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Biathlon:Wut und Trotz in Hochfilzen

14.12.2019, Biathlonarena, Hochfilzen, AUT, IBU Weltcup Biathlon, Staffel, Damen, im Bild Vanessa Hinz (GER) // Vanessa; Hinz

Lieferte ein starkes Verfolgungsrennen: Vanessa Hinz.

(Foto: imago images/Eibner Europa)
  • Am letzten Wettkampftag in Hochfilzen stemmen sich die deutschen Biathleten gegen ihre Krise.
  • Vor allem die Herren-Staffel zeigt mit einem zweiten Platz eine starke Leistung.
  • Weitere Entwicklungen sind jedoch nötig: Abgesehen von Vanessa Hinz haben die deutschen Frauen noch keine Fortschritte gezeigt.

Die Sonne stand wieder am Himmel, unten glitzerte der Schnee. Die Zuschauer, viele Österreicher und Deutsche, darunter auch eine Gruppe aus Schliersee in Oberbayern, standen an der Biathlonstrecke von Hochfilzen Spalier. Die Luft war angenehm, die Piste hart, die Ski gut präpariert, und der Wind am Schießstand angenehm lau. Es waren Bedingungen für ein Rennen zum Genießen. Und genau das tat Vanessa Hinz aus Schliersee am Sonntag, trotz der aktuell düsteren Zeiten im deutschen Biathlon.

Trotz des Team-Prinzips und der Eingliederung ins gemeinsame Interesse sind auch im Biathlon alle Sportler individuelle Charaktere, die mit Krisensymptomen unterschiedlich umgehen. Die einen brauchen Zuspruch, anderen hilft eine Ruckrede vom Chef. Hinz geht in die Offensive.

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Nur Platz zwölf, so schlecht wie noch nie: Die deutschen Biathletinnen hadern mit dem Staffel-Ergebnis von Hochfilzen. Besonders Denise Herrmann ist fassungslos.

Ihr Team hatte zuletzt, wie das der Männer, einen der düstersten Weltcup-Starts überhaupt hingelegt, und weil auch im schönen Hochfilzen die Abwärtstendenz nach zwei Tagen anhielt, ließ sie am Mikrofon der ARD mal Dampf ab. Vom "Draufhauen" werde man sicher nicht schneller, sagte Hinz nach Platz zwölf mit der Staffel, ferner reiße man sich "ja eh, Entschuldigung, den Arsch auf", das ganze Jahr über. Am Willen liege es also nicht. Hinz kochte innerlich, ging am nächsten Morgen ins Verfolgungsrennen und zeigte einen der besten Wettkämpfe ihres Lebens.

Von Rang 42 nach dem Sprint lief sie auf Platz zwölf vor, eine Leistung, mit der sie zeigen wollte, dass das gesamte Team noch lebt, und mit der sie wohl auch die Männerstaffel angesteckt hatte. Die schaffte im Anschluss das, wonach das malade deutsche Biathlon lechzte: Platz zwei, endlich den zweiten Podestplatz der Saison, erst auf der Ziellinie von Norwegen geschlagen. Als gäbe es keine Krise, absolvierten Philipp Horn, Johannes Kühn, Arnd Peiffer und Benedikt Doll ein nahezu fehlerfreies Staffelrennen mit nur sechs Nachladern.

"Ich hab's einfach laufen lassen"

Aber begonnen hatte die Wiedererweckung mit Hinz' Auftritt drei Stunden zuvor: 30 Positionen hatte sie gut gemacht, weshalb sie, denkt man sich den gewaltigen Sprintrückstand weg, fast aufs Podest gekommen wäre. Klar, den Rückstand wegdenken, das darf man natürlich nicht, sonst hieße es ja nicht Verfolger. Andererseits sind Psychotricks erlaubt in Zeiten, in denen der Teufelskreis aus Fehlschüssen, Verkrampfung, Versagensangst und wiederum Fehlschüssen durchbrochen werden muss. Hinz machte das so: "Ich dachte mir diesmal nicht: Ich muss! Ich muss! Sondern ich hab's einfach laufen lassen."

Ihre Skier taten, was sie wollte, sie liefen. Beim ersten Schießen wartete man vergeblich auf einen Fehler, beim zweiten zunächst auch. Erst im letzten Schuss patzte sie, doch statt nun wieder hoffnungslos zurückzufallen, wie es der Abwärtstrend eigentlich vorsieht, blieb Hinz stabil, genoss den Tag und arbeitete sich weiter nach vorne. Die beiden Stehendschießen wurden dann zur großen Freude, bei dem das Publikum auch einer aus dem Mittelfeld zujubelte: Fünf Schuss, fünf Treffer in Schießen drei und dasselbe noch mal im vierten Anschlag, Hinz brauste beflügelt ins Ziel.

Die 27-Jährige hatte für sich den Trend umgestülpt. Sie hatte ihre Wut über die Mechanismen der Krise rausgelassen, das Rennen genossen und sich mit kleinen Erfolgserlebnissen selbst motiviert. Und auch wenn dieses Rennen nur ein erster Baustein ist für den Wiederaufbau der Mannschaftsform, so können sich alle Niedergeschlagenen daran orientieren. Der Satz "Ihr könnt es doch eigentlich!", den Biathleten gerade öfters hören, ist vielleicht doch keine leere Phrase.

Denise Herrmann war völlig von der Rolle

Weitere Bausteine sind nötig. Abgesehen von Hinz zeigten die deutschen Frauen in Hochfilzen noch keine Fortschritte. Vor allem Denise Herrmann war von der Rolle, die Weltmeisterin brachte ein schwarzes Wochenende hinter sich. Nach drei Fehlern im Sprint und drei Strafrunden in der Staffel musste sie im Verfolgungsrennen sieben Mal extra kreisen - ihr Auftritt wirkte wie der Gegenentwurf zu jenem Genuss, den Hinz erlebt hatte; wie zunehmende Verkrampfung. Ihr Freitagsrennen bezeichnete sie als "ziemliche Katastrophe", das am Samstag als eines, das "meine Oma besser gemacht hätte", das gesamte Wochenende als "zum Vergessen".

Noch ist die individuelle Verunsicherung also präsent, auch weil Franziska Preuß gesundheitlich angeschlagen aus Hochfilzen abreisen musste. Franziska Hildebrand zeigte wie Hinz ein gutes Schießen, vergeudete aber in der Loipe zu viel Zeit. Bei den Männern lief Erik Lesser wegen Halsschmerzen nicht in der Staffel, Simon Schempp nimmt ohnehin noch eine Auszeit vom Wettkampf. Und doch setzte der Rest des Männerteams das fort, was Hinz am Vormittag begonnen hatte. Erst Ersatzmann Horn, dann Kühn, dann Peiffer, dann Doll: Das Selbstbewusstsein wuchs von Runde zu Runde.

Vielleicht ist es nun nicht mehr nötig, dass sich das Biathlon-Management vors Team stellt. Frauen-Trainer Kristian Mehringer hatte bis zuletzt erklärt, die Athleten müssten "die Lockerheit wiederbekommen", und auch Bernd Eisenbichler, der Sportliche Leiter, wiederholte: "Es geht darum, sich jetzt peu à peu an Platzierungen heranzuarbeiten, die akzeptabel sind."

Für die Lockerheit, das zeigte das Wochenende, kann es nicht schaden, wenn eine mal den Kopf in den Wind hält - und nicht nur den Skiern, sondern auch ihrem Ärger freien Lauf lässt, und hinterher einen Gruß an die Kollegen richtet. Vanessa Hinz erklärte nämlich : "Das, was ich kann, das kann das ganze Team auch."

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