Biathlon:Professor in Schneekunde

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Biathlon: Mister Staffel: Arnd Peiffer, Spezialist für kurze Strecken, jagt durch den Wald in Jämtland.

Mister Staffel: Arnd Peiffer, Spezialist für kurze Strecken, jagt durch den Wald in Jämtland.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AFP)

Arnd Peiffer ist auch mit 31 Jahren noch Meister der Kunst, mit kleinen Tüfteleien Großes zu erreichen.

Von Saskia Aleythe, Östersund

Es kann leicht passieren, dass man plötzlich mitten drinsteckt: in einem Vortrag über die Beschaffenheit von Schnee. Arnd Peiffer stand im Pressezentrum von Östersund, er hatte gerade die Silbermedaille mit der Mixed-Staffel zum Auftakt dieser Weltmeisterschaft gewonnen, da verfiel er in einen dieser typischen Arnd-Peiffer-Momente. "Es ist eine Schneefeuchte von 16 Prozent", setzte Peiffer an, als er zu den Streckenverhältnissen befragt wurde, und es fehlten dann nur der Zeigestock und eine Tafel mit aufgemaltem Diagramm, als er fortfuhr: "Das heißt, der Schnee bindet nicht. Wenn der Schnee ein bisschen mehr Feuchtigkeit hätte, dann würde sich dieser Marmor bilden und festbinden". Alles klar? Nein? Dann vereinfachte Professor Peiffer: "Würdest du einen Laubsauger nehmen, könntest du den kompletten Schnee von der Strecke pusten."

Warum dieser Mann mit 31 Jahren im Biathlon noch um Siege mitläuft, kann man an solchen Momenten gut ablesen: Sein Sport hat ja nicht nur Belohnungen übrig für diejenigen, die mit jungen Beinen und Unbedarftheit am Schießstand die Medaillen abstauben. Sondern auch für diejenigen, die an den vielen kleinen Dingen tüfteln, um Großes zu erreichen. Kaum einer steht für beide Seiten so sehr wie Peiffer: Mit 23 Jahren wurde er Weltmeister im Sprint von Chanty-Mansijsk, sieben Jahre dauerte es bis zur nächsten Medaille in einem Einzelrennen: bis zum Olympiasieg vor einem Jahr in Pyeongchang, ebenfalls im Sprint. "Ich bin wieder aufgeregt, und es kribbelt schon enorm", hat er nun vor seiner siebten WM gesagt, "wenn das nicht mehr so wäre, ist es an der Zeit, aufzuhören." Und dass das Herz noch für Biathlon schlägt, ist auch unübersehbar, wenn er seine Referate über Schnee hält. Und auf der Strecke.

Als er in der Mixed-Staffel in Östersund in die WM startete, konnte Peiffer schon mal die Konkurrenz beschnuppern: Er ging mit Norwegens Johannes Thingnes Bö in die Loipe, der in diesem Winter zwölf von 18 Rennen gewonnen hat und in der Regel alles in Grund und Boden läuft, Schneebeschaffenheit hin oder her. Nach reiner Laufzeit war Peiffer am Donnerstag am Ende nur 17,7 Sekunden langsamer als Bö. "Ich glaube, ganz schlecht war es nicht", sagte er in gewohntem Understatement, "wir haben scheinbar ein bisschen was richtig gemacht in der Vorbereitung." 17,7 Sekunden - das wäre tatsächlich ein Rückstand, der sich aufholen ließe, falls dem Norweger am Schießstand der Abzugsdaumen zittert. Als Peiffer Olympiasieger wurde, profitierte er ja genau davon und von seiner eigenen Ruhe beim Schießen: Als einer von nur vier Athleten blieb er fehlerfrei mit der Waffe, Bö musste gleich vier Strafrunden laufen.

"Arnold Pfeffer" hat ihn ein Stadionsprecher zu seinen Anfangszeiten mal genannt, den Namen sprechen sie heute alle richtig aus. Er ist ja auch Mister Staffel: Auf 12 WM-Medaillen und zwei Olympia-Medaillen im Team kommt Peiffer zusätzlich zu den Solo-Erfolgen. Dass von denen ausgerechnet der Sprint Peiffer so liegt, kann auch kein Zufall sein. Es ist kein Rennen für große Gesten, Peiffer ist keiner für die große Show. Jeder werkelt für sich im Kampf gegen die Uhr, und wer über die Ziellinie hastet, muss je nach Startnummer lange warten, bis der Letzte seine Zeit in die Ergebnisliste eingetragen hat. In Pyeongchang verbrachte Peiffer viele Minuten im Häuschen für die Führenden, saß ungläubig im Sessel, bis er Gewissheit hatte, dass die Eins neben seinem Namen nicht mehr verschwinden würde. "Ich sehe mich jetzt überhaupt nicht anders", hat Peiffer nach dem Sommer gesagt, der Olympiasieg hat ihn nicht verändert. Es ist halt das Ergebnis guter Arbeit. In der laufenden Saison ist Peiffer der beste Deutsche, liegt nach drei Podiumsplätzen auf Rang acht in der Gesamtwertung.

Biathlon: Arnd Peiffer.

Arnd Peiffer.

(Foto: Eibner)

Peiffer ist Olympiasieger, Benedikt Doll Weltmeister von 2017: Erhöht das die Chancen auf einen deutschen Erfolg am Samstag? "Dafür können wir uns nichts kaufen", sagte Peiffer und lachte. "Ich sag' immer so: 30 Leute haben das Potenzial fürs Podium." Vermutlich hätte er dazu auch noch eine Statistik in der Tasche.

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