Einige Winter sind ins Land gezogen seit der Saison 2007/2008. Wer damals Biathlon im TV einschaltete, durfte sich gewiss sein, dass die deutsche Skijägerschaft triumphiert. Man konnte das deutsche Biathlon-Team seinerzeit als FC Bayern des Weltcups bezeichnen, in folgender Aufstellung: Martina Glagow, Fünfte im Gesamtweltcup, Kathi Wilhelm, Gesamtvierte, Andrea Henkel, Gesamtdritte, und Magdalena Neuner, die wie selbstverständlich den Gesamtweltcup gewann. Team Deutschland, also Frauen und Männer, sammelte in diesem erfolgreichsten Winter der Geschichte 24 Weltcupsiege.
Die TV-Quoten bei Biathlon-Übertragungen sind bis heute stark, das ist die verbliebene Parallele zu damals, denn sportlich ist der Delegation des Deutschen Skiverbands nie weniger geglückt als in dieser olympischen Saison. Zum ersten Mal in der Geschichte steht die Bilanz bei null Weltcupsiegen, neun Podestplätzen – und lediglich Rang fünf in der Nationenwertung der Frauen. Der bisherige Negativrekord lag bei drei Erfolgen 2020/21 und 14 Treppchenplätzen 2013/14. Im Rekordwinter 2006/07 waren es 72.
Der Allgäuer Philipp Nawrath zeigte im letzten Rennen dieser historisch schlechten Saison, beim Massenstart am Holmenkollen in Norwegen, einen starken Auftritt und wurde Zweiter, eine bemerkenswerte Einzelleistung war das. Was sich allerdings zuvor in den Biathlonstadien der Eliteliga ereignet hatte, war nicht mehr zu kaschieren.
„Es geht aus deutscher Sicht in die falsche Richtung“, erklärte zum Abschluss der Sportdirektor Felix Bitterling im ZDF. Bitterling hatte vor längerem bekannt gegeben, seinen Posten an Bernd Eisenbichler zu übergeben. Der Oberbayer kennt das Geschäft, von 2019 bis 2022 bekleidete er diese Funktion bereits beim DSV. Im Trainerteam wurde zudem ein Doppelwechsel verkündet, die beiden Frauen-Coaches Kristian Mehringer und Sverre Olsbu Röiseland hören auf. Auch sie äußerten sich zuletzt kritisch bis selbstkritisch. Der Anspruch sei „ein anderer“, sagte Mehringer. Man müsse sich „Gedanken für die Zukunft machen“. Röiseland meinte, die Mannschaft sei nach dem Rücktritt von Franziska Preuß „noch nicht gut genug“.
Die Aktiven haben „sehr viel Respekt davor, vorbeizuschießen“, stellt Schießtrainer Peter Sendel fest
Auch das ist Teil der Entwicklung im Lieblings-TV-Wintersport der Deutschen: Jene Jahre, in denen Männer wie Frauen durch Mannschaftsstärke überzeugten, als stets drei oder vier deutsche Starter in der Lage waren, ein Rennen gewinnen zu können, sind lange vorbei. In den vergangenen zehn Jahren überschminkten noch Ausnahmekönner die Bilanz, wie eben Preuß, Denise Herrmann-Wick, Erik Lesser, Arnd Peiffer oder die im Sommer 2025 verstorbene Laura Dahlmeier.
Erklärungsansätze kann man im Kleinen wie im Großen finden. Läuferisch gibt es zwar Lichtblicke, etwa die junge Julia Tannheimer, in der finalen Verfolgung von Oslo war sie Laufschnellste der Weltelite. Kernproblem aber ist der Schießstand, zuvorderst das Stehendschießen, eine Konstante dieses Winters: niedrigere Trefferquoten und längere Schießzeiten als etwa bei der Konkurrenz aus Frankreich, Norwegen, Schweden oder Italien. Die Athleten des DSV „haben sehr viel Respekt davor, vorbeizuschießen“, sagte DSV-Schießtrainer Peter Sendel. Den anderen Teams käme ihre Geschlossenheit entgegen: „Wenn immer einer aus der eigenen Mannschaft gewinnt, gibt das natürlich eine gewisse Sicherheit.“
In der Breite liegt die Kraft, dies haben so manche als deutsche Schwäche ausgemacht, wenn es um Langlaufen und Scheibenschießen geht, etwa der achtmalige Olympiasieger Ole Einar Björndalen aus Norwegen. „Der Nachwuchs in Deutschland ist nicht gut genug“, sagte der 52-Jährige unlängst im Gespräch mit der SZ: „Die Deutschen müssten da viel härter arbeiten, es muss eine Verbindung geben von jungem Alter zu den Schulen, den Sportschulen zu den B-Teams und zum Nationalteam.“ Deutschland sei „ein großes Land, aber sie haben keine große Breite im Nachwuchs“. Er empfehle, sich „viel mehr darum zu bemühen, junge Leute an den Biathlonsport heranzuführen“. Björndalens Landsmann Johannes Thingnes Bö, fünfmaliger Olympiasieger, sieht die deutschen Probleme zudem im Trainingssystem. Er sagt: „Möglicherweise wäre es eine Idee, gemeinsame Trainingscamps mit diesen Nationen abzuhalten und dadurch Wissen zu teilen. Das wäre ein guter Start.“


