BiathlonEin Brief erzeugt das nächste Gewitter

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Bieten Stoff für einen Groschenroman: Julia Simon (links) und Justine Braisaz-Bouchet am Freitag in Hochfilzen.
Bieten Stoff für einen Groschenroman: Julia Simon (links) und Justine Braisaz-Bouchet am Freitag in Hochfilzen. (Foto: Pierre Teyssot/MaxPPP/Imago)
  • Ein offener Brief wirft Martin Fourcade vor, sich für die Rückkehr russischer Biathleten ins internationale Renngeschehen einzusetzen.
  • Julia Simon kehrt nach ihrer Sperre wegen Kreditkartenbetrugs beim Weltcup in Hochfilzen zurück und wird 19. im Sprint.
  • Philipp Horn holt als Dritter im Sprint das erste deutsche Podestergebnis der Saison nach enttäuschenden ersten Wochen.
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Das französische Biathlon-Team bleibt in Aufruhr: Julia Simon kehrt nach ihrer Sperre zurück, der Verband hüllt sich in Schweigen – und nun bekommt auch noch Olympiasieger Martin Fourcade Gegenwind.

Von Korbinian Eisenberger, Hochfilzen

Die Aussichten im Pillerseetal könnten kaum prächtiger sein, das Biathlonstadion von Hochfilzen erstrahlt im Lichte – und Lisa Theresa Hauser jubelt schon vor dem Start von den österreichischen Titelseiten. In Tirol empfinden sie allerlei Anlass für Kuhglockengebimmel, weil der Tirolerin bei ihrem Heimrennen seriöse Siegchancen zuzutrauen sind. Es könnte alles so leiwand sein. Doch am Biathlon-Horizont, da lauern die Gewitter.

Für Kapriolen im Kosmos der Skijäger zeigt sich seit Längerem der französische Verband zuständig: Die Kreditkartenaffäre rund um Julia Simon, die angebliche Gewehrsabotage durch Jeanne Richard, der Frust des französischen Cheftrainers – das reicht schon für einen Groschenroman. Doch kaum betritt man am Freitagmorgen das Stadion von Hochfilzen, flattert die nächste Malaise ums Eck. In der Schusslinie steht diesmal: Martin Fourcade, zu aktiven Zeiten einer der Erfolgreichsten seiner Zunft.

Biathlon
:Die Französinnen bieten ein Drama nach dem anderen

Erst flog Julia Simon in der Kreditkartenaffäre auf, nun soll Jeanne Richard versucht haben, das Sportgewehr einer Kollegin zu manipulieren: Frankreichs Biathletinnen halten die Szene in Atem.

Von Korbinian Eisenberger

Ein offener Brief an den 37-Jährigen äußert den Vorwurf, dass er sich aktiv dafür einsetze, russische Biathleten ins internationale Renngeschehen zurückzuholen – so wie in anderen Sportarten gerade auffällig viel im Sinne der russischen Rückkehrer läuft. Hinter dem Schriftstück steckt der Verein Athletes for Ukraine aus Traunstein unweit des oberbayerischen Biathlonstandorts Ruhpolding, dem Heimatdorf des Spitzentrainers Wolfgang Pichler. Pichler verteilt das Papier in Hochfilzen mit der Kritik an Fourcade samt Begründung, dass es „keine neutralen Athleten in Russland“ gebe, „mit Ausnahme von vielleicht Tennis- oder Fußballspielern“. Alle anderen Profisportler seien „von einer staatlichen Behörde Russlands angestellt – sehr viele beim Militär“.

Hintergrund ist, dass acht russische Biathleten und Para-Biathleten zuvor einen Antrag auf ein Schiedsverfahren gestellt hatten. Die IBU teilt am Freitag mit, man halte daran fest, den russischen Verband „und seine Athleten zu suspendieren“, diese Entscheidung sei „auf soliden rechtlichen Grundlagen getroffen“ worden. Fourcade hatte unlängst zum Thema gesprochen und war damit in ukrainischen Medien zitiert worden. Die Verfasser des Briefs an Fourcade gehen offenbar davon aus, dass er sich in höherem Maße mit der Begnadigung russischer Biathleten einsetzen wolle. Das Papier von Athletes for Ukraine, unterzeichnet vom ersten Vorsitzenden Jens Steinigen, endet mit dem Angebot an Fourcade, die Ukraine zu besuchen und dem Verein beizutreten. Fourcade äußert sich in Hochfilzen auf Nachfrage selbst. Er habe „nicht angeboten, als Mediator zu fungieren, sondern den Kontakt herzustellen und eine Dialogaufnahme zu unterstützen“, so Fourcade am Freitag, „in meiner Rolle als Mitglied der IOC-Athletenkommission“.

