbiathlon auf Formsuche ist. Janina Hettich-Walz verbuchte mit Rang 17 im Einzel das beste Ergebnis des Deutschen Skiverbandes (DSV), Franziska Preuß als 29., Vanessa Voigt (39.), Selina Grotian (50.) und Julia Tannheimer (76.) landeten so weit hinten wie lange nicht. 39 von insgesamt 140 Patronen jagten die sieben deutschen Schützinnen im Einzelrennen an den Zielscheiben vorbei, eine wenig konkurrenzfähige Fehlerquote von 28 Prozent.
Im deutschen Biathlon ist man in jeglicher Hinsicht ganz andere Quoten gewohnt. Mit einem Marktanteil von 25,6 Prozent und im Schnitt 3,025 Millionen Zuschauern war Biathlon im vergangenen Winter der beliebteste Wintersport der ARD-Fernsehzuschauer. Und dann kamen auch noch die Erfolge hinzu. Und nun? Müssen die Skijäger-Fans sich ausgerechnet im olympischen Winter Sorgen machen?
Läuferisch derzeit Weltspitze: Philipp Horn, Julia Tannheimer und Janina Hettich-Walz
Vielleicht ist es dafür noch zu früh, zumal in der schwedischen Finsternis auch Lichtblicke zu erkennen waren. Etwa die Staffel der Männer, die wie die Single-Mixed-Staffel – mit Marlene Fichtner und Lucas Fratzscher – auf Rang vier landete. Am Mittwoch dann machte der Thüringer Philipp Horn von sich reden, so pfeilschnell wie er die 20 Loipenkilometer im Einzel der Männer bewältigte. Seine Laufzeit wurde als drittschnellste aller 102 gestarteten Akteure verbucht. Überhaupt, schnell laufen können sie fast alle, etwa die 20 Jahre alte Tannheimer, die beim Sprint am Freitag als beste Deutsche als Achte ins Ziel kam. Zuvor im Einzel war sie als Fünftschnellste in der Loipe gemessen worden, zehn Sekunden vor Hettich-Walz, die nach ihrer Babypause läuferisch sofort wieder mit den Weltbesten mithalten kann. Wäre da nur nicht diese Teildisziplin Scheibenschießen, bei der Horn zweimal daneben zielte, Hettich-Walz viermal und Tannheimer gleich neunmal. Wie bei einer Saloon-Schießerei im Wilden Westen.
Wenn man so will, ist die Biathlon-Welt eine Scheibe, wer verschießt, verliert, auch wenn man noch so rasant auf den Langlaufskiern unterwegs ist. „Wir brauchen nicht lange herumreden, das war kein guter Tag für uns“, sagte etwa DSV-Sportdirektor Felix Bitterling nach dem Frauen-Einzel. Für eine Tiefenanalyse sei es allerdings nach so wenigen Tagen und Eindrücken noch zu früh. „Man tut gut daran, jetzt nicht in Panik zu verfallen“, so Bitterling. „Das wird mit Sicherheit nicht helfen.“
Anlass zu erster allgemeiner Verunsicherung beim DSV? Wohl kaum. An Franziska Preuß allerdings ließ sich zumindest erahnen, dass sie derzeit weniger beschwingt unterwegs ist als noch im April, als sie im Saisonfinale von Oslo im Massenstart-Endspurt gegen die Französin Lou Jeanmonnot den Gesamtweltcup gewann. Bereits in der Staffel verfehlte sie so viele Scheiben, dass sie in die Strafrunde einbiegen musste, im Einzel sah ihre Bilanz mit vier Fehlschüssen nur geringfügig besser aus. „Im Schießen kann es auch auf einmal wieder klappen“, sagt Preuß. Das bereite ihr weniger Kopfzerbrechen. „Mich verunsichert das Läuferische mehr“, so Preuß nach dem Einzel, wo sie für die 15 Loipenkilometer – unabhängig von den Schießzeiten und Strafminuten – 69 Sekunden länger benötigt hatte als Tagessiegerin Dorothea Wierer aus Italien. „Es war der Plan, dass man nicht schon Ende November in Topform ist, sondern dass man sich von Woche zu Woche steigert“, so Preuß. Ihr „schlechtestes Einzel seit Langem“ habe sie dann aber auch nicht laufen wollen, weswegen nun Gespräche mit Technikern und Trainern bevorstünden.

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Franziska Preuß geht in Östersund nicht mehr an den Start
Für die Analyse hat Preuß länger Zeit als ursprünglich vorgesehen. Am Freitag teilte der DSV-Teamarzt mit, dass Preuß den Sprintwettkampf am Freitag und somit auch das Verfolgungsrennen am Sonntag abgesagt habe, „da sie sich seit dem gestrigen Tag krank fühlt, verbunden mit Halsschmerzen“. Um den weiteren Saisonverlauf nicht zu gefährden, „haben wir gemeinsam mit ihr beschlossen, kein Risiko einzugehen, um schnellstmöglich wieder eine Wettkampffähigkeit herzustellen.“
Am Samstag steht der Sprint der Männer an, mit Philipp Nawrath am Start, dessen Skistock-Malheur in Erinnerung bleiben wird, weil es noch einen zweiten Akt gab: Er hatte sich schon mit seiner delikaten Situation abgefunden, als sich ihm der Slowene Lovro Planko näherte. Jener Mann, der ihm zuvor versehentlich auf den Skistock getreten war, reichte dem Deutschen jetzt schuldbewusst seinen eigenen. Der Slowene lag nahezu zeitgleich mit Nawrath im Rennen – und verlor nun mangels Skistocks Sekunde um Sekunde. Nawrath kam als 13. ins Ziel, Planko als 21. – aber als Gewinner der inoffiziellen Fair-Play-Wertung.

