Biathlon:Hey Bruder, was geht

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Biathlon: Johannes Thingnes Bö (rechts) und sein Bruder Tarjei Bö bejubeln ihre Medaillen im Sprintrennen.

Johannes Thingnes Bö (rechts) und sein Bruder Tarjei Bö bejubeln ihre Medaillen im Sprintrennen.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

"Biathlon ist einfach im Vergleich zu den Kämpfen, die wir miteinander hatten": Die Norweger Tarjei und Johannes Thingnes Bö führen ihre Erfolge in Peking insbesondere auf ihre Familienkonstellation zurück.

Von Saskia Aleythe, Zhangjiakou

Tarjei Bö schloss die Augen und streckte die Nase Richtung Himmel, diesen Moment musste er jetzt genießen. In seinem Arm sein kleiner Bruder, beide standen sie zusammen auf dem Treppchen, das zu ihren Ehren ja auch im Weltcup schon das eine oder andere Mal umbenannt wurde: Das Podium wurde dann zum "Bödium", wenn die Bös unter den Besten ihr Rennen beendeten. Und nun also, Samstagabend in Zhangjiakou: Da hatte sich Johannes Thingnes Bö, der kleinere, die Goldmedaille im Sprint gesichert, Bronze ging an Tarjei Bö, es war nach all den Staffelerfolgen ihr größter Familienmoment.

Man konnte das vorher berechtigterweise als Mysterium bezeichnen, dass es Tarjei Bö in mehr als einer Dekade im Theater der Besten zwar zu einer beeindruckenden Kollektion an WM-Plaketten gebracht hatte (21, sieben außerhalb der Staffeln), ihm bei Olympia das Glück in den Solo-Rennen aber immer verwehrt geblieben war. "Es bedeutet mir alles", sagte der 33-Jährige nun in Zhangjiakou. Und meinte auch, dass er diesen Moment mit jemandem teilen konnte, der ihn so gut versteht, wie es sein Bruder eben tut.

Nur wegen Tarjei hatte Johannes, 28, überhaupt mit dem Biathlon angefangen, das betonte er jetzt nochmal, als er auf dem Pressepodium saß. "Er ist der Grund, warum ich hier sitze", sagte Johannes, reibungslos lief es aber nicht immer zwischen ihnen ab. "Biathlon ist einfach im Vergleich zu den Kämpfen, die wir miteinander hatten", sagte er, halb im Scherz, "deswegen kann ich so schnell rennen, weil wir so oft gegeneinander gekämpft haben." Aber die Zeit liegt hinter ihnen, die Bronzemedaille sei wie Gold für seinen Bruder, "ich bin stolzer auf ihn als auf mich selbst".

"Wenn ich Zweifel habe, ist immer er derjenige, zu dem ich gehe", sagte Tarjei

Tarjei war 2010 schon Staffel-Olympiasieger in Vancouver geworden, hatte 2011 die Gesamtwertung im Weltcup gewonnen - mit 22 Jahren, so jung war vor ihm niemand. "Mein Ziel war es, so viel wie möglich zu gewinnen, bevor er erwachsen ist", sagte Tarjei über Johannes, er hatte schon im Gefühl, dass der jüngere ihn überholen würde. So kam es dann auch, Tarjeis letztes Ziel in China: endlich diese Solo-Medaille bei Olympischen Spielen zu ergattern. Es sind seine letzten, für Bö lief nun ein Countdown ab: Vier Chancen hatte er nur noch, sich seinen Traum zu erfüllen.

Die erste, das Einzel am Dienstag, verstrich, da wurde Tarjei Bö Achter. Er schoss zwar nur einen Fehler, war aber auf der Loipe so langsam unterwegs wie fast die ganze Saison nicht. Ganze 2:08 Minuten trennten ihn auf 20 Kilometern von Quentin Fillon Maillet, dem Schnellsten. "Nach dem Einzel war ich ganz unten", sagte er nun, auch in solchen Momenten hilft ihm der Kontakt zu seinem Bruder. "Wenn ich Zweifel habe, ist immer er derjenige, zu dem ich gehe", sagte Tarjei, "weil er mich gut kennt, sein Leben ist dasselbe. Er hat den besten Blick auf meine Probleme. Ich denke, das macht uns stärker."

2018 bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang war er in der Verfolgung schon mal ganz nah dran an einer Medaille, doch dann unterliefen ihm beim letzten Schießen zwei Fehler, Bö wurde Vierter. Und nun: Platz drei im Sprintrennen, 1,7 Sekunden vor dem Russen Maxim Zwetkow.

Bei der Verfolgung am Sonntag setzte sich der Franzose Quentin Fillon Maillet durch

Am vergangenen Samstag mussten sich die Bö-Bruder beim Jubeln über Gold mit der Mixed-Staffel noch zusammenreißen, durften sich nur mit Maske umarmen: Johannes galt als Kontaktperson einer positiv auf Corona getesteten Person, er musste sich isolieren und allein trainieren. Am Montag endete der Ausnahmezustand, abgebracht von seinen eigenen Zielen hat die Angelegenheit den Jüngeren nicht: Auf der Strecke in Zhangjiakou lief er im Sprint schneller als alle anderen, Silber-Gewinner Fillon Maillet kam in der Laufzeit nur bis auf 26,9 Sekunden an ihn heran. Als die Maskottchen zur Ehrung verteilt wurden, verneigte sich Fillon Maillet vor den Bö-Brüdern, umgekehrt hat man das auch schon gesehen in dieser Saison. Der Franzose ist ja der Mann, der die Gesamtwertung anführt. Und nun auch bei Olympia abräumt, vier Medaillen in vier Rennen.

Die Verfolgung am Sonntag brachte Tarjei Bö dann gleich den nächsten Erfolg ein, jetzt scheint es zu laufen für ihn mit Olympia: Mit Silber konnte er sich sogar nochmal steigern. Und seinen Bruder übertrumpfen, den es verweht hatte beim dritten Besuch am Schießstand. Da war Johannes in Führung liegend angekommen, der Wind blies heftig, Bö wartete, aber nicht lange genug - drei Fehler. Sieben Strafrunden kreiselte er insgesamt, am Ende nur Platz fünf beim nächsten Sieg vom fehlerfreien Fillon Maillet, der besser klarkam. Tarjei Bö schaffte es mit nur einem Patzer durchs Rennen, "ich bin so ruhig am Schießstand", sagte er, "diese Situation hatte ich noch nie, dass die Scheiben fast von alleine fallen". Auf der Schlussrunde jagte er noch an Eduard Latypow vorbei, auch weil er nach dem letzten Schießen von Johannes angefeuert wurde. Der jüngere musste selber in die Strafrunde abbiegen, da rief er Tarjei noch schnell zu: "Den kriegst du noch!"

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