Biathlon:Wurde der als Lebemann bekannte IBU-Präsident erpressbar gemacht?

Angesichts der WM-Vergabe an Tjumen drohte Wada-Generalsekretär Olivier Niggli der IBU das Schlimmste an: den Rauswurf aus dem Olymp. Sollte der Beschluss nicht korrigiert werden, werde er die Sache den Hütern des Wada-Codes vorlegen. Ein Schock: Beim Verstoß gegen den Wada-Code stand die Olympiazulassung für alle Biathleten auf dem Spiel. Trotzdem, sagt ein Vorstand, habe Besseberg auf seiner Russland-Position beharrt: "Er sagte, das Ganze sei nur ein Papierkrieg zwischen Wada und IOC, und die IBU sei das Opfer."

Aber auch die Athleten machten nun Druck, über Drohungen und Petitionen. Bei der WM in Hochfilzen 2017 sprang Frankreichs Skijäger Martin Fourcade vom Siegerpodest, als die russische Staffel hinaufkletterte. Das Publikum pfiff die Russen nieder. Die IBU geriet so unter Druck, dass sie die Russen zur Rückgabe der WM aufforderte. Die sperrten sich - also wurde ihnen das Turnier entzogen.

Auch in Deutschland sollten die Geldgeber auf Aufklärung drängen

Am 10. Dezember 2017, berichtet ein Vorstandsmitglied, vollzogen Besseberg und Getreue eine Art Wiedergutmachung: Tjumen bekam das Weltcup-Finale im März 2018. Dieses Votum endete 4:4, Maigurow stimmte nicht ab; Bessebergs Präsidentenvotum gab den Ausschlag. Und wieder stellten sich die Sportler quer. Die deutschen Biathleten opponierten sogar schriftlich gegen das Russland-Finale. Als der IBU-Vorstand bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang tagte, berichtet ein Teilnehmer, sei Resch in eine pikante Rolle geraten: Auf Wunsch einiger Vorstände habe sie den Protestbrief der deutschen Athleten auf Englisch vortragen müssen.

Trotzdem wurde Tjumen erneut knapp bestätigt. Das Weltcup-Finale musste in Russland stattfinden, die IBU ließ alle Kritik abperlen. Resch erzählte der Deutschen Presse-Agentur, dass das Vorstandsvotum pro Tjumen "mit demokratischer Mehrheit getroffen worden" sei. Laut der Agentur soll auch der deutsche Vertreter Pfüller dafür gestimmt haben. Mit diesem prorussischen Freundschaftsakt nahmen Besseberg, Pfüller, Resch und Co. sogar die Spaltung ihrer Sportwelt in Kauf. Dutzende Athleten protestierten, US-Amerikaner und Kanadier, Tschechen und Ukrainer fehlten demonstrativ. Das deutsche Team war dabei, viele sahen sich umständehalber zur Teilnahme gezwungen.

Nun untersuchen Strafbehörden, ob der als Lebemann branchenbekannte Präsident über Geschenke und Gespielinnen gefügig oder gar erpressbar gemacht wurde. So, wie es heute viele im Vertrauen erzählen und wie es im Wada-Dossier dargelegt ist. Ermittelt wird auch, ob die deutsche Vertraute Resch jahrelang russische Dopingsünder gedeckt hat. Nach SZ-Informationen tritt auch Frankreichs Staatsanwaltschaft in Kontakt mit den Österreichern und Norwegern. Die Pariser Behörde ermittelt zur Doping- und Korruptionsaffäre um den Leichtathletik-Weltverband IAAF, im IBU-Skandal vermutet werden nun "exakt dieselben" Muster.

Auch in Deutschland sollten die Geldgeber auf Aufklärung drängen. Es sieht nicht so aus, als sei diese Affäre an allen hochrangigen deutschen Akteuren vorbeigelaufen. Eine Rolle könnte auch noch ein dritter Deutscher spielen, der im Vorjahr über Nacht gekündigt worden ist. Zuvorderst der Deutsche Skiverband sollte klar darlegen, welche Politik sein Vertreter Pfüller all die Zeit betrieben hat - insbesondere gegenüber den deutschen Athleten. Auf wessen Seite stand der Mann mit Vergangenheit im DDR-Staatssport und langjährige IBU-Vizepräsident, zuständig für Marketing: bei Besseberg und Russland - oder auf Seiten all jener Athleten, die sich nach Aktenlage über viele Jahre mit russischen Dopern messen mussten?

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