Friedhelm Julius Beucher:Der etwas andere Sportfunktionär

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Paralympics Tokio 2020 am 25.08.2021 Tag (1) OONO (IZU-SHI), JAPAN - AUGUST 25: Friedhelm Julius Beucher, Präsident des; Friedhelm Julius Beucher

Mit Deutschlandflagge in Tokio auf der Tribüne: Friedhelm Julius Beucher.

(Foto: Oliver Kremer/Imago/Beautiful Sports)

Er lehnt Einladungen von Putin ab und streitet für seine Athleten: Seit zwölf Jahren ist Friedhelm Julius Beucher, 75, Präsident des Deutschen Behindertensportverbands. Über einen, von dem sich viele Sportler gut vertreten fühlen.

Von Sebastian Fischer

Ein gutes Beispiel ist immer noch die Geschichte mit dem Pool. Es war kurz nach Mitternacht im Deutschen Haus bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016, der Speerwerfer Mathias Mester feierte in seinen Geburtstag hinein und hatte von Friedhelm Julius Beucher, dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), gerade eine Torte geschenkt bekommen - da sprangen sie gemeinsam ins Wasser: der Athlet und der Funktionär.

Das Besondere an dieser Szene vor fünf Jahren zeigen vielleicht am anschaulichsten ein paar gewagte Vergleiche: Könnte man sich deutsche Fußballer im Schwimmbecken mit den DFB-Interimspräsidenten Rainer Koch und Peter Peters vorstellen? Oder Olympiasieger beim lockeren Feiern mit Alfons Hörmann, dem noch ein paar Tage lang mächtigsten Menschen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)?

Vakante Funktionärsposten sind gerade ein großes Thema im deutschen Sport, da der Dachverband DOSB und der mitgliederstärkste Fachverband DFB neues Spitzenpersonal suchen, weil sich das alte auf verschiedene, aber jeweils deutliche Weise als nicht mehr geeignet herausgestellt hat. Im Vergleich dazu ist es durchaus bemerkenswert, dass an diesem Wochenende der - natürlich deutlich kleinere - DBS auf seinem Verbandstag seinen Präsidenten konkurrenzlos wiedergewählt hat, der seit 2009 im Amt ist und im Sommer 75 Jahre alt geworden ist. Der Geburtstag war ein weiteres Beispiel für das Ansehen von Beucher: Aktuelle und ehemalige Athletinnen und Athleten nahmen ein Video mit herzlichen Grüßen auf.

Man erreicht Beucher unter der Woche am Telefon im Zug, unterwegs aus Berlin zu einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht nahe Köln im Oberbergischen Kreis - dort sitzt er für die SPD im Kreistag. Am Abend vorher wurden in der Hauptstadt die deutschen Paralympics-Medaillengewinner von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geehrt. Und morgens war Beucher bei einem Treffen mit Menschenrechtsorganisationen, wegen der Paralympics 2022 in Peking. Er habe zugesagt, sich anlässlich der Spiele kritisch zur Situation im Land zu äußern, erzählt er.

Es wäre nicht das erste Mal: Bei den Paralympics in Sotschi 2014 schlug er eine Einladung von Wladimir Putin aus. "Ich kann nicht auf der einen Seite Herrn Putins Säbelrasseln auf der Krim kritisieren, mich über die ständigen Menschenrechtsverletzungen in Russland aufregen und dann zu Herrn Putin hingehen, zum Mittagessen einladen lassen, ihm die Hand schütteln und womöglich noch den Dank entgegen nehmen, dass wir hier mit unserem Team nach Russland gekommen sind", sagte er damals. Spätestens damit unterschied er sich wohl von einigen seiner Funktionärskollegen.

