Meisterschaft für Berliner VolleyballerGewankt, aber nicht gefallen

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Traditionsreiches Ritual: Berlins Volleyballer trinken zur Feier des Tages mal wieder Bier aus ihren verschwitzten Turnschuhen.
Traditionsreiches Ritual: Berlins Volleyballer trinken zur Feier des Tages mal wieder Bier aus ihren verschwitzten Turnschuhen. Stefan Flomm/dpa
  • Berlins Volleyballer sichern sich durch eine souveräne 3:0-Serie gegen Lüneburg ihren zehnten DM-Titel in Serie.
  • Die Volleys haben eine Saison voller Leiden und Trainerwechsel hinter sich.
  • Markus Steuerwald sprang als Co-Trainer ein und wurde binnen zwei Wochen zum Meister-Cheftrainer und Retter der verkorksten Spielzeit.
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Berlins Volleyballer sichern sich gegen Lüneburg ihre zehnte Meisterschaft in Serie. Doch der jüngste Titel war keine Selbstverständlichkeit. Denn die Volleys haben eine Saison voller Leiden hinter sich.

Von Sebastian Winter

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Als Berlins Diagonalangreifer Jake Hanes, dieser 2,12-Meter-Mann aus den USA, am Mittwochabend den Matchball verwandelte, da schien alles wie immer zu sein. Die Recycling Volleys hatten die SVG Lüneburg, die bereits in der vergangenen Saison den VfB Friedrichshafen als härtesten Rivalen abgelöst hatten, auswärts mit 3:1 geschlagen und die meisten der 3200 Zuschauer in der ausverkauften LKH-Arena verstummen lassen. Drei Siege in der Playoff-Finalserie, keine Niederlage, der zehnte Meistertitel in Serie, der 16. insgesamt: Berlin, so sind diese Zahlen auf den ersten Blick zu deuten, ist der Konkurrenz längst so weit entrückt wie der FC Bayern den nationalen Fußballgegnern.

Doch dass dieser Eindruck täuscht, zeigte sich schon, kurz nachdem Berlins Kapitän Ruben Schott um 21.26 Uhr die bronzefarbene Meisterschale in die Höhe stemmte. Schott, 31, mit seinem nun neunten DM-Titel ebenfalls einsam an der Spitze, sprach von einer „emotional unglaublich harten Saison. Viele haben uns das nicht mehr zugetraut“. Man kann sogar sagen, dass Berlin diesmal fast schon ein Überraschungsmeister ist. Denn die Volleys haben eine Saison voller Leiden, Rückschläge und Trainerwechsel hinter sich.

Manager Niroomand übt Selbstkritik: Den Frust einiger Spieler habe er unterschätzt, das „muss ich auf meine Kappe nehmen“

Drei ihrer ersten sechs Saisonspiele gingen verloren, die Abstimmung der Angreifer mit dem neuen Zuspieler Fedor Ivanov, der den so starken, nach Polen gewechselten Johannes Tille ersetzte, passte nicht. Auch die sonst so druckvollen Aufschläge verpufften weitgehend, die Annahme war nicht stabil genug. In vielen Mannschaftsteilen knirschte es so sehr, dass Berlins mächtiger Manager Kaweh Niroomand, 73, sich im Januar veranlasst sah, Trainer Joel Banks zu entlassen, der die Mannschaft in den beiden Jahren zuvor jeweils zum Double geführt hatte.

Niroomand, der zurzeit auch als Chef der Berliner Olympiabewerbung fungiert, übte am Donnerstag am Telefon auch Selbstkritik: „Wegen der Olympiabewerbung war ich nicht so nah an der Mannschaft wie sonst, um Stimmungen zu erkennen und früher zu sehen, dass die Verbindung zwischen Team und Trainer nicht da war. Einige Spieler waren frustriert, hatten keinen Bock mehr. Das habe ich unterschätzt und muss ich auf meine Kappe nehmen.“

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Der Brasilianer Alexandre Leal, bisheriger Assistent, ersetzte Banks, doch die Mannschaft fand noch immer keine Sicherheit. Sie kam nicht über die Champions-League-Gruppenphase hinaus, spielte im zweithöchsten Wettbewerb, dem CEV-Cup, weiter und schied dort im Viertelfinale aus. Im DVV-Pokal war im Halbfinale gegen Friedrichshafen Schluss.

