Bernhard Dietz Stollen unterm Kommunionsschuh

Ein Dokumentarfilm würdigt Bernhard Dietz, der Kapitän der Europameister von 1980 war und Duisburg immer treu.

Von Ulrich Hartmann

Szene aus der Karriere von Bernard Dietz: Im Bundesligaspiel gegen den FC Bayern setzt Dietz (re.) zur Grätsche gegen Uli Hoeneß an.

(Foto: Werek/imago)

Wäre Bernard Dietz heute Fußballprofi, dann würde er "ein Schweine-Geld" verdienen. Mit diesem Wort taxiert er selbst seinen theoretischen aktuellen Marktwert. 1200 Mark brutto im Monat hat er in seiner ersten Saison beim MSV Duisburg vor 48 Jahren verdient. Aber Dietz, 70, ist nicht wehmütig, schon gar nicht des Geldes wegen. "Ich danke dem lieben Gott, dass ich in den Siebzigerjahren spielen durfte", sagte er nach der Premiere eines ihm gewidmeten Dokumentarfilms. Die 80-minütige Liebeserklärung mit dem Titel "Ennatz" erzählt aus dem Leben des früheren Kapitäns der Nationalelf und spiegelt en passant den Kultur- und Wertewandel im Fußball wider. "Ich habe immer das Publikum als meinen Arbeitgeber betrachtet, weil es schließlich das Geld brachte", sagt Dietz im Film. Daraufhin applaudierten in der Premierenvorstellung im Duisburger Theater am Marientor die Zuschauer derart stürmisch, dass dem Ehrengast auf Platz elf in Reihe eins ganz warm ums Herz wurde.

Die Karriere von Bernard Dietz lässt sich anhand dreier Zahlen als etwas Besonderes deklarieren: Er spielte von 1970 bis 1982 zwölf Jahre am Stück für den MSV. Er ist mit 77 Toren bis heute der treffsicherste Abwehrspieler der Bundesliga. Und er ist mit 221 verlorenen Partien auch der Spieler mit den meisten Bundesliga-Niederlagen. Die letztere Zahl verkneift sich der charmante Film, auch an Fußballszenen wird gespart. Nur zwei Spiele werden detailliert wiedergegeben: der Duisburger 6:3-Bundesligasieg gegen den FC Bayern München am 5. November 1977, als Dietz vier Tore schoss; sowie das 6:6 im DFB-Pokal gegen die Bayern am 2. Mai 1984, als Dietz mittlerweile für Schalke 04 spielte und das zwischenzeitliche 5:5 erzielte. "Ein paar mehr Spielszenen hätte ich mir schon gewünscht", sagt Dietz über den Film, "aber er sollte eben vielmehr einen Einblick in mein Seelenleben gewähren" - und genau das schafft er gut.

"Im Golf geht es eben oft wellenmäßig voran" - er nahm sich vor, das zu akzeptieren

1980 reckt Dietzals Kapitän den EM-Pokal in die Höhe.

(Foto: imago)

"Mein Vater war ja Bergmann" lautet der häufigste Satz im Film. Für den Westfalen Dietz ist seine von Entbehrungen geprägte Kindheit im Bergbauviertel die Ausgangsperspektive für alles, was er später erlebt. Er erzählt schwelgerisch aus Zeiten, als die Kinder in den Straßen der Siedlung Fußball spielten, als sie Stollen unter ausgediente Kommunionsschuhe nagelten und als befreundete Fußballer Ligaspiele verpassten, weil ihre Brieftauben sich verflogen hatten, die sie suchen mussten. Man sieht Dietz zum Beispiel im Stadion seines Heimatklubs in Bockum-Hövel, dort, wo alles begonnen und er seine ersten Erfolge als Fußballer gefeiert hat. Das Stadion ist eine Baustelle, es ist kein Rasen mehr da, alles wird umgegraben, alles erneuert. Dietz steht am Rande und sinniert über Vergangenheit und Vergänglichkeit. Aber Familie, Fußball und Freunde, diese drei großen "F" seines Lebens, haben Bestand.

Zwei Wochen vor der Filmpremiere hat Dietz einen Herzinfarkt erlitten. "Dabei rauche und trinke ich nicht", sagt er irritiert. Eine erste Operation ist gut verlaufen, eine zweite steht ihm noch bevor. Er soll sich schonen, hat ihm der Arzt gesagt, aber ausgerechnet seine Liebe zum Fußball ist es, die ihm mitunter ein paar Sorgen bereitet. Sein MSV Duisburg, bei dem er als stellvertretender Vorstandsvorsitzender fungiert, hat nervenaufreibende Jahre hinter sich und muss sich unter dem neuen Trainer Thorsten Lieberknecht gerade schon wieder aus dem Tabellenkeller der zweiten Liga herauskämpfen. Die Zebras, so werden die MSV-Spieler wegen ihrer gestreiften Trikots genannt, tun sich schwer in der Gegenwart, anders als damals. "Das Zebra ist ein Wildpferd", sagt Bernard Dietz im Film mit einem verschmitzten Lächeln, "das kannst du nicht trainieren."

Als die Filmpremiere lief, am Samstagabend, hat Dietz das Länderspiel der Deutschen in Amsterdam verpasst. Dabei war ein Länderspiel gegen die Niederlande vor genau 40 Jahren sein erstes als Kapitän der Nationalmannschaft. Es war auch das einzige Spiel, das seine Mutter jemals im Stadion miterlebt hat. "Wo kommen nur all die Leute her?", hat sie nachher gefragt. "So ist das beim Fußball", hat ihr Sohn ihr erklärt. Sie wollte daraufhin nie wieder unter so vielen Menschen sein.

Zwei Jahre später führte der Kapitän Dietz unter dem Bundestrainer Jupp Derwall namhafte Kollegen wie Toni Schumacher, Manfred Kaltz, Bernd Schuster, Klaus Allofs und Karl-Heinz Rummenigge zum Europameistertitel. Die beiden Siegtreffer gegen Belgien schoss Horst Hrubesch. Der Moment, als Dietz in Rom den EM-Pokal entgegennahm, rührt seine Frau Petra noch heute zu Tränen. Ihr Mann erzählt lieber schelmisch jene Version, in der er der belgischen Königin Fabiola den Handschlag verweigerte. Er sei nämlich an jenem 22. Juni 1980 wie in Trance die Stufen der Haupttribüne im Olympiastadion emporgestiegen und habe dabei mit den Augen bereits derart den glänzenden Pokal fixiert, dass er gar nicht gemerkt habe, dass die Königin des unterlegenen Finalgegners ihm die Hand entgegenstreckte. Er sei einfach an ihr vorbeigegangen.

Eine Unverfrorenheit, die Bernard Dietz wirklich nur versehentlich passieren konnte. Denn einen Handschlag würde dieser äußerst freundliche Mensch nicht einmal dem unscheinbarsten Fußball-Fan verweigern.