„Einfach nur genial, dass es jetzt geklappt hat“, sagt Philipp Horn zu seinem Podestplatz

Sportlich wird der Freitag von Hochfilzen als jener Tag in Erinnerung bleiben, da ein italienisch-deutsch-französisches Männertrio die scheinbar unbezwingbare norwegische Skijäger-Phalanx überboten hat. Tommaso Giacomel aus Italien holte sich im Sprint den Sieg vor Eric Perrot (Frankreich) und Philipp Horn. In den zehn Wettkämpfen zum Auftakt im schwedischen Östersund war den deutschen Skijägern kein Top-Drei-Ergebnis geglückt, der Thüringer Horn brach den Bann, dank starker Laufleistung und hundertprozentiger Trefferquote. „Die ersten zwei Wochen ganz ohne Podium auch in den Staffeln waren schon ein bisschen enttäuschend“, sagte Horn im Ziel: „Einfach nur genial, dass es jetzt geklappt hat.“

Der deutsche Biathlet Philipp Horn landet in Hochfilzen auf dem Podest.
Der deutsche Biathlet Philipp Horn landet in Hochfilzen auf dem Podest. (Foto: Jasmin Walter/Getty Images)

Sportliche Erfolge kommentiert man lieber als Gerichtsprozesse oder interne Machtkämpfe. Über dem Sprint der Frauen am späteren Nachmittag waberten Fragen zu den Nebenschauplätzen: Wurde das Sportgewehr von Océane Michelon tatsächlich von einer Teamkollegin manipuliert? Stimmt es, dass Jeanne Richard dabei in flagranti von Justine Braisaz-Bouchet erwischt wurde? Also von jener Weltklassebiathletin, deren Kreditkartendaten von Simon für Interneteinkäufe gestohlen worden war? Simon war deswegen vom eigenen Verband für die Wettkämpfe von Östersund gesperrt worden. Beim Sprint von Hochfilzen durfte sie erstmals wieder starten. Aber geht das so einfach?

Im Ziel lag Simon auf Rang 19, mit einem Schießfehler und vier Sekunden Rückstand auf Braisaz-Bouchet, die 15. vor Teamkollegin Richard als 16. wurde. Und die zehnmalige Weltmeisterin, wie meist in kurzen Ärmeln unterwegs, wirkte im Ziel fast schon gelöst. Sie habe die vergangenen Wochen genutzt, um allein zu trainieren, bei ihr Zuhause liege viel Schnee. „Ich fühle mich selbstbewusst und scharf“, sagte sie. Ein Aufpasser begleitete Simon in der Interviewzone, Fragen zur Teamchemie? Tabu. Den Sieg holte sich jene Frau, die in all den französischen Skandalen fehlt: Lou Jeanmonnot gewann vor Maren Kirkeeide aus Norwegen und der Schwedin Anna Magnusson. Vanessa Voigt als Siebte und Anna Weidel als Achte zeigten fehlerfreie Vorstellungen fürs deutsche Team.

Seit nunmehr zwei Jahren treiben die Fehden im französischen Frauenteam die Biathlonwelt um. Und die Beteiligten, in welchen Rollen auch immer, sind nicht zu beneiden. Da schindet man sich durch ein Weltcuprennen, schneidet respektabel ab, und doch diskutiert die Szene über immer gleiche Fragen fernab des Sports. Relevante Fragen, weil Spitzensportlerinnen auch eine Art Vorbild verkörpern. Der französische Biathlonverband könnte die Athletinnen aus der medialen Schusslinie nehmen, etwa eine Presserunde einberufen, das Thema abhandeln und Fragen so gut es geht beantworten. Dies sieht der Verband anders, er hüllt sich in Schweigen. Und so grollt der Donner weiter vor sich hin.

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