Gegen ebenjene Friedrichshafener folgte dann im Playoff-Halbfinale drei Tage vor dem entscheidenden dritten Spiel der Best-of-three-Serie der nächste Tiefschlag: Trainer Leal bat zur Unzeit wegen familiärer Probleme um seine sofortige Freistellung. Die Saison schien für Berlin nun endgültig zu zerfallen, doch dann fand sich einer, der die Mannschaft in kürzester Zeit wieder zusammenführte. Der langjährige Nationalmannschafts-Libero und bisherige Volleys-Co-Trainer Markus Steuerwald sprang ein – und wurde binnen zwei Wochen nicht nur zum Meister-Cheftrainer, sondern auch zum Retter einer verkorksten Spielzeit.

„Er hat nicht versucht, den Big Boss zu spielen“; Markus Steuerwald, Berlins 14-Tage-Cheftrainer und Retter einer verkorksten Spielzeit.
„Er hat nicht versucht, den Big Boss zu spielen“; Markus Steuerwald, Berlins 14-Tage-Cheftrainer und Retter einer verkorksten Spielzeit. Georg Wendt/dpa

Der Champions-League-Sieger von 2007 (mit Friedrichshafen) und WM-Dritte legte viel Wert auf Kommunikation, er band die Spieler ein, begegnete ihnen auf Augenhöhe. „Mir war wichtig, dass jeder seine Meinung einbringen kann und wir gemeinsam Entscheidungen treffen“, sagte Steuerwald bei Dyn und zeigte sich auch später erleichtert: „Dass wir, bei allem, was war, das Momentum so umdrehen konnten und den Karren – man muss es so sagen – aus dem Dreck ziehen konnten, ist großartig.“

Das Bittere ist, dass Niroomand seinen 14-Tage-Meistertrainer nicht halten wird können. Denn Steuerwald hatte zwischenzeitlich bereits einen Vertrag als Chefcoach beim Ligakonkurrenten Grizzlys Giesen für die kommende Saison unterzeichnet. „Es spricht nichts dagegen, dass Markus eines Tages auch ein Trainer für uns sein kann. Er hat nicht versucht, den Big Boss zu spielen in seiner kurzen Zeit als Cheftrainer, das hat er gut gemacht“, sagt Niroomand.

Auch der US-amerikanische Punktegarant Hanes verlässt Berlin, wie Niroomand am Donnerstag bestätigte, überhaupt werde es „einen ziemlichen Umbruch geben“. Demzufolge soll die Annahme verstärkt werden, auch das Zuspiel, aus der Stammformation werden wohl nur die deutschen Nationalspieler Schott und Florian Krage bleiben. Eine Saison, in der Berlin in der Champions-League-Vorrunde ausscheidet und zwei Trainerwechsel vollzieht, möchte der Volleyball- und Olympiamanager Niroomand jedenfalls nicht mehr so schnell erleben. Möglicherweise kann er sich von Herbst an auch wieder ganz seinem Herzensklub widmen – falls Berlin dann beim Olympiaentscheid der deutschen Kandidaten durchfällt. Und dann wieder ganz nah bei den Spielern und Stimmungen sein.

Feiern werden die BR Volleys trotzdem noch, nach ihrer so schwierigen Saison. Am Samstag ist ein großes Abschiedsfest mit den Fans geplant. Samt einer Meisterschale, die zwischenzeitlich so wenig greifbar wie selten erschien.

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