Biathlon im OlympiaparkAls die Jäger den Wald verließen

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Biathleten am Olympiasee? Ja, tatsächlich. Die Saisoneröffnung des Biathlon-Weltverbandes fand im Olympiapark statt. Und viele Zuschauer kamen.
Biathleten am Olympiasee? Ja, tatsächlich. Die Saisoneröffnung des Biathlon-Weltverbandes fand im Olympiapark statt. Und viele Zuschauer kamen. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Wie gut kommt Wintersport ohne Schnee beim Publikum an?  Beim Loop One Festival im Münchner Olympiapark wagen die weltbesten Biathleten das Experiment. Über einen Tag am See.

Von Korbinian Eisenberger, München

Der Weg hinaus führt vorbei am Kernelement dieser Sportart, am Wasser, nur dass es hier ganz unverfroren in einem Schwimmbecken seinen Dunst verbreitet. Auf ihrem Fußmarsch zum Start- und Zielort müssen die Biathletinnen und Biathleten genau hier vorbei, also durch die Olympiaschwimmhalle, wo sie das Wasser links liegen lassen. Unten ziehen die Münchner wie einst Mark Spitz ihre Bahnen, oben hasten Menschen mit Skistöcken und Skirucksäcken vorbei. Nur dass eben keine Skier drinstecken, sondern Skirollerskates. So beginnt dieser Tag, als die Jäger den Wald verließen, um sich in neuen Gefilden einzunisten.

Sonntagmittag, Olympiapark München, der Oktober präsentiert sich in Galaform. Fast sommerlich brennt die Sonne über der Stadt, als wolle das Gestirn den Gestalten da unten eine Botschaft senden: Wer braucht schon gefrorenes Wasser, ihr habt doch mich!

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Wintersport ohne Schnee? Schon der Gedanke gilt mindestens in der Profiszene als verwerflich. Als würde man Markus Söder eine vegane Leberkässemmel servieren. So gesehen ist es ein mutiges Experiment, das sich der Biathlon-Weltverband IBU vorgenommen hat: Die weltbesten Skijägerinnen und Skijäger aus den finsteren, aber nicht mehr ganz so verschneiten Wäldern von Ruhpolding oder Nove Mesto nach München zu holen. Also an einen urbanen Ort, der in diesen Tagen von Winterambiente so weit entfernt ist wie der TSV 1860 München von der Champions League. Geht das gut? Und falls ja: wie gut?

Für den neuen Biathlonstandort hat sich der Weltverband auch ein neues Format überlegt. Beim Supersprint liegt der Fokus noch mehr als sonst im Biathlon auf Rasanz und Spannung. Knapp 60 Männer und 60 Frauen treten in jeweils vier Vorläufen gegeneinander an. Die 1,8 Kilometer lange Strecke führt zwischen unzähligen Fressbuden, Biergärten und Ständen um den Olympiasee, zwischen kleiner und großer Olympiahalle ist eine voll besetzte Tribüne für 9000 Zuschauer aufgebaut. Gut 40 000 haben sich der IBU zufolge zudem rund um den See und auf dem Olympiaberg versammelt. Geskatet werden drei Runden (im Finale fünf Runden), geschossen wird je einmal liegend und stehend über den See (im Finale je zweimal), wo die Veranstalter einen Schießstand auf dem Wasser errichtet haben. Die Strafrunde für Fehlschüsse vor der Haupttribüne ist 60 Meter lang, also ähnlich wie die Strecke deutlich kürzer als sonst im Biathlon. Und dann ertönt der Startschuss.

Fühlt sich das wie Wintersport an? Nun, da einige im T-Shirt am Streckenrand stehen? Es sind immerhin vereinzelte Kuhglocken und Ratschen zu hören, etwas weniger Flaggen als sonst ragen aus dem Publikum. Und weit und breit kein norwegischer Schlachtenbummler mit Wikingerkostüm und Glühweinfahne. Statt aus Bechern wird den Gästen das Bier in Glaskrügen gereicht. Wahlweise im kleineren Gefäß oder standesgemäß im Masskrug. Die Variante aus Doornkaat, Zitronenlimo und Vanilleeis sucht man hier konsequenterweise vergeblich. Besser bekannt als: Schneemass.

Die 50 000 machen Dampf, so dass es fürs deutsche Team auch sportlich läuft. Franziska Preuß, die Gesamtweltcupsiegerin des Vorwinters, hatte ihren Start wegen einer hartnäckigen Handverletzung kurzfristig abgesagt. Von den vier deutschen Männern erreichen Justus Strelow und Lucas Fratzscher das Finale, Strelow wird Gesamtdritter (hinter Sieger Eric Perrot aus Frankreich und Isak Frey aus Norwegen), Fratzschner landet auf Rang zwölf. Anna Weidel erreicht als einzige von vier deutschen Frauen als Vorlaufdritte das Finale und wird Tagesvierte (hinter Lisa Vittozzi aus Italien und den beiden Schwedinnen Johanna Skottheim und Anna Magnusson). Janina Hettich-Walz scheidet als Vorlauffünfte knapp aus, gibt aber nach ihrer Babypause ihr Comebackrennen, ehe Stadionsprecher Stefan Steinacher das Publikum zu einem Sonderapplaus für die Mama ermuntert. Spätestens jetzt, da die altbekannte Stimme des Fieberbrunners durch die Lautsprecher schallt, fühlt es sich fast ein wenig an wie mitten in Tirol. Zum Dahinschmelzen.

Darum geht es natürlich nicht zuletzt, auch wenn die IBU selbst nicht von einer Reaktion auf den Klimawandel samt zunehmendem Schneemangel spricht. Intention des auch für die kommenden beiden Jahre geplanten „Loop One Festival“ im Münchner Olympiapark sei vor allem, auch jüngere Menschen für den Biathlonsport zu begeistern. Zwar ist der Mix aus Skilanglauf und Scheibenschießen seit Jahren der beliebteste TV-Wintersport der Deutschen. Beim jüngeren Publikum spielt er in Zeiten von Instagram, Tiktok und Twitch aber eine ähnlich wichtige Rolle wie die Tagesthemen und Bares für Rares. Das sieht man auch in München, wo die Gen Z eher unterrepräsentiert ist.

Die Ausbeute für die Athleten ist vor allem: ein riesiges Publikum und Sonnengenuss. Weltcuppunkte werden beim Loop One Festival zumindest in diesem Jahr nicht verteilt. Anders als etwa beim City Event, als der Skiweltverband 2011 und 2013 zweimal einen Parallelslalom-Ausscheidungsweltcup am Münchner Olympiaberg veranstaltete, mithilfe einer Armada an Schneekanonen. Doch Biathlon kann ohne.

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