Wenn man Beucher fragt, warum er weitermacht, sagt er zum Beispiel: Würde er behaupten, nicht mehr fit zu sein, glaube ihm das ja ohnehin niemand. Er folge "vielen Bitten", nicht aufzuhören, er sei "nicht amtsmüde". Und außerdem gebe es ja viel zu tun. Er ist dann schnell im Thema: Nachwuchsförderung, mehr Angebote für Menschen mit Behinderung in Regelsportvereinen, mehr barrierefreie Sportstätten, Reformen im Verband. Der Para-Sport ist besonders betroffen von der Pandemie, rund 15 Prozent beträgt der Mitgliederrückgang im DBS. 55 Prozent der Menschen mit Behinderung in Deutschland hatten schon vor Corona laut Teilhabebericht der Bundesregierung angegeben, keinen Sport zu treiben.

"Ich würde behaupten, es gibt keinen anderen Präsidenten mit so einem großen Zuspruch"

Die Entwicklung im deutschen Behindertensport vor der Pandemie war jedoch eher eine positive: mehr Professionalisierung, mehr finanzielle Förderung, mehr mediale Aufmerksamkeit. Und wenn es um die Gründe dafür geht, spielt oft der Name Beucher eine Rolle. "Ich würde behaupten, es gibt keinen anderen Präsidenten mit so einem großen Zuspruch", sagt der Kugelstoßer Niko Kappel, Paralympics-Bronzemedaillengewinner in Tokio. Er lobt Beuchers Nähe zu den Athleten, der Präsident melde sich immer, wenn er in der Gegend sei. Und Kappel, 26 und selbst Gemeinderatspolitiker (für die CDU) in Baden-Württemberg, lobt Beuchers Netzwerk sowie die Hartnäckigkeit im Streiten für Sport und Sportler. Klingt simpel: "Das ist ja genau das, was Funktionäre tun sollen." Beucher weiß durchaus, wie die Sportpolitik funktioniert und welche Härten es dazu braucht - auf und hinter der Bühne.

Sein Einsatz für den Para-Sport nahm seinen Anfang bei den Paralympics 1992 in Barcelona, die er als Mitglied des Sportausschusses im Bundestag mit Ruth Fuchs von der PDS besuchte ("sonst wollte da keiner hin, die wollten alle zu Olympia"). So sehr ihn die Leistungen faszinierten, so sehr habe er sich geärgert, als ihm seine Frau später erzählte, dass im Fernsehen kaum etwas von den Paralympics gezeigt wurde. Er nahm sich vor, das zu ändern.

Bevor er 2009 zum DBS-Präsidenten gewählt wurde, war er bis zur Rente Rektor einer integrativen Schule. Vor allem aber war er immer Politiker, SPD-Chef in seiner Heimatstadt Bergneustadt wurde er schon mit 29. Von 1990 bis 2002 saß er im Bundestag, von 1998 an als Vorsitzender im Sportausschuss. Es sei faszinierend, mit Beucher unterwegs zu sein, sagt Kappel: Ständig kenne er irgendwo jemanden.

Dass öffentlich Kritik an der Verbandsspitze aufkam, war in der Vergangenheit eher selten. Umso auffälliger war es bei den Paralympics in Tokio, als im Spiegel Sportschützinnen Mobbingvorwürfe gegen einen Trainer erhoben. Der Verband, hieß es, nehme die Vorwürfe offenbar nicht ernst - der DBS widersprach und kündigte "unverzüglich" Gespräche mit den Beteiligten an. Schützin Manuela Schmermund, stellvertretende Athletensprecherin, sagt nun, eine Aufarbeitung der Vorwürfe mit den Betroffenen habe es bis jetzt noch nicht gegeben. Beucher sagt, die Gespräche würden noch stattfinden.

Auch der Kugelstoßer Kappel hat Kritikpunkte am Verband. Er erwähnt die Bemühungen zur Vermarktung des Sports abseits der Paralympics, die ihm nicht schnell genug gehen. "Etwas besser machen kann man immer, es wäre auch komisch, wenn nicht", sagt er. Beucher würde ihm da wohl nicht widersprechen.

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