Biathlon:Erst unter Spionage-Verdacht, dann Cheftrainer

Lesezeit: 3 min

BIATHLON - LUKAS Johannes (GER) am 13.12.2019 während des IBU World Cup Biathlon - 7,5 km Sprint Frauen - im Biathlonsta

"Manche Leute denken, dass er zu jung ist, um unser Cheftrainer zu sein": Die Erfolge von Johannes Lukas mit den Schweden widerlegen Vorurteile, seine Sportler bescheinigen ihm großes Wissen und Führungsqualitäten.

(Foto: Ernst Wukits /imago)

Mit 21 Jahren musste Johannes Lukas seine eigene Biathlon-Karriere beenden, nun macht der Münchner mit 27 Jahren als Coach der Schweden Furore.

Von Saskia Aleythe

Wie alt muss man sein, um als alter Hase durchzugehen? Es kommt vermutlich immer auf die Perspektive an. Mit 27 Jahren ist Johannes Lukas im Team der schwedischen Biathleten zumindest schon mal alles andere als ein Neuling: Der Münchner war schließlich schon 2016 bei der WM in Oslo als Assistenztrainer dabei, er hat Freudentränchen mit Hanna Öberg bei ihrem Olympiasieg 2018 verdrückt, und doch ist er gerade so gefragt wie nie. Klar, das hat auch einen gewichtigen Grund: So stark wie die Schweden ist keine andere Nation in den Winter gestartet; das macht Lukas zum Trainer der Stunde. Und er fällt eben auf, weil er selbst noch Athlet sein könnte.

Dass der Trend zum jungen Trainer geht, hat sich in anderen Sportarten schon gezeigt: Hier ein Julian Nagelsmann, der mit 28 Jahren jüngster Cheftrainer der Bundesliga wurde, dort ein Jaron Siewert, 26, der als Coach der Füchse Berlin in dieser Saison die Altersstrukturen im Handball verschoben hat - und nun eben Lukas, der mit 27 im Biathlon ziemlich weit oben angekommen ist. Dank Wolfgang Pichler, 65. "Coach Wolfgang" hatte die Schweden mit Unterbrechungen über 20 Jahre lang angeführt, unter anderem Magdalena Forsberg zur Weltmeisterin gemacht und nach der Heim-WM 2019 den Chefposten geräumt - und an Lukas übergeben. Dabei endete ihr erstes Telefonat 2015 noch mit einer Abfuhr.

Wolfgang Pichler

"Trainer kannst du nicht studieren, man muss gucken, ob er mit den Leuten umgehen kann": Wolfgang Pichler, Lukas' Vorgänger und Mentor.

(Foto: Petter Arvidson/dpa)

Eigentlich hatte Johannes Lukas selber mit einer Karriere auf der Loipe geliebäugelt, absolvierte Einheiten auch mal in einer Trainingsgruppe mit Laura Dahlmeier. Aber nach mehreren Knie-Operationen musste er umplanen, beendete mit 21 seine aktive Karriere. Dann hieß es Hörsaal statt Schießstand: An der TU München studierte er Sportwissenschaften, für die praktische Erfahrung nahm er über seinen Vater Kontakt zu Pichler auf. Doch der lehnte eine Zusammenarbeit zuerst ab. "Ich dachte, da bringe ich einen Spion in die Mannschaft hinein", erinnert sich Pichler: Weil Lukas mit der Biathletin Maren Hammerschmidt liiert war, haderte er mit der Anfrage des Münchners, "ich wollte nicht unbedingt, dass die Deutschen sehen, was wir trainieren. Aber dann dachte ich: Lasse ich ihn halt mal mitkommen."

Menschlich hat es dann gleich gepasst, mit Fleiß und Pünktlichkeit konnte Lukas bei Pichler zusätzlich punkten. "Trainer kannst du nicht studieren", sagt Pichler, "man muss gucken, ob er mit den Leuten umgehen kann. Ob er eine gewisse Härte hat, eine gewisse Disziplin. Man muss auch mal harte Entscheidungen fällen." So übertrug ihm der Chefcoach immer mehr Verantwortung, bis er schließlich davon überzeugt war, sein Lebenswerk, wie er es selber nennt, in die richtigen Hände zu geben. "Manche Leute denken, dass er zu jung ist, um unser Cheftrainer zu sein", sagte Athletin Öberg kürzlich der ARD, "aber aus meiner Sicht hat er so viel Wissen und ist ein toller Anführer."

Die Bilanz der Schweden ist für die Konkurrenz gerade erschreckend

Öberg, gerade mal zwei Jahre jünger als Lukas, führt den Weltcup nach den ersten zwei Wochen an, die Bilanz der Schweden ist für die Konkurrenz gerade erschreckend: Zehn Podestplätze konnten sie in den ersten zehn Rennen abstauben, Männer wie Frauen. In den vergangenen Jahren hat noch unter Pichler ein Umbruch im schwedischen Team stattgefunden, der parallel zum Aufstieg von Lukas erfolgte. Das gipfelte im zweiten Sprint in Kontiolahti in einem sehenswerten Podest: Da stand Hanna Öberg ganz oben, ihre kleine Schwester Elvira, 21, erstmals auf Rang drei. Kein Wunder, dass die Schwedinnen anschließend noch die Staffel gewannen. Und eine andere große Hoffnung der Schweden macht sich gerade auch noch fit für Biathlon: Stina Nilsson, die bisher im Langlauf Medaillen gewann.

In Hochfilzen in Österreich geht es ab diesem Freitag mit den nächsten Rennen weiter, das Reisen hatte das schwedische Team im Sommer Corona-bedingt fast völlig eingestellt. Statt Bergeinheiten gab es dann viele Stunden auf dem Laufband, und wenn sich jemand mit individuellen Trainingseinheiten auskennt, dann Lukas: Parallel zu den ersten Trainererfahrungen im Biathlon hatte er sich ein Standbein als Personal Trainer aufgebaut, dabei auch Trainingspläne für das Fußball-Nachwuchsleistungszentrum des TSV 1860 München entworfen oder die Segel-Europameisterin Tina Lutz betreut. Der große Sprung gelang ihm dann unter Pichler, mit dem er noch regelmäßig telefoniert.

In den vergangenen Monaten haben sie sich große Sorgen gemacht um Pichler, im September hatte er einen Herzinfarkt beim Radfahren erlitten. Er musste reanimiert werden, lag drei Tage im Koma, nach einer Reha geht es ihm aber wieder gut - und natürlich ist er weiter mit Biathlon verbunden. Im schwedischen Olympia-Komitee, aber auch beim Weltverband IBU: Dort ist er mit dem Aufbau einer Trainerakademie betraut. Für den Nachwuchs hat er ja ein ganz gutes Händchen.

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